Tim Walter hat weiterhin beste Laune. Foto: dpa - dpa

Tim Walter, Trainer des VfB Stuttgart, erregt im Vorfeld des Derbys gegen den Karlsruher SC mit einer Ansage an den Gegner für Aufsehen.

StuttgartDie Spur führt zurück nach Karlsruhe. Mitten in den Wildpark, wo vor elf Jahren ein Trainingscamp für Kinder abgehalten wurde. Der frühere Bundesligaprofi Helmut Hermann machte mit seiner Fußballschule auf dem Gelände seines ehemaligen Arbeitgebers, dem Karlsruher SC, Station – dabei gehörte zu seinen Mitarbeitern ein gewisser Tim Walter, damals Sportstudent und Amateurspieler.

Walter kam während dieser Tage mit Verantwortlichen des KSC ins Gespräch. Schnell stellte sich heraus, dass der Traditionsclub einen Co-Trainer für sein U-19-Team suchte. Ein Gespräch genügte dem Nachwuchscoach Markus Kauczinski letztlich, um Walter an seine Seite zu holen. Die persönliche Chemie zwischen den beiden stimmte sofort, und die Leidenschaft für den Fußball verband sie.

So hat sie begonnen, die Trainerkarriere des Tim Walter. Der heute 44-Jährige war zur rechten Zeit am richtigen Ort, arbeitete sieben Jahre lang beim KSC. Erst vertraute man ihm die U 15 an, später die U 17 und die U 19. Walter war dabei clever genug, sein Engagement für die Badener schon früh an eine Festanstellung zu knüpfen. Er, der durchaus talentierte, aber auch sensible Spieler des ASV Durlach, hatte seine Profession gefunden.

„Ich weiß nicht, ob Tim Walter schon früh eine Profikarriere als Trainer im Kopf hatte, aber er war von Anfang an ehrgeizig und zielstrebig“, sagt Edmund Becker. Der Leiter des KSC-Nachwuchsleistungszentrums kennt Walter seit Langem, beschreibt ihn als „impulsiv und direkt“. Diese Charaktereigenschaften haben Walter mit seiner Besessenheit für das Spiel nun an den Punkt gebracht, an dem er heute steht: Cheftrainer des VfB Stuttgart – und ausgerechnet im Landesderby gegen die Karlsruher an diesem Sonntag (13.30 Uhr) steht für Walter viel auf dem Spiel.

Sportlich, weil der große Aufstiegsfavorit nach zuletzt vier Niederlagen in fünf Ligapartien als Tabellendritter den eigenen Erwartungen hinterherhinkt. Emotional, weil die Stimmung rund um den Wasen in nächster Zeit maßgeblich vom Ausgang dieser brisanten Begegnung abhängen wird. Und persönlich, weil die Kritik am Trainer nach nur fünf Monaten Arbeit an der Mercedesstraße zunimmt.

Immer mehr Fans wundern sich über Walters Außendarstellung. Als großmäulig nehmen sie ihn wahr, weil er ergebnisunabhängig selbstbewusst auftritt. Weil er Sätze sagt, die provozieren. Weil er versucht, die Krise wegzulächeln. Weil er bisweilen eine Körpersprache an den Tag legt, die andere als arrogant empfinden. Zum Beispiel erklärt Walter vor dem Derby: „Ich hinterfrage nicht, was wir grundsätzlich tun.“ Oder: „Wir werden die nötigen Tore erzielen und keines kassieren.“

Solche Aussagen kommen beim schwäbischen Fußballvolk nicht gut an. Sie reizen zudem den Gegner. „Er hat uns kein Tor zugetraut, obwohl wir mehr erzielt haben als sie“, sagt Alois Schwartz. Der KSC-Trainer stuft das Auftreten seines Kollegen als Geringschätzung ein und fährt die Retourkutsche: „Ich habe Respekt vor jedem Gegner. Wenn der Herr Walter das nicht hat, ist das seine Sache.“

Gemeint war die ursprüngliche Äußerung ganz und gar nicht respektlos, da Walter auch die Stärken des KSC erwähnte. Doch mit solch leichtfertigen Worten erhöht sich die Fallhöhe – für Walter, das Team und den Verein, da der Coach dessen Repräsentant ist. Walter weiß das. Er will sich jedoch von der zunehmenden Unruhe nicht beeinflussen und erst recht nicht verbiegen lassen. Der Mann, der vor der Saison von Holstein Kiel geholt wurde, geht seinen Weg. Unbeirrt. Und wer nachvollziehen will, warum Walter so ist, wie er ist, muss wissen, wo er herkommt und wie er seinen Job versteht.

Die Zeit als Jugendtrainer beim KSC hat ihn geprägt. Walter hat schon damals nicht nur versucht, Offensivfußball zu vermitteln, sondern er war ein Rundumkümmerer. Er diente seinen Spielern als Fahrer und bot Hausaufgabenhilfe an. „Der Mensch steht bei mir im Mittelpunkt“, nennt der Trainer sein Credo – und will selbst gerne als Mensch wahrgenommen werden. Als jemand, der sich mit voller Energie und ganzer Emotionalität für die Mannschaft einbringt. „Wenn die Spieler nach draußen schauen, dann sollen sie wissen, dass der Verrückte an der Seitenlinie alles für sie gibt“, sagt Walter.

Auch aus diesem Grund wurde der gebürtige Bruchsaler verpflichtet. Der Sportvorstand Thomas Hitzlsperger und der Sportdirektor Sven Mislintat wollten einen modernen Trainer, der nicht nur einen neuen Fußball implantiert, sondern ebenso seine immense Motivation auf die Mannschaft überträgt. Sie fanden Walter und seinen radikalen Ansatz, als sie den Spieler Atakan Karazor beobachteten.

Beim VfB verbreiteten sie anschließend wieder die Botschaft vom Neuanfang nach dem Abstieg und der Nachhaltigkeit der Erfolgs im Falle des angestrebten Wiederaufstiegs. Alles mit dem authentischen Walter. Doch schon in der ersten Ergebniskrise steigt intern die Nervosität. Hitzlsperger und Mislintat schauen gegen den KSC bereits sehr genau hin, wie die Partie läuft. Was wieder einmal die These stärken könnte, dass sie in Stuttgart stets den Trainertyp haben wollen, der gerade nicht da ist. Siehe bei Walters Vorgänger: Als Tayfun Korkut ein Defensivkonzept mit erfahrenen Kräften vertrat, sehnte man sich nach forschem Jugendstil, und als beim teilnahmslos wirkenden Markus Weinzierl im Grunde kein Plan zu erkennen war, wünschte man sich erst Emotionalität und dann Erneuerung.

Mit Walter sind Veränderungen gekommen. Sie zu festigen, erfordert jedoch Geduld – und Zeit erhält im Profifußball nur derjenige, der gewinnt. Weniger derjenige, der polarisiert. Dennoch will sich Walter nicht dem Diktat der Ergebnisse unterwerfen. Er versteht sich als Entwickler. Voller Überzeugung widmet sich der Fußballlehrer dieser Aufgabe. Durch das Verbessern der einzelnen Spieler will er die Mannschaft vorwärts bringen.

Die Gruppe weiß er auch hinter sich. Selbst die Routiniers folgen Walter und tragen das mutige Spiel nach vorne mit. Weil sie die ehrliche Art des Trainers schätzen. So hat er das immer gemacht, wie sich Edmund Becker erinnert: „Tim Walter ist schon als Jugendtrainer mit seiner Spielweise ins Risiko gegangen.“ Jetzt könnte es zu einem Spiel mit dem Feuer werden. Denn Walter ist gerade erst dabei, zu lernen, was es bedeutet, Spuren in einem großen Verein hinterlassen zu wollen.

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