Natalia, Danylo und Ahmad haben viel Spaß beim Deutschunterricht mit Ekkehard Sander (von links). Foto: /Rainer Kellmayer

Ekkehard Sanders Familie war einst selbst auf der Flucht. Jetzt hilft der Denkendorfer ehrenamtlich jungen Menschen, sich in Deutschland zurechtzufinden. Das Erlernen der Sprache steht dabei im Mittelpunkt. Aber nicht nur.

Geflüchteten zu helfen ist für Ekkehard Sander eine Herzensangelegenheit. Die Motivation, sich für andere einzusetzen, hat ihre Wurzeln in der Biografie des in Denkendorf wohnenden Seniors. Sanders Lebensgeschichte liest sich sehr dramatisch. In den Wirren des Zweiten Weltkriegs wurde die Familie des heute 82-Jährigen im Januar 1945 aus der Heimat im ostpreußischen Osterode vertrieben, das heute zu Polen gehört. Die erste Station der Flucht war Berlin. Dann ging es weiter nach Klötze, einer in der ehemaligen DDR gelegenen Stadt, wo er mehr als zehn Jahre lebte. „Mit den Verhältnissen in der DDR waren wir sehr unzufrieden. Deshalb wagten wir, da die Grenze innerhalb Berlins noch durchlässig war, 1955 die Flucht von Ost- nach Westberlin“, erinnert sich Ekkehard Sander.

Als Elektromeister selbstständig gemacht

Die Odyssee ging weiter: Über das bayerische Bad Reichenhall kam Sander schließlich in den Esslinger Raum, wo er zunächst bei einer Elektrofirma arbeitete und sich später – nach einer Zwischenstation als Beleuchtungstechniker beim Süddeutschen Rundfunk – als Elektromeister selbstständig machte. „Diese Lebenserfahrungen haben mich stark geprägt“, sagt Sander, der sich vielfach ehrenamtlich engagiert. „Ich sehe mein heutiges Leben als Geschenk, und möchte anderen von meinem Glück etwas weitergeben“.

Vor einiger Zeit las der 82-Jährige in der Stadtrundschau Ostfildern einen Bericht über das offene Angebot „Wir trinken Tee und sprechen Deutsch“, das Geflüchteten einen Weg zur deutschen Sprache ebnen möchte. Bereits seit 2015 engagiert sich Hanne Probst, die ehemalige Leiterin des Treffpunkts an der Halle in Nellingen, zusammen mit Christel Roth und Hilde Wagner für Geflüchtete. Immer dienstags begegnet sich im Treffpunkt in geselliger Runde eine bunt zusammengewürfelte Gruppe, um sich zu unterhalten und Sprachübungen zu machen. Unterstützt wird das Mentorenteam durch den Freundeskreis Asyl, der in Ostfildern Geflüchteten mit einem breiten Angebot unter die Arme greift.

Sprachliche Missverständnisse sorgen für Erheiterung

„Derzeit nehmen an unseren Treffen 17 Gäste teil“, sagt Hanne Probst. „Obwohl sich die Gruppe aus acht verschiedenen Nationalitäten, von Venezuela über Kamerun und Syrien bis zur Ukraine und Weißrussland zusammensetzt, verläuft alles sehr harmonisch.“ Vermittelt werden Grundkenntnisse der deutschen Sprache, die auf weiterführende Sprachkurse vorbereiten sollen. „Unsere Gäste lernen übers Sprechen die Sprache“. Es wird jedoch nicht nur geredet: Neben der Konversation nimmt die Beschäftigung mit der anspruchsvollen deutschen Grammatik breiten Raum ein.

Alle sind mit Feuereifer bei der Sache, und gelegentliche sprachliche Missverständnisse tragen zur Erheiterung bei. In dieser lockeren Runde fühlt sich Ekkehard Sander, den hier alle nur „Ekki“ nennen, sehr wohl. Besonders angetan haben es ihm zwei 13-jährige Jungs – Danylo aus der Ukraine und Ahmad aus Syrien. Die jugendliche Unbekümmertheit und Offenheit der beiden begeistern den Senior. „Als ich Ahmad fragte, was er einmal werden möchte, bekam ich zur Antwort: Ich werde Fußballstar oder Brezelbäcker, weil ich knusprige Brezeln sehr liebe“. Die Sympathie beruht auf Gegenseitigkeit: „Ekki ist immer lustig. Er ist ein toller Lehrer“, berichten die Jungs begeistert.

Besonders berührt hat den Senior, als ihm der elfjährige afghanische Junge Aschkan - Sander half ihm vor der Coronapandemie beim Lesen, und gelegentlich spielten sie auch Schach und Minigolf – ein besonderes Kompliment machte: „Ekki, du bist mein bester Freund.“

Marathonläufer und Lesepate

Ekkehard Sander, der ein passionierter Marathonläufer war und 1999 sogar beim New-York-Marathon mitgemacht hat, ist ein aufgeschlossener und aktiver Mensch. „Ich kann nicht ruhig zuhause sitzen, ich brauche den Kontakt mit Menschen.“ Neben der Mitarbeit in der Nellinger Sprachgruppe ist er auch Lesepate an der Erich-Kästner-Gemeinschaftsschule. „Mittwochs bin ich regelmäßig an der Schule.“ Dort betreut er einen neunjährigen Jungen, der aus Israel ausgewandert ist. „Wir beschäftigen uns mit Gedichten, lesen zusammen in der Zeitung, und diskutieren viel“. Und was erhofft sich Ekkehard Sander von der Zukunft? „Ich möchte gesund bleiben und mich weiterhin für die Menschen einsetzen.“

In Ostfildern leben zurzeit 527 Menschen aus der Ukraine

Bundesrepublik
Nachdem im Jahr 2016 durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) in Nürnberg ein Höchststand von 745 545 Anträgen auf Asyl bearbeitet wurde, gingen die Antragszahlen in den Folgejahren zurück: 2020 waren es noch 122 170 Anträge. Seither steigen die Zahlen wieder an. Im Januar und Februar 2023 gingen beim Bamf bereits 58 802 Asylanträge ein.

Landkreis Esslingen
Der Kreis ist zuständig für die Unterbringung von Geflüchteten in der sogenannten vorläufigen Unterbringung. Ende Februar 2023 betraf dies 2307 Menschen, die in aktuell 29 Unterkünften leben. Der Übergang geflüchteter Menschen in die Anschlussunterbringung in den Städten und Gemeinden erfolgt nach einem auf die Einwohnerzahlen bezogenen Schlüssel.

Stadt Ostfildern
In Ostfildern sind die Geflüchteten in zwei Wohnkomplexen und dezentral in 58 weiteren Gebäuden untergebracht. Ein vom Gemeinderat kürzlich auf den Weg gebrachtes Containerdorf ist derzeit im Scharnhauser Park im Bau und soll im Juli eröffnet werden. Derzeit leben in Ostfildern 527 Menschen aus der Ukraine und 724 aus anderen Ländern wie Syrien und Afghanistan.