Kunsttherapie gehört zu den Angeboten, um traumatische Erlebnisse verarbeiten zu können. Foto: oh - oh

Der Verein Wildwasser unterstützt Menschen, die traumatische Erfahrungen erlebt haben. Der Erlös aus den Spenden für die Weihnachtsaktion kommt zum Teil dem Verein zugute.

EsslingenRund 300 Menschen haben 2018 das Angebot von Wildwasser angenommen. Der Verein hilft mit Beratungen und traumatherapeutischen Angeboten Frauen und Kindern, sowie Männern, ihre Erfahrungen zu verarbeiten. Die Erwachsenenberatung wird nicht vom Land gefördert, sondern lediglich durch Spenden möglich gemacht. Genau da setzt die Weihnachtsspendenaktion der EZ an. Der Erlös aus den Spenden für die Weihnachtsaktion kommt zum Teil dem Verein Wildwasser zugute.

„Wir bieten den Erwachsenen einen geschützten Raum. Das hilft ihnen zu verstehen „ich bin nicht allein“ und bringt mehr Stabilität ins Leben, dass sie wieder in Kontakt mit sich selbst kommen“, erklärt Silke Unrath, Sozialarbeiterin und Beraterin bei Wildwasser. Meist würden sich Betroffene aus dem sozialen Leben verabschieden und isoliert leben. „Durch Trigger im Alltag kann das Erlebte wieder hochkommen“, sagt Claudia Weist-Brockhaus, systemische Therapeutin bei Wildwasser. „Das kann ein Geruch, ein Gesicht oder ein Geräusch sein.“ Weist-Brockhaus sieht eine Trennung von Erinnerungsfragmenten als Ursache und sagt: „Dass diese Situation überhaupt ertragbar ist, findet im Moment der sexualisierten Gewalterfahrung eine Abspaltung statt.“ Auch Unrath sagt, dass bewusst sein muss, was im Gehirn in diesen Fällen passiert: „In dem Moment, wenn Menschen sexualisierte Gewalt erleben, geht das Gehirn in eine Notfallsituation: Entweder ist da ein Fluchtgedanke oder man friert ein, stellt sich tot.“

Die beiden Frauen beraten Betroffene, deren Erfahrungen weit zurückliegen, aber auch diejenige denen aktuell etwas passiert ist. Darunter seien auch schwersttraumatisierte Erwachsene, die in ihrer Kindheit oder Jugend dauerhaft Missbrauch erfahren hätten.

Beratung für Bezugspersonen

Der erste Kontakt komme häufig durch Freunde, also den Bezugspersonen der Betroffenen. „Es ist in Ordnung, eine Vertrauensperson mit zu den Beratungen zu bringen“, sagt Unrath, die seit rund eineinhalb Jahren im Verein arbeitet. „Wildwasser ist auch eine Anlaufstelle für Bezugspersonen.“ Der Verein Wildwasser bietet Einzelberatungen, aber auch Gruppentreffen an. Mithilfe von Kunsttherapie beispielsweise können die erwachsenen Frauen und Männer ihre traumatischen Erlebnisse verarbeiten. „Die Kunsttherapie kann nach Vorgesprächen stattfinden“, erklärt Weist-Brockhaus. Die Gruppe würde dabei auf einer Metaebene arbeiten. „Zum Beispiel spielen Symbole eine Rolle. Ein Stein kann die Schwere zeigen, die man in sich trägt“, sagt Weist-Brockhaus, die bereits seit achteinhalb Jahren bei Wildwasser arbeitet.

Nicht erzählen

Die Beratung kann ein Hürde für betroffene Erwachsene sein. „Ich habe schon häufig Erwachsene kennengelernt, die zwar physisch da sind, aber psychisch weg“, sagt Weist-Brockhaus. Durch Atemübungen können die Betroffenen stabilisiert werden. „Wir schauen, was tut ihnen gut“, sagt sie. Unrath ergänzt: „Bewegung hilft zum Beispiel auch, das Gehirn abzulenken.“ Zu den Methoden, den Betroffenen zu helfen, gehört eines nicht: „Wir ermutigen dazu, keine traumatischen Inhalte zu erzählen“, sagt Weist-Brockhaus. „Über das Trauma wird nicht gesprochen.“ Ziel sei es, eine Methode zu finden, wie betroffene Menschen wieder so stabil werden, dass sie den Alltag meistern können. Das Team helfe auch bei Anrufen oder Terminen – mit der Polizei oder Rechtsanwälten. Die systemische Therapeutin sagt: „Wenn es bei Betroffenen einen Durchbruch gibt, zum Beispiel bei dem Thema Schuld, dann bekomme ich Gänsehaut. Die Opfer haben keine Schuld, das haben die Täter.“

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