Der VfB steht vor einem speziellen Fußball-Abend. Die Spieler sprechen über Träume, der Trainer erinnert sich an 2017. Was macht das Stadion so besonders?
Es ist noch nicht lange her, da waren die Play-offs der Europa League beim VfB Stuttgart in etwa so beliebt wie späte Gegentore und Muskelverletzungen. Bloß nicht diese beiden zusätzlichen Spiele, nur keine weiteren englischen Wochen im Februar, hieß es unisono von Spielern und Verantwortlichen. Für dieses Ziel fehlte letztlich ein Punkt in der Ligaphase – und jetzt, da die zwei Partien um den Einzug ins Achtelfinale anstehen, hat sich die Sichtweise in Bad Cannstatt um 180 Grad gedreht. Aus Last ist Lust geworden, was ganz wesentlich am Gegner und dessen Heimspielstätte liegt.
Das Hinspiel am Donnerstag (21 Uhr/RTL) bei Celtic Glasgow sorgt schon jetzt für das große Kribbeln, der schottische Traditionsclub ist schließlich nicht irgendjemand auf der europäischen Fußball-Landkarte. „Celtic auswärts?“, setzt etwa Stürmer Ermedin Demirovic an und schwärmt: „Man hat als Kind dieses Stadion in Erinnerung und immer den Traum gehabt, da mal zu spielen. Es ist ein Highlight für jeden, im Celtic-Park auflaufen zu dürfen.“ Er erwarte nichts weniger als Champions-League-Stimmung. Über Königsklassen-Erfahrung verfügt der Club tatsächlich reichlich – zwölf Mal stand Celtic in der Gruppenphase, den Vorgänger-Wettbewerb gewann man einst 1967 sogar.
Sebastian Hoeneß war 2017 zu Gast in Glasgow
Abhängig vom Wettbewerb ist die Stimmung im Osten Glasgows aber nicht. Es geht prinzipiell enthusiastisch zu bei Celtic, dessen Fans als besonders sangesfreudig und zugleich nicht aggressiv gelten. 2002 wurde die Arena im Stadtteil Parkhead in einer Umfrage der BBC einmal zum beliebtesten Stadion Großbritanniens gewählt. Mit 60 Prozent und großem Abstand vor dem Millennium Stadium in Cardiff (28 Prozent). Wie auf der Insel üblich, sind auch im Celtic-Park die Abstände zwischen Tribünen und Spielfeld minimal und die Anhänger entsprechend nah dran.
Mit dem VfB selbst erlebt hat das logischerweise kein Spieler aus dem derzeitigen Kader: Viele waren noch gar nicht geboren, als die Stuttgarter in den ersten und bislang letzten Duellen beider Clubs 2003 im Achtelfinale des Uefa-Cups ausschieden. Die Bilder in Grün-Weiß aus dem größten Stadion Schottlands (rund 60 000 Plätze) haben die Spieler in den Jahren danach aber natürlich dennoch erreicht. „Ich habe Videos gesehen und auch damals die Champions-League-Spiele“, sagt VfB-Innenverteidiger Jeff Chabot, „es waren ja einige große Spiele da. Wir freuen uns einfach auf die Kulisse.“
Und: Einer aus der VfB-Mannschaft hat auch schon seine persönlichen Erfahrungen gemacht. Der Cheftrainer. Im Oktober 2017 gastierte Sebastian Hoeneß mit der U 19 des FC Bayern in der Youth League bei Celtic Glasgow. Der Sieg seiner Youngsters wird zwar nicht auf alle Ewigkeit in Erinnerung bleiben, rund 300 Zuschauer verfolgten die Partie damals im weit außerhalb gelegenen Cappielow Park. Aber: Im Anschluss war noch genug Zeit, um die 40 Kilometer ins Zentrum zu fahren und abends das Spiel der Münchner in der Champions League im Celtic-Park (2:1) zu verfolgen. Auf der Trainerbank: Jupp Heynckes. Dahinter auf der Tribüne: Sebastian Hoeneß. „Die Stimmung ist enorm, ein tolles Erlebnis“, sagt der VfB-Coach heute rückblickend: „Es ist schwierig, aber hoch motivierend, dort zu spielen.“
Zur atmosphärischen Herausforderung kommt auch eine sportliche. Zwar ist die schottische Premiership in ihrer Breite nicht auf dem Level der europäischen Topligen – dass die besten Mannschaften aber international konkurrenzfähig sind, beweisen sie Jahr für Jahr. Celtic setzte in dieser Saison auf europäischer Bühne vor allem in der Fremde beim FC Bologna (2:2) und bei Feyenoord Rotterdam (3:1) Ausrufezeichen. In der Liga ist das Team von Trainer Martin O’Neill mit drei Punkten Rückstand und einem Spiel weniger als Tabellenführer Heart of Midlothian mittendrin im Rennen um die Meisterschaft, seit zehn Pflichtspielen hat Celtic nicht mehr verloren.
Klar ist aber zugleich: Auch der VfB tritt derzeit stabil auf und wird an diesem Mittwoch selbstbewusst in den Flieger steigen. Die Kulisse soll deshalb mehr anspornen als einschüchtern. „Natürlich haben wir Respekt, aber die Vorfreude überwiegt“, sagt Demirovic. „Wir können da mit einer extrem breiten Brust auftreten, weil wir über Monate gute Leistungen gezeigt haben. Wir sind gerade in einer guten Verfassung.“ Das gilt im Übrigen laut Hoeneß auch für den Rasen, den er aus der Ferne in einem guten Zustand sieht. Kurzum: Es ist alles angerichtet für einen besonderen Fußballabend.