Thomas Hitzlsperger Foto: dpa - dpa

Auf dem Papier erfüllt Thomas Hitzlsperger eigentlich keine der Anforderungen

StuttgartKeine Frage: Bernd Gaiser ist ein Mann mit Prinzipien. Gewissenhaft hat er das Auswahlverfahren des Vorstandsvorsitzenden beim VfB Stuttgart in die Entscheidungsphase geführt. Stets auf Neutralität und Objektivität achtend. Nichts Negatives sollte dem Prüfungsprozess in einer sensiblen Phase der Vereinspolitik anhaften.

Der Unternehmensberater, der den Verein seit Mitte Juli als Vizepräsident interimsweise führt, ist jedoch auch ein Mann der Tat. Seriös und souverän hat Gaiser in seiner Rolle als aktueller Aufsichtsratschef der Fußball-AG die Personalie Thomas Hitzlsperger während der offiziellen Vorstellung moderiert. Der 37-Jährige wird bekanntlich der neue starke Mann des Zweitligisten. Wobei das Anforderungsprofil, seit Beginn der Suche, immer das gleiche geblieben sei, wie Gaiser auf Nachfrage ausführte.

Doch nach Informationen unserer Redaktion wurden zumindest die Prämissen, unter denen der Posten neu geschaffen werden sollte, verändert – zugunsten von Hitzlsperger. Drei Vorgaben sollen es gewesen sein, als im Frühjahr begonnen wurde, nach Kandidaten zu fahnden. Erstens: Der Neue sollte von außen kommen. Zweitens: Er sollte bereits Erfahrung auf einer Führungsposition vorweisen. Drittens: Er sollte auch als Korrektiv eingesetzt werden, um die Macht des Sportvorstandes zu beschränken.

Auf der Papierform erfüllt Hitzlsperger keine dieser Anforderungen, und der Aufsichtsrat soll sich geschmeidig gezeigt haben. „Unser Anforderungsprofil war unheimlich breit angelegt. Deshalb wussten wir von Anfang an, dass es niemand zu hundert Prozent erfüllen kann“, erklärt Gaiser, „schließlich ist es derjenige geworden, der es am besten erfüllt hat.“ Die ursprünglich formulierten Vorgaben seien keine K.-o.-Kriterien gewesen, vielmehr Wunschkriterien.

Voll überzeugt sind sie nun beim VfB von Hitzlsperger, da er dem Kontrollgremium nach drei Jahren Arbeit außerhalb des Platzes eine fundierte Ist-Analyse vorlegte und daraus eine „Vision“ für den VfB ableitete. Ausführen mochte sie der künftige Boss jedoch nicht, da Hitzlsperger erst mit seinen beiden Vorstandskollegen Stefan Heim (Finanzen) und Jochen Röttgermann (Marketing) darüber reden will. Danach mit einer Reihe von Mitarbeitern, ehe er mit dem Konzept an die Öffentlichkeit geht.

Selbst kontrollieren?

Unverbindlich bleibt Hitzlsperger also in vielen Punkten. Und aus dem Meisterspieler von 2007 spricht in den wohl durchdachten Sätzen nicht nur der Sympathie- und Hoffnungsträger der Stuttgarter, sondern auch der Kommunikationsprofi. Der einstige TV-Experte gibt ein gutes Bild ab, doch ein Gegengewicht zum Sportchef, wie es unter dem zurückgetretenen Präsidenten Wolfgang Dietrich vorgesehen war, gibt es in der Vorstandskonstellation nicht.

Dieselben drei Führungskräfte, die vorher schon da waren, sitzen am Tisch – und erfüllen die Aufgaben, die zuvor scheinbar nur durch eine zusätzliche Kraft zu bewältigen waren. Allerdings ist Hitzlsperger jetzt der Vorgesetzte der zuvor gleichrangigen Finanz- und Marketingchefs. In seiner Doppelfunktion als Sportvorstand wird das Gebot des Korrektivs gar umgangen. Oder wie soll sich Hitzlsperger selbst kontrollieren? Der VfB verweist diesbezüglich darauf, dass noch zusätzliche Sportkompetenz in die Gremien aufgenommen werden soll, um im Austausch vorwärtszukommen.

Ebenso ist es erstaunlich, dass gestandene Topmanager von Weltunternehmen wie Wilfried Porth (Daimler), Hartmut Jenner (Kärcher) oder Franz Reiner (Mercedes-Benz-Bank) die Geschicke des VfB in die Hände eines Novizen legen. In Zeiten, da die Suche nach einem zweiten Investor im Gange ist und der Sponsorenvertrag mit dem Partner Kärcher im nächsten Jahr ausläuft.

Noch wenige Wochen vor Hitzlspergers Beförderung hatte der Jurist Robert Schäfer (früher Vorstandsvorsitzender bei Fortuna Düsseldorf) den Aufsichtsrat überzeugt. Doch nach der turbulenten Mitgliederversammlung im Sommer und Dietrichs Abgang hat sich offenbar ein Sinneswandel vollzogen. Zum einen, weil Schäfer als Dietrichs erste Wahl galt und damit nach außen als schwer vermittelbar. Zum anderen wird rund um den Wasen gemutmaßt, dass sich der Aufsichtsrat mit Hitzlsperger samt seiner Fußballkompetenz einen Nebeneffekt auf einer zweiten Ebene verspricht: Mit dem früheren Nationalspieler an der Spitze soll der Bewerbung von Guido Buchwald als künftiger Vereinspräsident Wind aus den Segeln genommen werden.

Buchwald ist bei den Fans beliebt, gilt jedoch im internen Kreis als wenig geeignet. Der Aufsichtsrat weist solche Gedanken von sich. „Wir haben im Aufsichtsrat keine taktischen Diskussionen geführt. Es ging uns einzig und allein um die bestmögliche Besetzung des neuen Vorstandsposten in der AG“, sagt Gaiser. Als ein Mann von Prinzipien versicherte er zuvor: „In Sachen Bewerber für das Präsidentenamt habe ich zwar eine persönliche Meinung, aber aus dem Verfahren halte ich mich total raus.“ Das ist eine Angelegenheit des Vereinsbeirats – und Gaiser vertraut dem Gremium, die richtige Auswahl für die Mitgliederversammlung am 15. Dezember zu treffen. Er selbst wird nicht zur Verfügung stehen, wie Gaiser erneut betont – obwohl eine wachsende Schar von Mitgliedern den 58-Jährigen für den passenden Präsidenten hält.

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