Die Adaption des Kinderabenteuerromans wurde für die Augsburger Puppenkiste zu einem ihrer größten Erfolge. Foto: dpa

Ist Jim Knopf ein rassistisches Kinderbuch? Der Klassiker enthalte rassistische Begriffe und bediene überkommene Stereotype, so der Vorwurf der Kritiker. Jim-Knopf-Verlegerin Bärbel Dorweiler erklärt im Gespräch, warum sie dennoch am Begriff „Neger“ im Text festhalten will.

Stuttgart - Die Rassismusdebatte entzündet sich auch immer wieder an dem Kinderbuchklassiker Jim Knopf aus dem Jahr 1960. Das Buch enthalte rassistische Begriffe und bediene überkommene Stereotype, so der Vorwurf der Kritiker. Dagegen wehrt sich nun die Verlegerin des Stuttgarter Thienemann-Esslinger Verlags, in dem das 60 Jahre alte Buch von Michael Ende erscheint.

Frau Dorweiler, der Vorwurf, Jim Knopf bediene rassistische Klischees, begleitet Ihren Verlag seit vielen Jahren. Kommen Ihnen nicht selbst langsam Zweifel?

Wir nehmen diese Diskussionen sehr ernst, aber es ist ein komplexes Thema. Man muss trennen zwischen der Geschichte als solcher und einzelnen Begriffen, die der Autor benutzt. Jim Knopf ist eine Geschichte über Respekt und Offenheit anderen gegenüber. Es ist eine sehr positive Heldengeschichte über einen kleinen schwarzen Jungen. Am Ende entwirft der Autor die Utopie einer Gesellschaft, in der jeder so sein kann, wie er ist. Er lässt sogar den Scheinriesen Herrn Tur Tur explizit erklären, wie Diskriminierung funktioniert. Aber das Buch ist 60 Jahre alt und Michael Ende hat Begriffe wie Eskimos, Indianer und Neger benutzt, die in seiner Zeit noch gängig waren.

Vor allem an letzterem Wort entzündet sich immer wieder Kritik. Das Wort „Neger“ kommt ein Mal, ganz am Anfang des 500-seitigen Buches vor. Ihr Verlag hält bis heute daran fest. Warum?

Weil man den Kontext sehen muss, in dem Ende es benutzt. Der Autor lässt die Figur des Herrn Ärmel bei der Ankunft Jims auf Lummerland sagen: „,Das dürfte vermutlich ein kleiner Neger sein‘, bemerkte Herr Ärmel und machte ein sehr gescheites Gesicht.“ Der Autor stellt den Begriff also selbst in Frage und macht sich über Herrn Ärmel als Besserwisser lustig. Wir verändern den Text aber auch deshalb nicht, weil wir Literatur nicht einfach umschreiben können. Ein literarischer Text sollte als künstlerische Äußerung erhalten bleiben. Und das letzte Wort haben sowieso die Autoren oder ihre Erben.

Die aktuelle Diskussion um Jim Knopf fing mit dem Interview einer Kita-Leiterin an, die kritisierte, Endes Buch bediene das Stereotyp des fröhlichen Schwarzen und werde leider „immer noch oft gelesen“. Können Sie das nachvollziehen?

Nein. Jim Knopf ist eine vielschichtig angelegte Figur. Er ist nicht nur fröhlich, sondern auch mal traurig, wütend, oder ängstlich und er zeigt großen Mut. Außerdem entwickelt er sich im Laufe des Romans weiter, er ist also keine stereotype, statische Figur. Er ist der Held der Geschichte.

Wie stehen Sie dem Vorschlag gegenüber, den Text mit Fußnoten zu versehen, in denen überkommene Begriffe wie „Neger“ erklärt werden?

Das ist sicher ein gut gemeinter Vorschlag. Aber solche Fußnoten führen aus dem Lesefluss und der Geschichte heraus. Außerdem glaube ich, dass Kinder und Eltern sehr wohl wissen, dass diese Begriffe heute nicht mehr gebraucht werden. Ohnehin sollte man Kinder nicht als Leser unterschätzen. Kinderliteratur soll ja gerade Geschichten erzählen, an denen sich Kinder reiben können, in denen auch mal Konflikte und Dramen thematisiert werden. Wir dürfen von Kinderliteratur nicht erwarten, dass sie nur kleine, ungefährliche Häppchen serviert.

Jim Knopf wird in den Illustrationen stereotyp dargestellt. Mit Kulleraugen und dicken Lippen. Ist das noch zeitgemäß?

Ich glaube, dafür müssen wir uns ansehen, wie Franz Josef Tripp gearbeitet hat. In den Jim Knopf-Büchern überzeichnet er alle seine Figuren so stark, dass sie beinahe zu Karikaturen werden. Aus dem Lokomotivführer Lukas macht er eine fast kreisrunde Gestalt, auf dessen schulterbreitem Kopf eine aberwitzig kleine Lokführermütze sitzt. Die große Freundschaft zwischen Jim Knopf und Lukas legt Tripp symbolisch schon in der Zeichnung an: Jim Knopf hat wie Lukas ein quergelegtes Oval als Kopf, dieselben kugelrunden Augen und eher abstehenden Ohren und einen ebenso breiten, lächelnden Mund wie Lukas. Es sind die übertrieben dicken Lippen, die den Betrachter an böswillige Karikaturen erinnern. Und die Pfeifen in beider Münder sind ebenfalls höchst inkorrekt. Darin ist Tripp Kind seiner Zeit.

Haben Sie Sorge, dass im Zuge der derzeitigen Rassismusdebatte jedes Werk auf politische Korrektheit überprüft wird?

Ich finde solche Debatten durchaus berechtigt und wichtig. Wir wollen jeden Fall nuanciert betrachten. 2013 haben wir in der kleinen Hexe von Otfried Preußler eine Szene geändert, in der sich Kinder als „kleine Negerlein“ verkleidet haben. Der Unterschied war: Diese Entscheidung hat der Autor selbst getroffen und es war eine für die Geschichte unerhebliche Szene. Bei der Szene, in der Jim Knopf als Baby auf der Insel ankommt, ist das anders: hier geht es darum, wie Jim Knopf auf Lummerland empfangen wird – und das ist überwiegend sehr liebevoll. Ich fände es auch schwierig, wenn wir Maßstäbe, die für heute geschriebene Kinderbücher gelten, auf Klassiker anwenden. Wenn wir alle Kanten und Ecken abschleifen, was bleibt dann noch?

Heißt das, die jetzige Diskussion ficht Ihren Verlag in seiner Haltung zu Jim Knopf nicht an?

Wir sind kontinuierlich im Gespräch darüber, wie wir Themen präsentieren. Ob und wo es Veränderungen oder Anpassungen bedarf. Michael Endes Werke sind jetzt in Druck, wie er sie autorisiert hat. Und wie eingangs schon gesagt: Jim Knopf ist eine märchenhafte Abenteuererzählung, in der Michael Ende einen kleinen schwarzen Jungen zu seinem Helden macht und en passant zeigt, wie man tolerant und respektvoll miteinander umgeht. Das ist für uns das Wichtigste.

Zur Person:

Die gebürtige Duisburgerin Bärbel Dorweiler, Jahrgang 1963, ist als Kind mit den Geschichten von Jim Knopf aufgewachsen. Sie studierte Germanistik und ist – nach verschiedenen beruflichen Stationen in den Niederlanden – seit 2014 Verlegerin des Thienemann-Esslinger Verlags in Stuttgart. Sie ist verheiratet und hat eine erwachsene Tochter.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: