Vom Stuttgarter Nordbahnhof aus wurden in der NS-Zeit auch zahlreiche Sinti und Roma in die Konzentrationslager deportiert. Foto: imago/Arnulf Hettrich

Ein Gedenktag erinnert an diesem Wochenende an den Genozid an Sinti und Roma. Nachfahren von Holocaust-Opfern erzählen, wie sich historische Ungerechtigkeit noch immer fortsetzt.

Esther Reinhardt-Bendel wählt deutliche Worte, wenn sie auf die jüngste Debatte um Sinti und Roma im Stuttgarter Gemeinderat zu sprechen kommt. Die CDU hatte dort das Jugendamt aufgefordert, bei Sinti- und Roma-Familien konsequenter zu prüfen, ob eine Inobhutnahme der Kinder notwendig wäre und für die Erhebung von Zahlen plädiert. Diese Diskussion überhaupt zu führen, erinnere sie an die NS-Zeit, sagt Reinhardt-Bendel.

Die 38-jährige Stuttgarterin, die sich für die Belange von Sinti und Roma einsetzt, fügt hinzu: „Das ist ein Paradebeispiel für Retraumatisierung.“ Damit bezieht sie sich auf die Verfolgung von Sinti und Roma durch das NS-Regime. Im Zuge dessen wurden zahlreiche Kinder von ihren Eltern getrennt. An diesem Samstag, 2. August, wird am Europäischen Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma an den Genozid an dieser Gruppe erinnert. Die Opferzahl ist wegen der Dunkelziffer schwer zu beziffern, dürfte sich aber auf mindestens 500.000 belaufen. Alleine in der Nacht zum 3. August 1944 ermordete die SS in Auschwitz etwa 4300 Sinti und Roma.

Mangelnde Aufarbeitung der Geschichte

In den Vernichtungsplänen der Nationalsozialisten spielte Stuttgart eine zentrale Rolle. So wurden damals vom Nordbahnhof aus nicht nur Jüdinnen und Juden, sondern auch württembergische Sinti in die Konzentrationslager deportiert. „Und diejenigen, die nicht deportiert wurden, mussten in und um Stuttgart Zwangsarbeit verrichten“, sagt Reinhardt-Bendel. „Zum Beispiel mein Großvater.“ Reinhardt-Bendel ist selbst Sintizza, ihre Familie war von der Verfolgung direkt betroffen.

Das gilt auch für Franz-Elias Schneck, württembergischer Sinto und Cousin zweiten Grades von Reinhardt-Bendel. Beide beraten für den Verein Pro Sinti und Roma Rassismusbetroffene. Schneck kritisiert, dass die nationalsozialistischen Gräueltaten in der Bundesrepublik nicht angemessen aufgearbeitet worden seien.

„Meine Urgroßmutter wurde von den Nazis ermordet“, erzählt der 25-Jährige. In den 1960er Jahren habe dann sein Großvater das Land Baden-Württemberg dafür verklagt, wegen Schaden an der Freiheit, Schaden am Eigentum und Schaden am Leben. Auf Anhieb sei allerdings nur der Schaden an der Freiheit akzeptiert worden.

„Für den Schaden am Eigentum hat er lange Zeit nichts bekommen, weil gesagt wurde, das Eigentum von Sinti sei ohnehin nichts wert gewesen.“ Dabei hatte Schnecks Urgroßmutter ein eigenes Haus mit Grundstück sowie Schmuck besessen. Später habe man sich auf „eine sehr geringe Summe“ als Schadenersatz geeinigt. Überhaupt nicht anerkannt wurde hingegen der Schaden am Leben. „Dafür, dass seine Mutter ermordet worden war, hat mein Großvater nichts bekommen“, sagt Schneck.

„Deutschland übernimmt nicht die Verantwortung“

Inzwischen wird zu Anlässen wie dem 2. August der Sinti und Roma als Opfern des Holocaust offiziell gedacht. Vielerorts erinnern Stolpersteine an ihr Schicksal. Auch der Familie Schneck ist ein solcher Erinnerungsort gewidmet, in der Stöckachstraße im Stuttgarter Osten. Gleichzeitig leiden Sinti und Roma noch immer unter struktureller Benachteiligung. „Das Unrecht zieht sich bis heute“, sagt Franz-Elias Schneck.

Ähnlich sieht es Sonja Kosche, die aus einer Roma-Familie stammt und ebenfalls als Beraterin für „Pro Sinti und Roma“ tätig ist. Sie verweist auf das Schicksal zahlreicher Roma in Ländern wie Ungarn, der Ukraine oder auf dem Balkan. Dort werden viele Holocaust-Überlebende und deren Nachfahren heute strukturell diskriminiert und ausgegrenzt, was wiederum prekäre Lebensverhältnisse nach sich zieht. „Das ist etwas, was Deutschland mitzuverantworten hat“, sagt Kosche. „Aber Deutschland übernimmt bis heute nicht die Verantwortung dafür.“

Esther Reinhardt-Bendel, Sonja Kosche und Franz-Elias Schneck (von links) vom Verein Pro Sinti und Roma leisten Bildungsarbeit und beraten Sinti und Roma, die von Rassismus betroffen sind. Foto: privat

So teilte die Bundesregierung im Jahr 2023 mit, nichts zu ändern an der bisherigen Entschädigungspraxis für im Ausland lebende Sinti und Roma, die unter der NS-Verfolgung gelitten hatten. Dabei hatte die vom Bundestag eingesetzte „Unabhängige Kommission Antiziganismus“ zuvor zahlreiche Defizite in der sogenannten Wiedergutmachung des Unrechts an Sinti und Roma festgestellt und Kompensation gefordert.

Ein weiterer Kritikpunkt ist für Kosche der Umgang mit ukrainischen Roma in Deutschland. „Ihnen wird häufig der Status als Kriegsgeflüchtete abgesprochen, weil sie keinen ukrainischen Pass besitzen.“

Rassismus trifft Sinti und Roma im Alltag

Noch immer werde Sinti und Roma wegen Vorurteilen die Schuld für ihre Lebensumstände selbst in die Schuhe geschoben, sagt Esther Reinhardt-Bendel. „Alltagsrassismus trifft uns ständig.“ Besonders im Kopf geblieben ist ihr eine Episode bei einem Fußballspiel ihres damals sieben Jahre alten Sohnes. „Einer der Trainer hat von außen reingeschrien: ‚Hau den Zigeuner um!’ Und ich musste dann meinem Kind erklären, warum das jetzt nicht so gemeint war.“

All das sei nie weggewesen, erklärt Sonja Kosche. Angesichts des derzeitigen politischen Klimas trete der Rassismus aber wieder offener zutage. „Parallel zum Aufstieg der Rechten haben wir die Ignoranz von Mitte bis Links“, fügt Franz-Elias Schneck hinzu. Wie für viele andere Sinti und Roma gilt für ihn daher: Die Vergangenheit ist noch immer nicht vorbei.

Doch trotz der Hindernisse stellen sich Schneck, Kosche und Reinhardt-Bendel dieser Entwicklung aktiv entgegen. Mit ihrer Bildungsarbeit etwa an Schulen oder bei Fortbildungen wollen sie zum einen für das Thema Antiziganismus sensibilisieren. Und zum anderen geht es ihnen darum, eine Anlaufstelle zu bieten für Sinti und Roma, die Rassismuserfahrungen gemacht haben. Reinhardt-Bendel sagt: „Wir wollen für sie da sein, greifbar sein und sie unterstützen.“