Antje Schmidt hat ihren Schwiegervater an eine „Lichtgemeinde“ verloren. Sektenexperten beobachten, dass solche Gruppierungen immer zahlreicher und undurchsichtiger werden.
Antje Schmidt wunderte sich schon seit Längerem über ihren Schwiegervater, aber es war die Frage nach den Kinderzimmern, die ihr Angst machte. Ihr Schwiegervater redete mal wieder über sein Vorhaben, ein abgelegenes Haus zu kaufen.
Doch dieses Mal wurde er konkreter: Böse Mächte würden die Welt bedrohen; in dem Haus, am besten mit Bunker sowie eigener Strom- und Wasserversorgung, wolle er ihren Angriff überstehen. Er müsse wissen, ob er sie mit einplanen solle – und ob die Mädchen eigene Zimmer bräuchten. „Erst da wurde mir so richtig bewusst, was für ein massives Problem wir haben“, sagt Schmidt.
„Eigentlich harmlos – dachte ich“
Dass ihr Schwiegervater esoterisch angehaucht war, wusste Schmidt, seit sie ihn kannte. Er pendelte, trug Heilsteine mit sich herum, schwor auf obskure Heilmittel. „Eigentlich harmlos“, sagt Schmidt, „dachte ich.“ Schmidt, die in Wirklichkeit anders heißt, arbeitet als Historikerin, hat einen internationalen Kollegen- und Freundeskreis und hegt große Sympathie für Lebensentwürfe abseits des Mainstreams, „solange sie niemandem schaden.“
Heute glaubt sie, dass sie und ihr Mann genauer hätten hinsehen sollen, als sich ihre Schwiegereltern trennten, ihr Schwiegervater danach in eine Krise rutschte und eine neue Partnerin fand, deren Hang zur Spiritualität offenbar mehr als nur harmlos ist. Schmidt erzählt:
„Die Frau, mit der mein Schwiegervater jetzt zusammenlebt, ist der Kopf einer kleinen Gruppe, deren Mitglieder sich für auserwählte ‚Lichtmenschen‘ halten – im Gegensatz zu allen Außenstehenden, die noch erleuchtet und gerettet werden müssen. Ihre Einsichten erreicht die Gruppe vor allem durch ihre Anführerin, einer ehemaligen Heilpraktikerin, die ihre Botschaften direkt von Gott, Erzengel Gabriel oder Gandhi erhält. Außerdem kann sie auch die Anwesenheit von Außerirdischen spüren und deren Vorhaben erkennen.“
Als „absolut typisch“ bezeichnet Christoph Grotepass von der Sekteninfo Nordrhein-Westfalen den Fall der Familie Schmidt. Der „Markt weltanschaulicher Angebote“, wie er es ausdrückt, habe sich in den vergangenen Jahren immer stärker verästelt. „Früher hatte man eine Liste von größeren Gruppierungen, deren Strategie man kannte und Betroffenen entsprechend helfen konnte“, sagt er. „Inzwischen werden wir jährlich zu mehr als 300 verschiedenen Gruppierungen befragt; teilweise haben wir von denen noch nie gehört. Das macht die Beratung schwieriger.“
Dass die Sekten oder sektenähnlichen Gemeinschaften immer kleiner werden, macht es nahezu unmöglich, verlässlich zu schätzen, wie viele Menschen in Deutschland ihnen anhängen. Viele dieser Gruppen existieren offiziell ja gar nicht, treffen sich im Privaten und melden selbstredend keine Mitglieder.
Oliver Koch, Referent für Weltanschauungsfragen der evangelischen Kirche, beobachtet „eine deutliche Zunahme von Hauskreisen, oft so zehn, zwölf Erleuchtete, die sich um einen Guru, einen erleuchteten Meister scharen“. Diese Kleingruppen zeichneten sich aus durch „eine total enge Gruppenidentität und ein starkes Exklusivitätsbewusstsein“. Koch hat auch mit Antje Schmidt und ihrem Mann gesprochen. Denn nach der Frage des Schwiegervaters zu den Kinderzimmern suchte Antje Schmidt professionelle Hilfe.
Dabei zu erfahren, welche Macht sektenähnliche esoterische Gruppen ausüben können, dass sie vermeintlich vertraute Menschen verformen können, verstärkte ihre Sorge. Sie strich ihren Schwiegervater von der Schulabholliste für ihre beiden zehnjährigen Töchter. „Ich habe nicht wirklich geglaubt, dass er sie entführen würde, dass er dazu fähig wäre“, sagt sie. „Aber ich war mir nicht mehr sicher.“
Schmidt beraumte ein klärendes Gespräch an. Vor ihr, ihrem Mann, ihrer Schwägerin und ihrem Schwager sollte ihr Schwiegervater Anfang 2019 die Möglichkeit bekommen, seine Sicht der Dinge darzulegen. Es sollte eine Chance zur Verständigung sein. Es wurde „der Super-GAU“, so Schmidt.
Weltuntergang – gerade noch abgewendet
„Die Bedrohung des Bösen, ein Weltuntergang gar, sei vorerst abgewendet, sagte er uns am Küchentisch. Das Gute habe fürs Erste gesiegt. Er bete ganz viel, damit das so bleibe. Doch dann kam da ganz viel verstörendes, unzusammenhängendes Zeug aus seinem Mund: Die Bundesregierung sei von der CIA und vom Mossad gesteuert, es gebe eine jüdisch-bolschewistische Verschwörung, die Immigranten seien ein großes Problem. Solche Sachen. Da ist mir der Kragen geplatzt.“
Schmidt wirkt bis heute fassungslos, wenn sie davon erzählt. Bis zu dem als Klärung gedachten Gespräch sah sie ihren Schwiegervater als schlingernden Spirituellen, der bei seiner Sinnsuche mitunter aus der Kurve flog. Aber dass daraus jetzt krude politische Ansichten erwuchsen, Rassismus gar, verstörte sie zutiefst.
„Ich habe ihm gesagt: Das, was du hier darlegst, ist zum Teil antisemitisch und rassistisch, und das dulde ich nicht in meinem Haus und in meiner Familie. Wenn ich mitkriege, dass du mit den Kindern darüber diskutierst und von deinen Weltanschauungen erzählst, dann breche ich jeden Kontakt ab. Denn das geht gegen alles, wofür ich stehe.“
Ein Mix aus Seelenheil und Rassismus
Eben noch Heilsteine, jetzt die Juden und die CIA – das traf Schmidt unvorbereitet. Für Experten indes ist die Vermischung solch scheinbar unverbundener Gedanken keine Überraschung. Sie beobachten seit Jahren, dass sich Sekten ihre Weltanschauung aus weit verstreuten Zutaten zu einer Art Patchworkglauben zusammenbrauen. Und im Fall der Esoterik ist der Mix aus Seelenheil und Rassismus zudem gar nicht so willkürlich, wie man meinen könnte.
Die Annahme von „unterschiedlich weit entwickelten Menschenrassen“ gehöre seit dem 19. Jahrhundert zu „den Wurzeln der esoterischen Bewegung“, sagt Christoph Grotepass. Weil Esoterik aber gemeinhin als harmlose Spinnerei gelte, suchten betroffene Angehörige oft erst Hilfe, wenn die Lage schon eskaliert sei.
Für Familien kann das zur Zerreißprobe werden. „Wir haben uns nächtelang gestritten“, erzählt Schmidt, „auch wegen meiner harten Linie nach der verunglückten Aussprache. Was das Politische angeht, sind mein Mann und ich voll auf einer Linie, aber er leidet enorm darunter, dass der Kontakt zu seinem Vater seit 2019 weitgehend abgerissen ist. Er sagt immer: ‚Ich kenne meinen Vater besser als du, er ist harmlos. Und wenn du meinen Vater ausschließt, ihn angreifst, dann greifst du auch mich an.‘ Es ist und bleibt eine große Belastung für unsere Ehe.“
Loyalitätsdilemmata nennt der Weltanschauungsexperte Oliver Koch das. Er rät zwar nie dazu, den Kontakt zum Betroffenen ganz abzubrechen, „denn wenn solche Geschichten gute Ausgänge haben, dann eigentlich immer durch Gespräche und Treffen“. Aber er sagt auch, dass man sich selbst gegenüber loyal bleiben müsse. „Frau Schmidt hat ja eine ganz klare Haltung pro Demokratie und Toleranz – da muss man dann rote Linien definieren, welche Themen man ertragen kann und welche nicht.“
Bisher hält sich der Schwiegervater an die gesetzten Grenzen. Soweit sie weiß. Sie selbst spricht nicht mehr mit ihm. Er wohnt mit seiner neuen Partnerin jetzt ein paar Hundert Kilometer entfernt in Süddeutschland. Wenn er anruft, geht sie nicht ran. Ihr Mann redet dann mit ihm, über Reparaturen am Haus, über Sachthemen. „Beide sind Ingenieure, da haben sie eine gemeinsame, unverfängliche Ebene“, sagt Schmidt.
„Oft sind es ganz grundsätzliche Bedürfnisse, die in solchen sektenartigen Gruppen bedient werden“, sagt Christoph Grotepass. Das esoterische Konstrukt sei dann gar nicht so wichtig, es gehe einfach um emotionale Wärme. Einen Grund für die zunehmende Sinnsuche vieler Menschen sieht Grotepass auch im Rückgang traditioneller Strukturen, „von der Großfamilie über die Kirche bis hin zum Sport- oder Schützenverein“. Die Gesellschaft werde individueller, freier. Das klinge an sich gut, „aber viele Menschen kommen da nicht mit. Ihnen fehlt schlichtweg der Halt.“