Das US-Verteidigungsministerium arbeitet an einer Radikalkur für die US-Kommandostruktur – mit Folgen für Stuttgart. Doch der US-Kongress kann gegensteuern.
Spitzen-Offiziere der Stuttgarter US-Regionalkommandos dürften ebenso überrascht gewesen sein wie Kongressmitglieder in Washington: Die „Washington Post“ berichtet von Pentagon-Plänen, auf Geheiß von Verteidigungsminister Pete Hegseth, die US-Verteidigungspolitik fundamental neu aufzustellen. Demnach könnten das US-Europa-Kommando (Eucom), das in den Patch Barracks in Stuttgart-Vaihingen beheimatet ist, und das US-Afrika-Kommando in Stuttgart-Möhringen in ihrer Bedeutung deutlich herabgestuft und einem neuen „Internationalen Kommando“ unterstellt werden. Auch das Zentralkommando (Centcom) in Tampa, Florida, das vor allem für den Nahen Osten zuständig ist, könnte in dem möglichen neuen Mega-Kommando aufgehen.
Laut der „Washington Post“, die sich auf mehrere Insider stützt, brächte der Plan die größte Neuordnung der US-Militärspitze seit Jahrzehnten. Vor Monaten bereits hatte Hegseth versprochen, den Status quo in der Militärbürokratie aufzubrechen und auch die Zahl der Vier-Sterne-Generäle zu reduzieren. Außerdem würden die Pläne dem erklärten Ziel der Regierung von US-Präsident Donald Trump folgen, Ressourcen aus dem Nahen Osten und Europa abzuziehen, um sich militärisch vor allem auf die westliche Hemisphäre zu konzentrieren. Hegseth und Trump als Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte müssen die Pläne aber noch absegnen.
Durchgesickerte Dokumente zum Umbau von Eucom in Stuttgart
Das Pentagon, das sich jetzt Kriegsministerium nennt, wollte auf Nachfrage nicht viel sagen zu „durchgesickerten Dokumenten“ oder „nicht entschiedenen Angelegenheiten“. Und jede Andeutung, es gebe unter den Beamten eine Spaltung bei diesem Thema, sei „völlig falsch – jeder im Ministerium arbeitet daran, unter dieser Regierung dasselbe Ziel zu erreichen“. Doch könnten gerade Meinungsverschiedenheiten dafür verantwortlich sein, dass die Vorschläge jetzt öffentlich wurden. Eucom und Africom nahmen zu diesen nicht Stellung.
Was das Vorhaben konkret für Deutschland und Stuttgart bedeuten würde, ist noch völlig unklar. „Die ersten Berichte über eine mögliche Umstrukturierung der US-Militärhauptquartiere deuten auf mehrere Optionen hin, die Stuttgart betreffen könnten“, meint Douglas Lute vage auf Anfrage unserer Zeitung. Er hat im Nationalen Sicherheitsrat Regierungen von Republikanern wie Demokraten zugearbeitet. Das Vorhaben zeige aber einmal mehr „die Radikalität“ der Vorstellungen Hegseths, meint ein hoher US-Offizieller in Europa. Letzterer ist besorgt, Eucom, das sich derzeit vor allem mit der Bedrohung durch Russland beschäftigt, könnte in einer zu ehrgeizigen Konsolidierung in einem Großkommando seine Stärken verlieren. „Da würde viel an örtlicher Expertise und Beziehungen verloren gehen“, so der Offizielle.
Kongress gegen Radikalumbau von Eucom in Stuttgart
Beide Amerikaner setzen aber darauf, dass der Kongress allzu radikalen Pentagon-Plänen einen Riegel vorschiebt. Alle Pläne des Verteidigungsministeriums müssten vom US-Kongress bewilligt werden, der die Finanzierung bereitstellt. „Generell unterstützt der Kongress die US-Militärpräsenz in Europa und versteht die Bedeutung unserer Nato-Partner für die Sicherheit der USA“, wiegelt Lute mit Blick auf beide US-Parteien ab. So dürfte der Senat in Kürze ein Verteidigungsgesetz (NDAA) beschließen, das drastische Veränderungen bei Eucom erschwert, die Preisgabe des Nato-Oberbefehlshaberpostens unmöglich macht und verhindern will, dass die Regierung die Zahl der US-Truppen in Europa längerfristig unter 76.000 senken kann.
Derzeit umfasst die US-Militärgemeinde in Stuttgart rund 28.000 Menschen. Im Eucom-Hauptquartier arbeiten nach US-Angaben von 2024 rund 1150 Militärs, 700 Zivilisten und 600 Vertragsnehmer. Bei Africom sind es 1400 bis 1500 Personen.