Amerikas neuer Mann in Europa: Alexus Grynkewich soll am 1. Juli in Stuttgart das Kommando über die US-Streitkräfte in Europa übernehmen – und Oberkommandierender der Nato werden. Foto: William J. Seifert

Wechsel an der Spitze der US-Truppen in Europa und der Nato: General Alexus Grynkewich übernimmt. Präsident Trump wirft seine Schatten auf die Zeremonie in Stuttgart.

Für ihn ist es die Rückkehr an eine alte Wirkungsstätte. Wenn Alexus Grynkewich am 1. Juli in der Stuttgarter Patch-Kaserne das Kommando der US-Streitkräfte in Europa (Eucom) übernimmt und damit auch ins Amt des Nato-Oberbefehlshabers Europa (Saceur) aufrückt, werden ihn Erinnerungen begleiten. Schließlich diente der Luftwaffe-General von Juli 2010 bis Mai 2012 als Operations-Planungschef im Eucom.

Trump stellt Amerikas Rolle infrage

Doch sehr viel hat sich verändert. Russland führt seit 2014 seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Europas Friedensordnung ist dahin. In Washington regiert Präsident Donald Trump und stellt Amerikas Rolle als Rückgrat der Nato immer wieder neu infrage.

Donald Trump Foto: Manuel Balce Ceneta/AP/dpa

Die Zeit von General Christopher Cavoli als operativer Anführer aller Nato-Truppen und als US-Kampfkommandant in Europa, die nun nach drei Jahren endet, war geprägt von Russlands Aggression, von der massiven Ausweitung des Angriffs auf die Ukraine. Geprägt vom Bemühen der Nato um Wiederherstellung ihrer Fähigkeit, das Bündnisgebiet zu verteidigen. Geprägt auch vom Beitritt Finnlands und Schwedens. Auf Nachfolger Grynkewich lastet obendrein der Schatten der zweiten Amtszeit Trumps.

Dieser Schatten kommt in Person des ranghöchsten US-Soldaten nach Stuttgart: Generalstabschef Dan Caine soll das Kommando von Cavoli auf den 53-jährigen Grynkewich übertragen. Wie sehr Trump und seinem Verteidigungsminister Pete Hegseth der Sinn danach steht, das US-Militär umzukrempeln, zu verkleinern und bewusst mit dessen Traditionen zu brechen, wird auch in der Berufung Caines sichtbar.

Eine Beförderung ohne Beispiel

Im Dezember 2024 als Drei-Sterne-General in Pension gegangen, wurde Caine im April von Trump zurückgerufen. Zum Vier-Sterne-General befördert, zum Generalstabschef ernannt und damit zu Trumps und Hegseths und des Nationalen Sicherheitsrates militärischem Berater. Vorbei an den aktuell 37 Vier-Sterne-Generälen der US-Streitkräfte. Unter Missachtung der Regel, dass jede neue US-Regierung den obersten Soldaten des Landes noch geraume Zeit im Amt lässt. Ein beispielloser Vorgang.

Wie Trump zum glühenden Fan wurde

Ungewöhnlich auch, dass diese Wahl auf einen F-16-Piloten mit gutem Ruf und 2800 Flugstunden – davon mehr als 150 in Kampfeinsätzen – aber ohne die für einen solchen Werdegang typischen Truppenkommandos, erst recht ohne internationale Erfahrung oder gar Vernetzung gefallen ist. Seit einer persönlichen Begegnung im Irak, bei der Caine gesagt haben soll, die Terroristengruppe Islamischer Staat sei – da gehen die Überlieferungen auseinander – in einer oder in vier Wochen zu besiegen, gilt Trump als glühender Caine-Fan.

Ist das Militär nur Staffage zum Nationalfeiertag?

Was fast einem Alleinstellungsmerkmal gleichkommt. Denn Trump und die militärische Führung fremdeln. Zahlreiche ehemalige Top-Generäle und -Admiräle haben sich im Wahlkampf gegen Trump positioniert. Jetzt macht im Militär das böse Wort von der „Säuberung“ die Runde, seit Trump in den ersten Tagen seiner zweiten Amtszeit mehrere Generäle und Admiräle gefeuert hat. In dessen erster Amtszeit beschrieb ein General aus dem Stuttgarter Oberkommando der US-Streitkräfte für Afrika (Africom) unserer Zeitung das Verhältnis einmal so: „Als Staffage zum Nationalfeiertag sind wir gefragt. Ansonsten verbindet diesen Präsidenten nichts mit Militär oder Sicherheitspolitik.“

Auf dieser Basis wird Grynkewich als Boss in Stuttgart und im belgischen Mons zurechtkommen müssen. Zwar hat die Trump-Führung auch ihn, der zuletzt als Direktor für Operationen beim Vereinigten Generalstab im Pentagon diente, gegen alle Gewohnheit von diesem Posten für Drei-Sterne-Generäle direkt in die Top-Riege des US-Militärs gehievt. Aber Grynkewich startet ins Amt unter den Vorzeichen eines erheblichen Rückbaus.

Raus aus dem missliebigen Deutschland

Im Gespräch ist, Eucom und Africom zusammenzulegen. Die Kommandos für Europa und Afrika – beide in Stuttgart – bilden mit vier weiteren in Amerika und Asien weltumspannend die Stellschrauben am harten Ende amerikanischer Außenpolitik. Ihre Kommandeure unterstehen unmittelbar dem Präsidenten und dem Verteidigungsminister. In seiner ersten Amtszeit hatte Trump die Verlegung der beiden Stuttgarter Spitzenkommandos raus aus dem ihm missliebigen Deutschland weit vorangetrieben. Wiederum gegen Widerstand der militärischen Führung.

Verzichten die USA auf das höchste Nato-Kommando?

Amerikanische Medien meldeten im März, die US-Regierung trage sich mit dem Gedanken, die seit Nato-Gründung bestehende Personalunion zwischen dem Nato-Oberkommandierenden und dem Anführer aller US-Truppen in Europa aufzulösen. Ob die fortschreitende Fokussierung auf Asien solche Überlegungen treibt oder Trumps Weltsicht, wonach internationales Engagement Verschwendung von Steuergeld sei, oder beides, bleibt offen.

Erst mal wird gefeiert

Klar zeichnet sich ab, dass Eucom am Ende von Grynkewichs Amtszeit über weniger als seine heute etwa 400 Stützpunkte und – inklusive nicht dauerhaft präsente Verstärkungskräfte – rund 90 000 Soldaten in Europa verfügen wird. Aber jetzt wird erst mal gefeiert: dass der international erfahrene und akademisch solide und vielfältig ausgebildete Historiker und Kampfjet-Pilot Grynkewich nach Stuttgart zurückkehrt.