Werbung am Fernwanderweg der S-21-Baustelle: Auf das Ende des Erlebnisses wartet die Stadt noch länger als gedacht. Foto: IMAGO/Arnulf Hettrich

Die Verschiebung der Eröffnung von Stuttgart 21 entlarvt Planungsillusionen – und zwingt Reisende länger dazu, mit Provisorien leben zu müssen, kommentiert Christian Milankovic.

Man weiß nicht, worüber man verärgerter sein soll: dass Stuttgart21 erst in mehr als drei Jahren in Teilen in Betrieb gehen wird und damit alle Beschwernisse, die derzeit mit dem Bahnreisen in Stuttgart einhergehen, noch lange Zeit Begleiterscheinungen einer Zugfahrt sein werden? Oder dass die Bahn sich ein halbes Jahr Zeit gönnt, um die Karten auf den Tisch zu legen und damit wenigstens ein bisschen Orientierung bietet?

Oder dass es nun vollkommen offensichtlich ist, dass die noch im Sommer 2025 zur Schau gestellte Zuversicht, im Dezember 2026 einen Teil des Bahnhofs eröffnen zu können, wohl mehr unrealistisches Wunschdenken als belastbare Planung gewesen ist.

Stuttgart21: Unterm Strich bleibt Ernüchterung

Egal welcher Option man zuneigt: unterm Strich bleibt Ernüchterung über das Baustellendebakel und den Umgang der Deutschen Bahn mit ihm. Sollte der Wechsel an der Spitze der Projektgesellschaft als Zeichen der Handlungsfähigkeit und des „Wir haben verstanden“ gedacht gewesen sein, so ist dieses Kalkül vom Durchsickern der unangenehmen Wahrheit mit einem Schlag zunichte gemacht worden.

In der Patsche sitzen die Bahnreisenden, die die vollkommen indiskutablen Zustände rund um den Bahnhof weiter erdulden müssen ebenso wie jene, die sich ein Ende der Ewigkeitsbaustelle wünschen, die keine Zier der Innenstadt ist. Und nicht zuletzt die Stadtpolitik selbst, die Anschlussprojekte, wie die Verkehrsberuhigung rund um den Bahnhof, die Sanierung der Klett-Passage oder das Rosensteinviertel angehen will, zum Nichtstun verdammt ist, bis die Bahn zurande kommt. Es ist ein Desaster.