Kampf- und Krampfzustände: Martin Bruchmann als Matze, Nina Siewert als Maja sowie Daniel Fleischmann und Marielle Layher als schreckliche Kinder (von links). Foto: Björn Klein - Björn Klein

Zen und Zoff bei einer gemeinsamen Japan-Reise: Klassen- und Kulturkonflikte werden in Tina Laniks Inszenierung zu einer Maskerade ganz anderer Begehrlichkeiten – die sich am Ende fast wie im Nirwana auflösen.

StuttgartEin Pas de deux der Kämpfe und Krämpfe, ein Beziehungsgefecht zwischen Zweien, die eigentlich keine Beziehung haben, und zwar dem Anschein nach in keinerlei Hinsicht. Selbstverständlich trügt der Schein in Nis-Momme Stockmanns „Imperium des Schönen“. Für die Ausweitung ihrer Kampfzone auf einer gemeinsamen Reise nach Japan degradieren die beiden ihre offiziellen Partner zu hilflos intervenierenden Moderatoren oder gleich zu Statisten. Und alsbald ist klar wie Glasnudeln: Sie gehören zusammen wie Yin und Yang, der hoch dotierte Philosophiedozent Falk und die Bäckereifachverkäuferin Maja.

Die Probenfassung des Texts setzt da eindeutige Signale – mit jener betonten Dezenz, die wie Ausposaunen wirkt: Ja, Falk hat Maja mal auf einer „studentischen Weihnachtsfeier“ angebaggert, als er noch nicht wusste, dass sie die Freundin seines Bruders ist. Und ja, sie war mal „eine winzige Spur verliebt“ in den blendenden Großmeister des Schopenhauer-Seminars. Beide Passagen sind gestrichen in Tina Laniks Inszenierung der Uraufführung am Stuttgarter Staatsschauspiel, mutmaßlich im Einvernehmen mit dem Autor. Denn die ursprünglich vorgesehene Regisseurin Pinar Karabulut hat Stockmann geschasst – aus „Sorgfaltspflicht gegenüber der Kunst“, wie er sich äußerte. Nun, bei der um zwei Wochen verschobenen Premiere im Kammertheater, billigt die waltende „Sorgfaltspflicht“ offenkundig Laniks Kürzungen des ansonsten ungekürzten Texts. Zu Recht. Denn der Holzhammer betäubt eher den zuschauenden Erkenntnissinn, als ihn zu wecken. Und dieser ist wichtig in den Dialoggefechten des An- und Umdeutens, des Attackierens und mit eigenen Waffen Schlagens, des Beleidigens und gleichzeitigen Bestreitens der Beleidigung – bis zum finalen Showdown, der für fast alle Beteiligten die Reise beendet. Wie es dazu kommt: Japan-Fan Falk, der über die Ästhetik Alt-Nippons promovierte, spendiert seiner eigenen Familie samt klammem Hallodri-Bruder Matze und Freundin Maja die Tour ins Land der über einem „Imperium des Schönen“ aufgehenden Sonne. Selbstlos selbstsüchtig, versteht sich, ein Egotrip des großen Kenners als Bildungsreisendiktator, der Gruppenzwang bei den unzähligen von ihm geführten Tempelbesuchen anordnet. Widerstand ist zwecklos, da eine narzisstische Kränkung des Geldgebers, die man sich nicht leisten kann. Nur Maja macht den Mund auf. Dass dann die Sonne nicht mehr aufgeht, sondern in Finsternis versinkt, ist leidvoll bekannte Gemeinschaftsurlaubserfahrung, Stresstest für die Familienbande – und bei Stockmann Handlungsoberfläche.

Gewetzt-gewitzte Repliken

Zunächst zieht das in flacher Erregungskurve an, noch etwas steif gespielt vom textmassenbewältigenden Ensemble, gewinnt dann Parlando-Rasanz in den gewetzt-gewitzten Repliken, schlägt schließlich um in eine ganz andere Dynamik: die eines angetäuschten Klassen- und doppelten Kulturkonflikts, die auch nur Maskerade sind. Klar, es geht um den allmächtigen Sponsor Falk, der stets verkündet, dass er keine Gegenleistung für seine Gaben erwartet und das Gegenteil meint. Es geht um das Kapital- und Kulturgefälle hinab zur angeblich proletarischen Maja, die angeblich weder das intellektuelle Niveau noch die geforderte Neugier aufweist, um sich in den „Groove“ der Philosophenfamilie einschwingen zu können. Und es geht um die zen-buddhistische Kultur eines „Lebens im Hier und Jetzt“, der erleuchteten „Oberfläche“, der „Stille“, die Falk in einem wortreichen Vortrag als löblichen Gegensatz zum westlichen Sinn- und Zweck- und Eindeutigkeitszwang preist. Worte, die er selbst, der eindeutige und alles deutende Monomane, nicht beherzigt – und die Maja als „Schönrednerei“ der anonymisierten japanischen Gesellschaft quittiert.

Der Hase liegt auf dem west-östlichen Kulturkonflikt-Divan aber wo ganz anders im Pfeffer. Maja ist eben nicht das Dummchen vom Bäckereitresen, das den devoten Blick zur professoralen Autorität hebt, sondern eher ein akademisches U-Boot, das sie torpediert. Nina Siewert spielt das absolut überzeugend, unmöglich gekleidet in Pink-Jacke und Hochwasser-Karohose, manchmal die Ulknudel aus der gestrengen Vegetarierin und Teilzeit-Abstinenzlerin (sie ist von Matze schwanger) pressend, stark im gezielten Knallchargieren und grotesken Nachäffen: alles nur Tarnung gegenüber Marco Massafras dauerverkrampftem Falk mit seinem stieren Blick. Maja zitiert nicht nur Schopenhauer besser als der Großkopf, sie haut ihm auch Hegel um die Ohren: eine identitätsbedrohende Macht in diesem Konflikt, der sich als erotischer demaskiert – als gegenseitiges, das Familiengefüge sprengendes, deshalb in Kabbeln und Hiebe verpacktes Begehren. Was sich liebt, das neckt und schlägt sich – auch wenn die Ohrfeige, die der rhetorisch schachmatt gesetzte Falk Maja scheuert, nur als Regieanweisung vorkommt. Und die dröhnen, wie alle anderen, Ignaz und Ismael ins Mikro, die Söhne Falks und seiner Gattin Adriana, eindrucksvoll gespielt von Katharina Hauter als Kuscherin vor dem Herrn, den sie am emanzipierten Ende ins japanische Nichts entlässt. Und dann befreit sich endlich auch Martin Bruchmanns trefflicher Matze von Verlegenheitsgrinsen und brüderlicher Entmündigung – und poliert Falk die Fresse (nur per Regieanweisung, na klar).

Yin und Yang im Hier und Jetzt

Tina Lanik lässt im eigenen Kann-man-nichts-falsch-machen-Bühnenbild spielen: vor schwarzer Wand ein leerer, nur von Plastikschalenstühlen für den jeweils beobachtenden Teil des Ensembles gesäumter Raum – gleichwohl die einzig wahre Laborlösung für den zusehends ­pointierteren Textkampfschauplatz. Wirklich klug aber ist Laniks Regie, indem sie die beiden Söhne – ein androgynes Duo, grandios gespielt von den Nachwuchsschauspielern Marielle Layher und Daniel Fleischmann – zu den Drahtziehern des Geschehens macht: zwei schreckliche Streber-Monster im jungmatrosenhaften Internatsdress, böse Kraft-durch-Freude-Buben mit sadistischer Lust am zerstörten Leben der Anderen. Dass diese die angewiesenen Tätlichkeiten nicht ausführen, zeugt vom letzten kritischen Distanzrest zu dem faschistoiden Alptraum, in den sich ein erotischer Wunschtraum verwandelte. Epilog: Maja, die eigentlich längst abgereist sein müsste, ist allein mit Falk, aufgewacht in entspannter Wirklichkeit – mit Rollenwechsel. Er findet Japan plötzlich „anstrengend“, ihr gefällt plötzlich die „Stille“. Da haben sich zwei gefunden, Yin und Yang im Hier und Jetzt ihrer verlöschenden Identitäten. Womit mit dem erotischen auch der kulturelle Clinch geklärt wäre: Punkt für den Zen-Buddhismus im Match gegen Westintellekt.

Die nächsten Vorstellungen: 2. Februar, 3. und 4. März im Kammertheater.

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