Der Fellbacher Anbauverein Greenhouse Farming hat seine erste Cannabis-Ernte eingebracht – gezogen im Gewächshaus. Was fehlt, sind weitere Mitglieder.
Schwerer Duft hängt in der Luft. Es riecht harzig, erdig, warm, ein bisschen nach Zitrone. Jens Veigel steht glücklich zwischen meterhohen Pflanzen, die ihn überragen. Ihre gezackten Blätter leuchten sattgrün. Hier wachsen keine Zitronen, hier wachsen auch keine Rosen – hier wächst Hanf, die Rauschpflanze. „Mein Uropa hat hier Gemüse angebaut, danach mein Opa Schnittrosen“, erzählt der 38-Jährige: „Und ich baue Cannabis an, ganz legal.“
Lizenz für den Cannabis-Verein Greenhouse Farming erteilt
Der Fellbacher Anbauverein „Greenhouse Farming“ war einer der ersten Vereine in der Region, der eine offizielle Lizenz zum Anbau von Cannabis erhalten hat – unter strengen gesetzlichen Vorgaben für den Eigenbedarf seiner Mitglieder. Der Verein umfasst aktuell 15 Mitglieder, angebaut wird auf 250 Quadratmetern innerhalb eines 3300 Quadratmeter großen Gewächshauses. Vor gut einem Jahr hatte Veigel die Genehmigung beim Regierungspräsidium beantragt, im April wurde die Lizenz erteilt. Sie gilt zunächst für sieben Jahre und eine Produktionsmenge von maximal 31,5 Kilogramm pro Jahr. Bis zu 500 erwachsene Mitglieder darf der Verein insgesamt aufnehmen.
„Wir sind keine Kiffer“, sagt Tobias Schwandt, Mitbegründer des Anbauvereins und Päventionsbeauftragter. „Wir arbeiten beide ganz normal – ich bin im Baustoffhandel, Jens bei einem Hausmeisterdienstleister.“ Auch der Konsum sei für sie kein Motiv gewesen: „Ich brauche meinen Führerschein. Das geht mit regelmäßigem Kiffen einfach nicht“, sagt Veigel. Er habe nichts gegen Kiffen und High sein. Seine Motivation sei eine andere: „Ich habe früher Melonen und Rosen angebaut, aber ich bin einfach von der Pflanze begeistert.“ Und klar, rauchten sie ab und zu Joints, aber eben nicht regelmäßig. Und Schwandt ergänzt: „Wir wollen hier saubere, kontrollierte Qualität kultivieren. Bei Ware vom Schwarzmarkt weiß ja kein Mensch, was er da raucht und ob Pestizide oder andere Zusatzstoffe enthalten sind.“
Sicherheitsvorgaben für Cannabis-Anbau im Gewächshaus
Die Voraussetzungen auf dem Gelände in Fellbach waren gut – aber die Vorgaben streng. Gewächshäuser gelten rechtlich als Freifläche, deshalb mussten engmaschige, hohe Sicherheitszäune mit Übersteig- und Untergrabungsschutz um die Anlage gebaut werden. Kameraüberwachung, Bewegungsmelder, Alarmanlage mit Sicherheitsdienst gehören zur Grundausstattung. „Die Frontseite hat allein über 1500 Euro gekostet – für 20 Meter Zaun“, sagt Schwandt.
Weil das eigentliche Gewächshaus nicht als sicher gilt, wird das geerntete Cannabis in einem gemauerten Lagerraum mit einer Spezialtüre gesichert werden. Nur so konnte die Anlage als genehmigunsfähig eingestuft werden. „Das war nicht ohne, und die hohen Auflagen machen vielen anderen Anbauvereinen zu schaffen – einige mussten deswegen schon aufgeben.“
Der Anbau im Gewächshaus erfolgt ohne künstliches Licht und ohne Klimaanlage – abhängig vom Wetter. Wenn es zu warm wird, öffnen die beiden Hanfgärtner die Fenster oder kühlen das Gewächshaus von oben mit Wasser, um die Temperatur im Innern zu senken. „Neulich hatten wir 49 Grad gemessen, gefühlt war es noch heißer.“ An solchen Tagen sei die Arbeit im Gewächshaus eine harte körperliche Belastung.
So läuft die Trocknung und Lagerung der Cannabis-Blüten
„Unsere Pflanzen richten sich komplett nach der Sonne“, erklärt Schwandt. Wenn die Tage kürzer werden, beginnt die Blüte. Geerntet wird per Hand – der Reifegrad der Blüten wird unter dem Mikroskop bestimmt. „Wir schauen auf die Trichome. Die sind erst klar, dann werden sie milchig , dann leicht bräunlich. Wenn etwa 20 bis 30 Prozent braun sind, ist es so weit“, erklärt Veigel. Die erste Ernte wurde bereits eingebracht. Die Blüten werden getrocknet, zunächst auf Netzen, dann in luftdichten Dosen mit Feuchtepads bei 62 Prozent. „Das ist wie bei einem Humidor bei Zigarren“, sagt Veigel.
Jede abgegebene Menge muss genau dokumentiert, gelagert und kontrolliert werden. THC- und CBD-Gehalt sind verpflichtend anzugeben. Die Tests erfolgen derzeit stichprobenartig durch externe Labore. „Ein einfacher Test kostet etwa 20 Euro, ein Volltest auf Pestizide über 200 Euro.“ Langfristig will der Verein die Analyse selbst durchführen – entsprechende Geräte seien aber teuer.
Abgegeben wird das Cannabis nur an Vereinsmitglieder, die bei „Greenhouse Farming“ mindestens 21 Jahre alt sind. 15 Euro kostet der Monatsbeitrag, 9 Euro zusätzlich jedes Gramm Marihuana. Verteilt wird nach Terminvereinbarung und in der zulässigen Höchstmenge. Die Verwaltung läuft über eine Vereinssoftware, geplant ist der Umstieg auf ein spezialisiertes System. Kontrollen können jederzeit durch die Behörden stattfinden. „Wir müssen gewährleisten, dass einer von uns im Falle einer Kontrolle innerhalb von 30 Minuten am Gewächshaus ist“, erklärt Veigel.
Abgabe, Preis und Kontrolle beim Anbauverein
Geld verdienen dürfen sie mit dem Verein nicht. Doch ist „Greenhouse Farming“ für die beiden Vereinsgründer mehr als nur ein Hobby: „Ich finde, die Pflanze hilft mehr, als sie schadet – gerade bei Schmerzen oder anderen Beschwerden“, sagt Jens. Er selbst raucht kaum, kennt aber den medizinischen Nutzen: „Ich hatte mal Rückenschmerzen – mit der richtigen Sorte waren die einfach weg. Und im Kopf war ich trotzdem klar.“ 26 verschiedene Sorten werden momentan angebaut. „Ich finde es spannend, wie unterschiedlich die Sorten wirken – ob körperlich entspannend oder eher aktivierend.“
Und dann ist da noch der Stolz – auf die erste legale Ernte, auf eigene Blüten – sauber angebaut, rechtlich erlaubt. „Wir wollen zeigen, dass es auch anders geht“, sagt Tobias Schwandt. „Nicht im Verborgenen. Sondern offen, verantwortungsvoll – und mit Freude an der Sache.“