Silas Wamangituka ist so schnell wie kaum ein anderer – doch vergisst er hin und wieder, den Ball rechtzeitig abzuspielen. Foto: Baumann - Baumann

Acht Millionen Euro hat der VfB für Silas Wamangituka bezahlt. Viel Geld für einen Spieler aus der zweiten französischen Liga – doch könnte es sich als sehr lohnende Investition herausstellen.

StuttgartPeter Reichert, das ewig jung gebliebene und stets gut gelaunte Urgestein des VfB Stuttgart, hat in Bad Cannstatt schon sehr viele Stationen durchlaufen. Er war Meisterstürmer 1984, Teamchef der Traditionself, Fanbetreuer, Beauftragter für dies und das – und als Mannschaftsbetreuer zuletzt für die Organisation rund ums Profiteam zuständig. Neuerdings muss der 58-Jährige trotz lädierter Knochen auch noch täglich seine Kickstiefel schnüren – auf besonderen Wunsch von Cheftrainer Pellegrino Matarazzo, der zwar perfekt Deutsch, Englisch und Italienisch spricht, des Französischen aber nicht mächtig ist.

Reichert hingegen beherrscht diese Sprache seit seinen Jahren bei Racing Straßburg und dem FC Toulouse durchaus solide – und wurde daher nach Matarazzos Dienstantritt mit einer Spezialaufgabe betraut: In jeder Trainingseinheit steht er mit auf dem Spielfeld, um als Dolmetscher die Anweisungen des Trainers weiterzugeben. An den Belgier Orel Mangala, den Franzosen Tanguy Coulibaly – und nicht zuletzt an Silas Wamangituka, den Stürmer aus dem Kongo, der besonders aufmerksam zuhören sollte, wenn Reichert übersetzt.

Unter den vielen jungen Spielern, die Sven Mislintat seit Saisonbeginn nach Stuttgart geholt hat, besitzt Wamangituka (20) die wohl besten Voraussetzungen, um zu einem Topspieler zu reifen. Er ist aber auch derjenige, der im taktischen Bereich besonders großen Nachholbedarf hat. Stolze acht Millionen hat der VfB im Sommer dem französischen Zweitligisten FC Paris für den 1,89-Meter-Schlaks bezahlt, dessen Namen nur Insidern ein Begriff war. Inzwischen verstehen auch weniger informierte Fußballfreunde, dass sich die hohe Ablöse in absehbarer Zeit als sehr lohnende Investition herausstellen könnte.

Wamangituka ist mit einer Fähigkeit gesegnet, die im modernen Fußball zu den entscheidenden gehört: atemberaubender Geschwindigkeit. Es gibt in der zweiten Liga kaum einen anderen Profi, der es auf längeren Strecken mit dem VfB-Stürmer aufnehmen kann, das zeigt er bei seinen Flügelläufen regelmäßig. „Das ist eine Komponente, die unserem Spiel sehr guttut“, sagte Sven Mislintat, nach dem 3:0-Sieg gegen Erzgebirge Aue, als Wamangituka mit seinen Sprints gleich mehrmals Aufsehen erregte. Mehrmals verpasste er aber auch den richtigen Zeitpunkt zum Abspiel. Wäre es jetzt schon anders, hätte ihn der VfB wohl gar nicht bekommen.

Es klingt wie ein billiges Vorurteil, ist aber eine vielfach belegte Tatsache, dass bei jungen Spielern aus Afrika die taktische Disziplin mit der überragenden Physis häufig nicht ganz Schritt hält. Wamangituka, der mit 18 aus dem Kongo nach Frankreich kam, ist dabei keine Ausnahme, was in seinem jungen Alter auch niemanden verwundern kann. „Enormes Potenzial“ bescheinigt VfB-Trainer Pellegrino Matarazzo dem Angreifer, sagt aber auch: „Er ist noch ein bisschen verspielt.“

Einen Spagat bedeutet es, einen solchen Spieler in eine taktische Grundordnung zu integrieren, ohne ihm den Spieltrieb und die Möglichkeit zu nehmen, den Gegner auch mal mit ganz unorthodoxen Aktionen zu überraschen. Wie viel individuelle Freiheit darf sein, wie viel Disziplin muss sein? Es ist eine Frage, die in der Ausbildung des deutschen Nachwuchses derzeit heiß diskutiert wird, seit man feststellen musste, dass allein mit Fußballrobotern keine Titel zu gewinnen sind. Von Pellegrino Matarazzo wird diese Frage so beantwortet: „Vor allem im Offensivbereich dürfen sich die Spieler auch ausleben, man sollte ihnen nicht alles verbieten.“ Seine Aufgabe bestehe aber auch darin, „konsequent zu bleiben und darauf hinzuweisen, wenn ein Hackentrick nicht nötig ist“. Das Entscheidende: „Die Spieler dürfen Fehler machen, wichtig ist, was sie daraus lernen.“

Wamangituka scheint auf einem guten Weg und hat bereits einiges dazugelernt. Mit fünf Toren liegt er hinter dem verletzten Nicolas Gonzalez auf dem geteilten zweiten Rang in der Torjägerliste und ist dabei, sich dank seiner unwiderstehlichen Sturmläufe und seiner Unberechenbarkeit zum Publikumsliebling zu entwickeln. Zuletzt stand der Kongolese zweimal hintereinander in der Startformation – im Pokal in Leverkusen und beim Heimsieg gegen Aue. Auch im Spiel am Montag (20.30 Uhr) beim VfL Bochum dürfte er gesetzt sein und will weiter dazu beitragen, den VfB zurück in die Bundesliga zu bringen.

Es sei „schon länger mein Wunsch gewesen, in Deutschland zu spielen, weil mich der deutsche Fußball schon immer interessiert hat“, sagte Wamangituka nach seiner Verpflichtung im vergangenen Sommer. Wohl nicht die schlechteste Wahl – für den VfB und auch den jungen Spieler selbst. Schließlich gibt es in Fragen der Disziplin noch immer kaum eine bessere Adresse als die deutschen Profiligen.

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