Verkehrsminister Winfried Hermann (rechts) will das Land in Richtung Verkehrswende steuern. Er lobt OB Jürgen Zieger (links) für das Vorhaben, künftig noch mehr Elektrohybridbusse in der Stadt einzusetzen. Foto: Bulgrin Quelle: Unbekannt

Von Melanie Braun

Es war keine leichte Entscheidung. Im Juli hat der Gemeinderat nur mit einer höchst knappen Mehrheit von einer Stimme entschieden, künftig in großem Stil auf Elektrohybridbusse zu setzen. Doch damit gilt Esslingen nun als einer der Vorreiter für modernen Busverkehr im Land. Deshalb hat der Verkehrsminister Winfried Hermann der Stadt gestern einen Besuch abgestattet - und das Buskonzept als zukunftsträchtig gelobt.

Die Stadt hatte sich für den Ministerbesuch ordentlich ins Zeug gelegt. Auf dem Marktplatz hatte sie ihre vier Elektrohybridbusse öffentlichkeitswirksam aufgestellt - auf den entsprechenden Linien fuhren in der Zeit Ersatzbusse mit Dieselbetrieb. Die Fotografen durften die modernen Fahrzeuge in luftiger Höhe aus dem Korb einer Feuerwehrleiter heraus fotografieren und der Minister sowie Bundestags- und Landtagsabgeordnete und Stadträte wurden zu einer Probefahrt im Elektrohybridbus eingeladen.

Stadt wirbt für ihr Buskonzept

Nicht zuletzt packte die Stadt die Gelegenheit am Schopfe, um für ihr Buskonzept zu werben - schließlich wartet sie noch auf Fördermittel vom Bund, um den Kauf von elf neuen Elektrohybridbussen bis 2022 finanzieren zu können. Oberbürgermeister Jürgen Zieger stellte Esslingen gleich in eine Reihe mit Städten wie Zürich, Sydney und San Francisco: Sie alle hätten gemeinsam, dass sie mit Oberleitungsbussen den Herausforderungen großer Höhenunterschiede innerhalb der Stadt begegneten. Er freue sich, dass sich der Gemeinderat erst jüngst für einen Ausbau der Technik entschieden habe - und das, obwohl diese politisch immer wieder in Frage gestellt und als veraltet bezeichnet worden sei.

Allerdings betonte Bürgermeister Ingo Rust, der bei der Stadt auch für den Nahverkehr zuständig ist, dass die neuen Elektrohybridbusse etwas ganz anderes seien als die früheren O-Busse. Denn Letztere könnten nur fahren, wenn sie an der Oberleitung hingen. Bei der neuen Technik hingegen seien Akkus im Bus eingebaut, die während der Fahrt aufgeladen werden. Dadurch könnten die Busse auch bis zu 15 Kilometer im reinen Batteriebetrieb und ganz ohne Oberleitung fahren. Das sei ein Riesenvorteil: Denn so müsse die Stadt das Oberleitungsnetz nur um 15 Prozent erweitern, um den Anteil an elektrisch betriebenem Busverkehr verdreifachen zu können. Letztlich sollen damit pro Jahr rund 2500 Tonnen CO2 und 500 Kilogramm Stickoxid weniger in die Esslinger Luft geblasen werden.

Genau das ist für den baden-württembergischen Verkehrsminister Winfried Hermann ausschlaggebend. „Überall, wo Städte Probleme mit der Luftreinhaltung haben, raten wir zur Elektrifizierung des Verkehrs“, sagte er in Esslingen. Unter dem Motto „Nachhaltige Mobilität der Zukunft ist in Esslingen bereits Gegenwart“ war der Minister in die Stadt am Neckar gekommen. „Manche fragen sich vielleicht: Hat der Minister nichts anderes zu tun als wegen eines Busses zu kommen?“, merkte er an. Aber aus seiner Sicht gehe es hier nicht um irgendeinen Bus, sondern um ein besonderes Modell. Denn die Elektrifizierung des Nahverkehrs sei Teil der Verkehrswende, die man dringend einleiten müsse.

Allerdings gebe es auch bei den Elektrohybridbussen noch das ein oder andere Problem: Sie seien sehr teuer und noch nicht so effizient, wie man sich das wünschen würde, so Hermann. Er hoffe, dass es in absehbarer Zeit Alternativen von lokalen Autobauern gebe. Das Land sei jedenfalls bereit, Elektromobilität zu fördern - in die vier Esslinger Hybridbusse sind bereits 600 000 Euro Fördergeld geflossen.

In den kommenden fünf Jahren will die Stadt rund 14,6 Millionen Euro in die Anschaffung der weiteren elf Elektrohybridbusse stecken. Dafür hofft sie auf Geld aus dem Mobilitätsfonds des Bundes - wie Hermann auch. Baden-Württemberg habe Projekte für rund 300 Millionen Euro angemeldet, sagt er: „Wir hoffen, dass wir möglichst viel davon bekommen.“

busverkehr der zukunft

Vorgeschichte: Lange hat der Esslinger Gemeinderat hin und her überlegt, wie der Busverkehr in den kommenden Jahren aussehen soll. Zur Diskussion standen zwei verschiedene Konzepte: Zum einen der Elektrohybridbus, der über weite Strecken an Oberleitungen hängt, und zum anderen der rein batteriebetriebene Elektrobus, der ganz ohne Oberleitungen unterwegs ist. Im Prinzip standen sich im Gemeinderat zwei Lager gegenüber: SPD, Grüne, Linke und FÜR positionierten sich klar für einen Ausbau des O-Busses, weil sie darin einen wichtigen Schritt hin zu mehr Umwelt- und Klimaschutz sahen. CDU, Freie Wähler und FDP hingegen sahen es kritisch, dass die Stadt den Ausbau der Elektromobilität beim Busverkehr für sich selbst beanspruchen und private Busunternehmen damit von Anfang an außen vor lassen wollte. Zudem monierten sie den Anstieg der laufenden Kosten bei dem Konzept.

Entscheidung: Mit seinem Ja zum Elektrohybridbus hat sich der Gemeinderat nicht nur für einen Ausbau des Oberleitungsnetzes entschieden, sondern auch dafür, dass die privaten Busunternehmen in Esslingen künftig nur noch einen Anteil von 37 Prozent statt 48 Prozent am Stadtverkehr haben. Denn der Städtische Verkehrsbetrieb (SVE) will innerhalb der nächsten zehn Jahre den Anteil an elektrisch betriebenen O-Bussen - die der SVE selbst fährt - von 21 auf 63 Prozent erhöhen. Vor allem der Norden sowie die Strecken nach Zell und Obertürkheim sollen in das Netz elektrisch betriebener Busse eingebaut werden. Mancherorts geht das ohne Oberleitungen, denn die Elektrohybridbusse können bis zu 15 Kilometer im Batteriebetrieb fahren. Derzeit sind vier Modelle in der Stadt im Einsatz, bis 2022 sollen es insgesamt 15 sein.

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