Durch den Abgang von Orel Mangala ergeben sich im Mittelfeld des VfB Stuttgart für eine Reihe von Spielern neue Chancen. Ein Youngster hat die Nase derzeit vorne.
Sein Antritt ist stark. Mit langen Schritten zieht Naouirou Ahamada dann mit dem Ball am Fuß los. In guten Momenten wirkt eine solche Aktion fast unwiderstehlich, weil sich der junge Franzose schnell und gewandt bewegt. Ein, zwei Gegenspieler kann das Mittelfeldtalent des VfB Stuttgart auf diese Weise einfach stehen lassen und großen Raum überbrücken, wie er zuletzt nicht nur im DFB-Pokalspiel bei Dynamo Dresden gezeigt hat. Und die Häufigkeit, dass anschließend ein kluger Pass oder ein guter Abschluss folgt, nimmt mit der wachsenden Sicherheit im Spiel des 20-Jährigen zu.
Doch Ahamada kann auch anders. Er setzt sein Dribbling in solchen Augenblicken gerne am eigenen Strafraum an. Mit vollem Risiko, wie es erneut im Rudolf-Harbig-Stadion passiert ist – und der Ball plötzlich weg war, als ihn der Bundesligist in einer heißen Phase der Pokalpartie beim Drittligisten besser in den eigenen Reihen gehalten hätte. Eine Szene, die der Trainer Pellegrino Matarazzo seinem Schützling vorhalten wird, damit er weiter lernt. Denn Ahamada hat sich während der Vorbereitungsphase in den Vordergrund gespielt. Zunächst als Alternative zu Orel Mangala, und jetzt als der potenzielle Nachfolger des Belgiers, der nach England zu Nottingham Forest gewechselt ist.
Entwickeln statt fertig einkaufen
„Wir werden Orel nicht eins zu eins mit einem externen Spieler ersetzen können, weil wir nicht über die finanziellen Ressourcen verfügen. Deshalb müssen wir schon lange vorher nach Talenten schauen und sie selbst entwickeln“, hat der Sportdirektor Sven Mislintat im VfB-Podcast unserer Redaktion dazu kürzlich erklärt.
Seit zwei Jahren gehört Ahamada zum Stuttgarter Kader, und mit ihm anstelle des ballsicheren Mangala verändert sich nun das Spiel. Der Juniorennationalspieler pumpt sozusagen frisches Blut in das Herzstück. Mit seinem Tempo, seinem Mut und seinem direkten Zug nach vorne. Alles an der Seite von Wataru Endo, der nach wie vor den Fixpunkt im Mittelfeld darstellt. Um ihn herum kreisen neben Ahamada noch Enzo Millot und Lilian Egloff. In anderen Rollen, weil Millot und Egloff aktuell von der Bank kommen und ihr Spiel offensiver ausgerichtet ist. „Sie alle haben während der Vorbereitung gezeigt, was sie draufhaben“, sagt Mislintat und zeichnet an ihnen die unterschiedlichen Wege in die Bundesliga-Mannschaft nach.
Unterschiedliche Wege in die Bundesliga
Ahamada kam von Juventus Turin. Als 18-Jähriger. Ein hochbegabter Teenager, der sich bei seinen ersten Profieinsätzen im VfB-Trikot in manchen Situationen noch wie ein Jugendspieler verhielt. Oder ungestüm grätschte und sich einen frühen Platzverweis einhandelte. Gebremst wurde der Mittelfeldspieler jedoch vor allem durch Verletzungen. Jetzt ist er fit, in Form und sein Spiel – auf der Doppelsechs oder der Achterposition – wirkt deutlich gereift.
Millot wechselte vor einem Jahr nach Stuttgart. Zuvor hatte er eine Saison lang mit der Ligue-1-Mannschaft der AS Monaco trainiert. Nun präsentiert sich der 20-Jährige verletzungsfrei und spielfreudig. Mit einem feinen linken Fuß. Dabei bewegt sich Millot fast wie eine Gazelle zwischen den Linien des Gegners – mit großer Leichtigkeit. Matarazzo sieht den Franzosen deshalb auch mehr auf der Achterposition. Als Herausforderer mit anderem Profil für den Tempodribbler Chris Führich.
Ähnlich verhält es sich mit Egloff, dem Eigengewächs. Ein Zocker mit dem Gespür für entscheidende Aktionen. Allerdings fiel der 19-Jährige die meiste Zeit verletzt aus, seit er vor zwei Jahren fest in den Profikader übernommen wurde. Über die zweite Mannschaft wurde er wieder an höhere Aufgaben herangeführt. Nun tritt Egloff schmerzfrei und deutlich athletischer auf als zuvor.
„Da wächst gerade viel heran“, sagt Mislintat mit Blick auf das Ganze. Junge Spieler von außerhalb mischen sich mit jungen Spielern aus dem eigenen Nachwuchsleistungszentrum. So stellt sich der Sportdirektor die Zukunft des VfB vor. In der Gegenwart könnten die Stuttgarter schon bald von dem Mittelfeldmix rund um Endo profitieren.
Wataru Endo ist der Fixpunkt
Der Kapitän besetzt das Zentrum. Jedenfalls so lange, bis Atakan Karazor (im Aufbautraining nach wochenlanger Untersuchungshaft in Spanien) oder Nikolas Nartey (verletzt) wieder einsatzfähig sind. Auch sie können die wichtige Position vor der Abwehr übernehmen, allein oder in Kombination. Dadurch würde wiederum Endo mehr Freiheiten nach vorne erhalten. Doch am Sonntag (15.30 Uhr) beim Ligastart gegen RB Leipzig ist der Japaner als Stabilisator gefragt. Auch, um Ahamada, der sowohl zu den fünf schnellsten wie zu den fünf ausdauerstärksten Spielern beim VfB zählt, die Möglichkeit für seine Antritte zu verschaffen.