Für Freitag hat Verdi die Beschäftigten in Sozial- und Erziehungsdiensten erneut zum Streik aufgerufen, darunter auch die Fachkräfte in den städtischen Stuttgarter Kitas und Schülerhäusern. Foto:  

Wenn die Stuttgarter Kitas und Schülerhorte am 7. März den vierten Tag im laufenden Tarifstreit streiken, stehen Eltern wieder vor der Frage: Wer betreut mein Kind? Wie finden die das – und wie weit reicht ihre Solidarität mit den Fachkräften im Arbeitskampf?

Wenn Stefanie (39) daran denkt, dass sie im April nach der Elternzeit pro Woche wieder 25 Stunden ihrem Beruf nachgehen möchte, hat sie „richtig Bauchweh“. Die Kitabetreuung ihrer zwei Kinder (zwei und sechs Jahre alt) ist alles andere als gesichert. Wegen Krankheit sei die städtische Betreuungseinrichtung häufig teilweise oder ganz zu. Dazu kommen Streiks, zu denen die Gewerkschaft Verdi, die sich derzeit in Tarifverhandlungen mit den kommunalen Arbeitgebern befindet, immer wieder aufruft.

„Ich bin so einfach keine zuverlässige Arbeitnehmerin. Dass die Kita keine Konstante ist, tut richtig weh“, sagt die Mutter aus Stuttgart, die wie alle Eltern nur mit ihrem Vornamen zitiert werden möchte. Dazu kommt: Ihr jüngeres Kind ist gerade in der Eingewöhnungsphase. Die ständigen Unterbrechungen verzögerten, dass sich der Sohn in der Kita einleben und wohlfühlen kann.

Vierter Streiktag für Kitaeltern in Stuttgart

Wie ihr geht es vielen Eltern. Für Freitag, 7. März, der zeitgleich als Equal-Pay-Day firmiert, hat Verdi die Beschäftigten in Sozial- und Erziehungsdiensten erneut zum Streik aufgerufen, darunter auch die Fachkräfte in den städtischen Stuttgarter Kitas und Schülerhäusern. Die Gewerkschaft begründet das Vorhaben auch mit der „kompletten Blockade der Arbeitgeber“ am Verhandlungstisch bei allen Regelungen zu Zeit- und Qualitätsfragen.

In den Stuttgarter Einrichtungen ist es der vierte Streiktag im laufenden Konflikt. Von der Stadt heißt es dazu: „Da es erfahrungsgemäß eine hohe Streikbeteiligung“ gebe, könne der Betrieb auch dieses Mal „nicht oder nur eingeschränkt stattfinden“. In einem Brief des Jugendamtes an die Eltern schreibt Leiterin Katrin Schulze, man solle sich für den 7. März bei der jeweiligen Einrichtung informieren, inwieweit diese vom Streik betroffen sei. In den Schülerhorten läuft derzeit an vielen Schulen die Ferienbetreuung.

Eine Mutter über den Kitastreik: „Langsam wird es nervig“

Auch die Familie von Julia (32) wird betroffen sein. Der dreijährige Sohn besucht einen städtischen Kindergarten. Seine Mutter ist zwiegespalten: Einerseits versteht sie, dass die Erzieherinnen und Erzieher für bessere Löhne und Arbeitsbedingungen auf die Straße gehen. Andererseits werde es „jetzt langsam nervig“, sagt Julia. „Unsere Kita hat 26 Schließtage, dazu vier Streiktage, das ist schon mehr, als ich Urlaubstage habe.“ Während der ersten drei Streiktage nahm sie zweimal frei, einmal betreute die Oma. „Aber die Großeltern arbeiten noch und können nicht immer einspringen“, sagt Julia.

Sie würde sich deshalb wünschen, dass die Arbeitgeber bald einlenken und die Gehälter anheben. Gleichzeitig sollte die Gewerkschaft mehr Rücksicht auf die Eltern nehmen. „Wir sind auf unsere Jobs angewiesen, und nicht jeder Arbeitgeber hat Verständnis, wenn Eltern ständig frei brauchen“, sagt die Mutter. Das wisse sie von Müttern und Vätern aus ihrem Umfeld.


Dieser Zwiespalt aus Verständnis und Verärgerung würde viele Eltern umtreiben, sagt Lejla Rahmanovic vom Gesamtelternbeirat der städtischen Kindertageseinrichtungen, Horte und Schülerhäuser in Stuttgart (GEB). Für manche Familien hätten die vielen Ausfälle finanzielle Konsequenzen, wenn unbezahlter Urlaub genommen oder Arbeitszeit reduziert werden müsste. „Was viele frustriert: dass sich nichts tut“, sagt Lejla Rahmanovic. Der GEB sieht die Arbeitgeber jetzt in der Pflicht. „Am Ende geht es um die Kinder. Nur wenn sich die Arbeitsbedingungen verbessern, gibt es mehr Personal und können eine gute Betreuung und Bildung in den Kitas aufrechterhalten werden.“

Schließtage und Streiks in Kitas – dafür reichen Urlaubstage kaum

Das sieht auch Felix (40) so. Seine Frau und er haben die drei Streiktage bisher mit Urlaub aufgefangen – oder indem der Vater die ausgefallenen Arbeitsstunden abends nacharbeitete. Für ihn wären die Streiktage erträglicher, wenn die städtische Kita, die der dreijährige Sohn besucht, nicht ohnehin schon 28 Schließtage hätte. „Bei 30 Urlaubstagen bleiben also nur zwei Tage Puffer. Jeder weitere Streiktag bedeutet, dass wir weniger gemeinsame Urlaubstage als Familie haben“, sagt Felix. Die Forderung der Fachkräfte nach mehr Gehalt unterstützt er, die nach mehr Freizeitausgleich nicht. „Das würde den Personalmangel weiter verschärfen und dazu führen, dass noch weniger Kinder einen Kitaplatz bekommen“, so seine Einschätzung.

Auch Stefanie hofft auf eine baldige Lösung des Konflikts. Weil sie noch in Elternzeit ist, hilft sie anderen Eltern, indem sie deren Kinder an Streiktagen mitbetreut. Aber wenn sie bald wieder arbeiten geht, fällt dieses Netz weg.