Die Volkshochschule Baltmannsweiler hat einen Raum im Rathaus Hohengehren. Foto: Bulgrin - Bulgrin

Weil der Volkshochschulverband Baden-Württemberg von allen VHS-Standorten eine aufwendige Zertifizierung verlangt, wird in Baltmannsweiler nun darüber nachgedacht, wie die örtliche Bildungseinrichtung gerettet werden kann.

Für Petra Erlewein dreht sich gerade alles um die Zukunft der Volkshochschule (VHS) Baltmannsweiler. Diese ist derzeit nämlich alles andere als gesichert. Grund dafür ist der sogenannte Entwicklungsplan zur Steigerung der Zukunftsfähigkeit der baden-württembergischen Volkshochschulen, den der Volkshochschulverband Baden-Württemberg beschlossen hat. Bis spätestens Ende April 2022 sollen alle Volkshochschulen im Land durch ein Zertifikat als qualitätsgesichert ausgewiesen sein. Derzeit liegt die Quote laut Angaben des Dachverbandes bei knapp 80 Prozent. Gerade für kleine Standorte wirft das Probleme auf. Für die VHS Baltmannsweiler gibt es mehrere Möglichkeiten, weiterhin zu bestehen. Zum einen kann sie versuchen, ein Zertifikat zu erlangen und ihre Arbeitsweise auf die neuen Gegebenheiten einzustellen. Eine andere Variante wäre, dass die VHS erneut als Außenstelle in die VHS Esslingen aufgenommen wird – 2006 hatte sich die VHS Baltmannsweiler selbstständig gemacht. Als eine weitere Möglichkeit wäre es grundsätzlich denkbar, dass sich Baltmannsweiler vom VHS-Dachverband trennt und fortan unter einem neuen Namen Bildung vor Ort anbietet.

Alle diese Möglichkeiten haben Vor- und Nachteile, erklärt Erlewein, die seit 2014 Leiterin der VHS ist. Bei einem erneuten Anschluss an die VHS Esslingen sei die Existenz der Einrichtung in Baltmannsweiler zwar gerettet. Entsprechende Sondierungsgespräche mit dem Esslinger VHS-Betriebsleiter Arne Zielinski hätten bereits im Januar stattgefunden. Die Kosten wären – gerade für die Gemeinde – überschaubar. „Man zahlt da pro Unterrichtseinheit und pro Monat. Das ist gut kalkulierbar“, sagt Erlewein. Darüber hinaus wäre für genügend Werbung gesorgt. Aber Erlewein sieht auch mögliche Probleme. „Ich bin gerade dabei, bei anderen Dozenten und Leitern von VHS-Außenstellen Meinungen zu sammeln“, erklärt Erlewein. Natürlich gebe es unterschiedliche Meinungen, aber Dozenten, die von einer größeren VHS in einer Außenstelle eingesetzt seien, fühlten sich oft alleingelassen. Auch die festen Arbeitszeiten, so Erlewein, sehen einige als Nachteil. „Man kann nicht mehr so flexibel auf Probleme reagieren. Mich rufen die Leute teilweise auch am Wochenende an, wenn etwas ist.“ Neben einem schmäleren Kursangebot und eingeschränktem Kontakt mit den Teilnehmenden bereitet der VHS-Leiterin auch das Semesterprogramm Kopfzerbrechen. „Ich mache mir Sorgen, dass wir untergehen, wenn wir in dem dicken Programm mit allen anderen Standorten aufgeführt werden“, sagt sie. Außerdem: „Wir haben mit unseren Heftchen derzeit eine Vollabdeckung. Die passen in jeden Briefkasten. Die großen Programmhefte kann man nur an einigen strategischen Orten auslegen.“

Wer bei all den Einschränkungen denkt, die Zertifizierung wäre für die VHS Baltmannsweiler die einfachere Methode, der könnte sich täuschen. Der Volkshochschulverband hat drei strategische Ziele gesteckt, die die einzelnen Einrichtungen erfüllen müssen. Dazu gehört das Qualitätsmanagement durch ein anerkanntes Verfahren. Darüber hinaus müssen regionale Verbundstrukturen existieren – soll heißen, dass insbesondere kleinere Volkshochschulen „über dauerhafte Kooperations- oder Verbundstrukturen“ so zusammenarbeiten, „dass alle Interessierten vor Ort ein alle Themenbereiche umfassendes Weiterbildungsangebot vorfinden“, heißt es in dem Leitfaden. Das letzte große Ziel ist die professionelle Leitung. Alle Volkshochschulen sollen bis spätestens Ende April 2022 nachgewiesenermaßen von einer professionellen, hauptberuflichen Leitung geführt werden. In einer VHS-Broschüre zu dem Thema wird dafür eine doppelte Qualifikation gefordert, nämlich ein abgeschlossenes fachlich-pädagogisches Universitäts- oder Hochschulstudium sowie breite Kenntnisse und Interessen im Bildungs- und Kulturbereich, pädagogische Kenntnisse, Erfahrung in der Weiterbildung. Dazu werden betriebswirtschaftliche Kenntnisse und Erfahrungen in der Außenvertretung verlangt. „So jemand kostet dann aber bestimmt auch mehr als beispielsweise ich“, unterstreicht Erlewein die zusätzlichen Kosten für die Gemeinde.

Auch die anderen Anforderungen an VHS-Standorte seien nicht einfach zu erfüllen. „Wir kooperieren mit der Volkshochschule in Aichwald, weil wir hier keine Computerkurse anbieten können“, erklärt Erlewein. Alle Themenbereiche lassen sich dennoch nicht abdecken, ist sie sich sicher. „Wir machen zum Beispiel keine Integrationskurse, weil der Aufwand für uns riesig ist. Ähnlich ist es mit Alphabetisierungskursen. Ich glaube einfach nicht, dass die zustandekommen würden.“ Zu den Sparten, die bedient werden müssen, gehört auch die berufliche Weiterbildung. „Das sind Kurse, in denen man teilweise auch Abschlüsse machen kann“, so Erlewein. Als Leiterin einer kleinen Volkshochschule bemühe sie sich stets, kostendeckend zu arbeiten. „Kurse anzubieten, von denen ich weiß, dass sie nicht voll werden oder dass ich keinen Dozenten dafür finde, widerspricht dieser Einstellung.“

Auch der Vorgang der Qualitätssicherung wäre für die VHS Baltmannsweiler – und damit für die Gemeinde – kostspielig, sagt Erlewein. „Es müsste eine Gruppe von fünf Leuten gebildet werden, die aus der VHS-Leitung, der Dozenten- und der Teilnehmerschaft kommen“, erklärt sie den Vorgang. „Diese müssen sich alle vier Wochen zusammensetzen und eine bestimmte Fragestellung bearbeiten. Zu jeder Rezertifizierung müssen sich diese Leute wieder zusammensetzen.“ Das werfe mehrere Probleme auf. „Zum einen macht das vermutlich niemand umsonst, man müsste also Sitzungsgeld zahlen. Das wären bestimmt 3000 Euro im Jahr.“ Zwar biete der Dachverband einmalig 3000 Euro für eine Erstzertifizierung. Allein die Zertifizierung selbst kostet aber 500 Euro. Das Zertifikat gilt dann drei Jahre. „Allerdings dauert der Prozess für die Rezertifizierung ein Jahr, sodass man nach zwei Jahren schon damit beginnen müsste.“ Zudem sei nicht gesichert, dass sich jedes Mal, wenn eine Rezertifizierung anstehe, die Gruppe wieder in der gleichen Besetzung zusammenfindet.

Aber auch ein eventueller Austritt aus dem Dachverband sei mit großen Schwierigkeiten verbunden. „Dann gäbe es für uns keine Zuschüsse mehr vom Land pro Unterrichtseinheit“, sagt sie. „Und ohne einen Dachverband kann man sich auch nicht auf solche Zuschüsse bewerben.“ Auch der Rechtsschutz, mit dem der Dachverband den VHS-Standorten den Rücken deckt, ginge verloren. Ein zusätzlicher Haken: Fortbildungen und Workshops, die der Dachverband für VHS-Mitarbeiter anbietet, könnten nicht mehr genutzt werden.

Die Entscheidung über die Zukunft der VHS Baltmannsweiler liegt unterdessen nicht bei Petra Erlewein. Stattdessen hat der Gemeinderat darüber zu entscheiden, in welcher Form die Bildungseinrichtung weiter besteht. „Ich erstelle gerade eine Liste mit Pros und Kontras der verschiedenen Varianten“, erklärt Erlewein. Diese soll dem Gremium spätestens Anfang 2020 vorgelegt werden.

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