In genau 400 Tagen beginnen in Paris die Olympischen Spiele. Dort wird das Abschneiden der deutschen Sportlerinnen und Sportler kritisch bewertet. Und ziemlich sicher gibt es dann auch wieder eine Diskussion über die Vereinbarkeit von beruflicher Ausbildung und Spitzensport.
Als es im vergangenen Jahr mal wieder Kritik hagelte, platzte Gina Lückenkemper der Kragen. Die deutschen Leichtathleten hatten gerade eine recht überschaubare WM hinter sich, die Sprinterin wollte die teils harschen Worte aber nicht einfach so hinnehmen. Man müsse, so ihr damaliger Appell, die Leistungen der deutschen Athletinnen und Athleten auch mal in Relation dazu setzen, was sie sonst alles machten und „wie sie sich den Arsch aufreißen müssen, um gegen diese Vollprofis antreten zu können“.
Gina Lückenkemper spielte damit auf ein Thema an, das die Diskussionen über die Konkurrenzfähigkeit des deutschen Spitzensports immer wieder begleitet. Vor allem dann, wenn nach Großereignissen Bilanz gezogen wird. Spätestens im Sommer 2024 wird das wieder der Fall sein.
In genau 400 Tagen, am 26. Juli 2024, beginnen in Paris die Olympischen Sommerspiele. Sie enden am 11. August – und danach wird es mit Blick auf den Medaillenspiegel auch wieder darum gehen, wie es denn in Sport-Deutschland möglich sein kann, mit der internationalen Spitze zu konkurrieren. Sich gleichzeitig aber auch ein berufliches Standbein aufzubauen. So, wie es Alina Böhm seit Jahren versucht.
Die 25-Jährige ist Judoka, amtierende Europameisterin der Klasse bis 78 Kilogramm und eine heiße Anwärterin für das Olympiateam für Paris. Was sie auch ist: Eine junge Frau, die bereits einen Studienabschluss in der Tasche hat. An der Universität Tübingen hat sie parallel zur Sportkarriere ihren Bachelor in Sportpublizistik gemacht – und sagt: „Für mich war und ist es ein optimaler Ausgleich zwischen körperlichen und geistigen Ansprüchen.“ Aber eben auch ein fordernder Weg. Den Sportlerinnen und Sportler anderer Nationen oft nicht gehen müssen.
In Deutschland ist der Sport in einer Vereins- und Verbandsstruktur organisiert, eine Verzahnung mit Schulen und Universitäten gibt es eher punktuell. Anders etwa als in den USA, wo erfolgreiche Nachwuchssportler Stipendien an den Universitäten erhalten und am College ihr Studium voll auf den Sport abstimmen können.
„Man kann als Universität Partnerhochschule des Spitzensports sein oder – wie im Fall der Universität Tübingen – eine Kooperationsvereinbarung mit dem Olympiastützpunkt Stuttgart haben“, sagt Verena Burk – und schränkt ein: „Letztlich hängt es an Personen, ob eine duale Karriere gelingt.“ Sie ist akademische Oberrätin am Tübinger Institut für Sportwissenschaften – und zugleich Koordinatorin für die duale Karriere der Spitzensportler. In dieser Rolle, sagt sie, „bin ich immer darauf angewiesen, dass die Kolleginnen und Kollegen Verständnis dafür haben und den Studierenden, die Spitzensport betreiben, entgegenkommen“. Dass sie dabei oft den richtigen Ton trifft, bestätigt Alina Böhm.
„Ich glaube, ohne sie hätte ich das nicht geschafft“, sagt die Sportsoldatin – die durch ihren bislang erfolgreichen dualen Weg nun selbst Vorbild geworden ist. Dafür, wie sie ihre zwei Welten erfolgreich verbinden hat können, wurde sie im März mit dem Landesstudienpreis ausgezeichnet, der vergeben wird vom Ministerium für Kultus, Jugend und Sport, der Staatlichen Toto-Lotto GmbH Baden-Württemberg und dem Landessportverband Baden-Württemberg (LSVBW).
Die Finanzierung in Deutschland im Vergleich
Ebenfalls geehrt wurden Pascal Brenzel (21) und Jonathan Sedlmayer (24). Auch der BMX-Radsportler und der Fußballer vom SC Geislingen und der Gehörlosen-Nationalmannschaft wagen den Spagat zwischen Sport und Hochschule. Der in Deutschland auch deshalb unabdingbar ist, weil selbst langjährige Spitzensportler nach der Karriere finanziell nicht ausgesorgt haben, sondern dann einen beruflichen Einstieg finden müssen – abhängig natürlich von der Sportart, die sie zuvor betrieben haben.
Andere Länder bieten auch hier oftmals eine andere Perspektive durch staatliche Renten oder fürstliche Entlohnung von Sportlern im Staatsdienst. Topsportler in Deutschland haben zumindest die Möglichkeit, bei staatlichen Behörden wie der Bundeswehr, dem Zoll oder der Bundespolizei angestellt zu werden. Dort sind zwar die Freiräume für den Sport groß, diverse Aus- und Fortbildungen gehören dennoch zum Pflichtprogramm.
Der Sport steht bei Alina Böhm meistens an erster Stelle
Wer sich für den dualen Weg an einer Universität entscheidet, lebt ein Leben, wie es Alina Böhm bestens kennt. „Es gab Phasen, die sportlich extrem anspruchsvoll waren. In denen musste das Studium zurückstecken“, erinnert sie sich, „dann gab es aber wieder Phasen, da musste man sich auf den Hosenboden setzen und in sein Studium investieren.“ Die eigentlich freie Zeit war also wieder beschnitten, weshalb die Europameisterin sagt: „Das war wahrscheinlich jeweils die schwierigste Zeit.“
Was für die Judoka aus Böbingen an der Rems, die in Köln lebt, auch klar ist: Wer es im Sport nach ganz oben schaffen will, muss auch auf einem dualen Weg Prioritäten setzen. „Das Sportliche behält meistens die Oberhand, das andere muss organisatorisch angepasst werden.“ Da kommen dann wieder die Universitäten ins Spiel.
Die Bedeutsamkeit der Kooperationen
„Es darf nicht passieren, dass man sich für das eine oder das andere entscheiden muss, sondern dass schlussendlich beides dual ablaufen kann. Es gilt zu ermöglichen, anstatt zu verhindern“, sagt Sascha Molt. Er ist Laufbahnberater am Olympiastützpunkt Stuttgart und arbeitet mit den Athletinnen und Athleten jeweils an der besten Möglichkeit, Sport und Ausbildung zu vereinen.
Der Radsportler Pascal Brenzel stimmt zu: „Ich würde mir mehr Kooperationen von Schulen, Hochschulen und Universitäten zum Leistungssport wünschen.“ Und Verena Burk sagt stellvertretend für die akademische Seite zwar: „In erster Linie ist die Aufgabe einer Universität die Ausbildung junger Menschen und nicht die Förderung des Spitzensports in Deutschland. Daher liegt die Verantwortung für die duale Karriere nicht nur beim Bildungssystem, sondern auch beim organisierten Sport.“ Sie weiß aber auch: „Ich glaube, die Zusammenarbeit der jeweiligen Organisationen könnte in der Zukunft auf jeden Fall intensiviert werden.“ Zum Beispiel im Vergeben von Sportstipendien: „Da sehe ich Nachholbedarf.“
Alina Böhm bekommt ihre duale Karriere gut organisiert. Sie will sich nicht nur für Paris qualifizieren, sondern nach dem Bachelor- nun auch ihr Masterstudium (Medien- und Kommunikationsmanagement) erfolgreich beenden. Das absolviert die 25-Jährige an der privaten SRH Fernhochschule mit Sitz in Riedlingen – und ist dabei nicht die einzige Spitzensportlerin. Es besteht wie bei der Uni Tübingen eine Kooperation mit dem OSP Stuttgart, die organisatorisch für die Spitzensportler einiges erleichtert.
Dort hofft man, dass möglichst viele der in Stuttgart betreuten Athletinnen und Athleten in 400 Tagen für Deutschland an der Eröffnungsfeier in Paris teilnehmen werden. Und irgendwann auch beruflich durchstarten.
Studenten bei Olympia
Statistik
Zu den Olympischen Sommerspielen nach Tokio, die pandemiebedingt erst 2021 stattfinden konnten, reisten laut dem Allgemeinen Deutschen Hochschulsportverband (adh) 195 Studenten mit, was im 431-köpfigen Team Deutschland einem neuen Bestwert von 45,2 Prozent gleichkam. Addiert man die Athleten dazu, die bereits einen Hochschulabschluss hatten (17,2 Prozent), beläuft sich der Gesamtanteil auf fast zwei Drittel. Bei den Winterspielen 2022 in Peking waren laut dem adh 25 der 150 deutschen Spitzensportler Studenten. Verrechnet man diese 16,7 Prozent mit den Absolventen, die sich für die Spiele in China qualifiziert hatten, dann hatte mehr als ein Viertel der Delegation einen akademischen Hintergrund.
Studie
Nach dem schlechten Abschneiden bei den Sommerspielen 2021 hat die Stiftung Deutsche Sporthilfe das Institut für Sportökonomie und Sportmanagement der Deutschen Sporthochschule Köln damit beauftragt, eine Umfeldanalyse aus Sicht der Athleten durchzuführen. Die Studie von Christoph Breuer und Kirstin Hallmann, an der 1122 Athleten teilnahmen, ergab unter anderem, dass 82,1 Prozent der Befragten der Meinung sind, „dass sich ihre sportliche Karriere hinreichend mit einer dualen Karriere vereinbaren lässt“.