Der historische O-Bus 22 von Henschel mit Kilometerstand 1,4 Millionen war nicht nur beim Festakt, bei dem OB Zieger sprach, der Star. Quelle: Unbekannt

Seit 75 Jahren fahren Oberleitungsbusse durch die Stadt. Das feiert der Städtische Verkehrsbetrieb Esslingen mit einem Tag der offenen Tür - und einem Bus von 1962.

EsslingenDa staunten die Zuhörer beim Festakt zu „75 Jahre O-Bus“ nicht schlecht: Guido Schoch, Direktor der Verkehrsbetriebe Zürich, zeigte mit zwei Fotos, dass man mit der Zürcher S-Bahn direkt nach Esslingen fahren kann. Gemeint ist allerdings Esslingen bei Zürich, Endstation der meterspurigen Forchbahn, der S18. Doch auch über diese Namensgleichheit hinaus haben die beiden Städte an Limmat und Neckar verkehrstechnisch viel gemeinsam. Wie in Esslingen wird auch in Zürich das Oberleitungsnetz ausgebaut. Auch dort führt die Kombination von Oberleitung und Batterie zu einer erheblichen Netzausweitung.

Leitstelle: Das Interesse an der Leitstelle des Städtischen Verkehrsbetriebs Esslingen (SVE) war am Tag der offenen Tür so groß, dass es zusätzliche Führungen gab. Bojan Brinjevec beantwortete geduldig alle Fragen – auch die ganz speziellen, die ein Kollege von den Stadtwerken Tübingen mitgebracht hatte. Damit im Notfall nicht das ganze Netz lahm liegt, ist die Esslinger Oberleitung in fünf Abschnitte eingeteilt. Doch sie sei sehr stabil, sagte Brinjevec. Das größte Problem des SVE seien die vielen Baustellen. Erstaunt waren die Zuhörer, dass die Vergabe an den SVE nur über zehn Jahre geht. „Im Schienenverkehr gibt es längere Zeiträume, aber die Oberleitung zählt nicht als Schiene.“

Oldtimer-Schmuckstück: Gezählt hat Ronald Kiebler, der mit einem etwa zehnköpfigen Team den Henschel O-Bus aus dem Jahr 1962 restauriert hat: In ihm stecken nun 5300 ehrenamtliche Arbeitsstunden. Die Liebhaber waren am Ende jeden Werktag in der Werkstatt, teils bis spät in die Nacht, die Beschriftung am Bus wurde erst einen Tag vor dem Festakt angebracht. Dann der stolze Moment: Beim Festakt fuhr das historische Schmuckstück aus eigener Kraft in die Halle. Den Betriebshof darf es noch nicht verlassen, es fehlen noch die Zulassungen, aber ab Mai soll der Bus bei Sonderfahrten auf seine bisher 1,4 Millionen Fahrkilometer noch ein paar drauf bekommen. Er lockte so manchen Fan, der am Samstag schon an der Schranke wartete, bis um 10 Uhr der Tag der offenen Tür begann. Später kamen dann die Familien, der Segway-Parcours etwa war fest in Kinderhand.

Postalische Nostalgie: Am Stand der Stuttgarter Historischen Straßenbahnen (SHB) waren die historischen Postkarten mit Esslinger Motiven sehr beliebt. Sie gab es aber nicht mit dem O-Bus, sondern nur mit der Straßenbahn, die einstmals nicht nur nach Denkendorf und Neuhausen, sondern auch durch die Innenstadt fuhr.

O-Bus-Schaffner: Ludwig Schneider ist zwar schon seit 1995 im Ruhestand, aber gelernt ist gelernt: Von 1954 bis 1960 war er als Schaffner im O-Bus unterwegs, später wurde er Fahrer und war in der Werkstatt tätig. So hatte der den Besuchern so manches aus erster Hand zu erzählen.

Dusche für den Bus: In der Waschstraße fuhren die Bürsten um den Bus herum, während im Bus ganz viele Gäste waren. Da sei wohl ein Fenster nicht ganz zu gewesen, meinte hinterher ein Junge, denn es sei etwas Wasser hereingekommen. Der SVE-Mitarbeiter nahm das ganz gelassen: „Das trocknet wieder.“ Gereinigt wird mit Brauchwasser, das gefiltert und in einem Kreislauf immer wieder neu verwendet wird. Hinter den Kulissen war unter anderem die Firma Events Creative aus Hochdorf am Werk. Sie hatte die Halle so gut eingemessen, dass die Sprachverständlichkeit bei den Vorträgen sehr gut war. Die Beleuchtung hatte sie an die neue O-Bus-Kampagne angepasst, die beim Festakt präsentiert wurde. Deren Design ist vom Dach des Esslinger ZOB inspiriert, entwickelt wurde die Kampagne von der Agentur „Die Wegmeister“. Den Unterschied zwischen O-Bus und Dieselbus, sagte Geschäftsführer Oliver Woye, erlebe die Agentur jeden Tag: Sie hat ihren Sitz direkt an der Endhaltestelle der Linie 101 in Obertürkheim: „Beim Stuttgarter Dieselbus machen wir das Fenster zu, beim O-Bus ist das unnötig.“

Vom Exoten zum Vorreiter: „Lange waren wir Exoten“, sagte Oberbürgermeister Jürgen Zieger beim Festakt. O-Busse gibt es zwar derzeit weltweit in etwa 300 Städten, in Deutschland aber nur noch in Solingen und Eberswalde. Nun habe Marburg die Planung eines Oberleitungsnetzes beauftragt, auch in Koblenz, Wiesbaden, Dresden, Kiel und Frankfurt und sogar in Berlin werde über neue O-Bus-Linien nachgedacht. Durch die Kombination von Oberleitung und Batterie biete der moderne Bus – anders als der reine Batteriebus mit größerer und schwererer Batterie – gleich vielen Fahrgästen Platz wie sein dieselbetriebener Artgenosse.

Bewegtes Programm: Natürlich gab es beim Tag der offenen Tür auch Mobilität ganz ohne Bus, etwa bei den Vorführungen der Tanzgruppe „Kids Dance“ oder immer hoch und runter auf der Hüpfburg. Nass ging es nicht nur in der Waschanlage zu, sondern auch beim Löschspiel mit der Jugendfeuerwehr.

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