Die Mitarbeiterin Nimet Dogan klebt die feinen Miniaturen. Sie arbeitet seit 1987 Reutter Miniaturen. Foto: Caroline Holowiecki

Das Familienunternehmen Reutter aus Kemnat hat eine fast 80-jährige Tradition. Mit handgemachten Miniaturen und Sammlerstücken sticht die Firma europaweit heraus.

Eine Torte, eine Flasche Sekt mit Gläsern, Blumen, Geschenke und das gute Porzellanservice. Alles, was zur Geburtstagsüberraschung gehört, hat Nimet Dogan auf dem antik anmutenden Tisch platziert. Gute zwei Minuten hat sie dafür gebraucht. Das wäre schon schnell, wenn es sich um eine normale Geburtstagstafel handeln würde. Der Tisch, den die Mitarbeiterin von Reutter Miniaturen zu decken hat, ist winzig klein – eine detailgetreue Miniatur im Maßstab 1:12.

Routiniert fasst sie die Teilchen an, klebt eines nach dem anderen auf dem Tischlein fest. Alles hat seinen Platz, da sind ruhige Hände gefragt. „Es macht mir Spaß, es ist beruhigend“, sagt Dogan, ohne die Augen abzuwenden. Man will es ihr tatsächlich glauben. Seit 1987 arbeitet sie in der Welt der klitzekleinen Dinge.

Die Firma Reutter Miniaturen stellt filigrane Wohnwelten im Puppenstuben-Format her. Im Zentrum steht zwergenhaftes Porzellan – von der Suppen- bis zur Kloschüssel –, doch auch Holzstühle und Schränke, das Kunststoffobst oder die kleinen Duschvorhänge entstehen hier. „Alles in Handarbeit“, betont Juniorchefin Michelle Reutter. Gelieferte Einzelteile und Rohlinge werden verklebt, tapeziert, dekoriert und bemalt. Mit den Produkten nimmt Reutter Miniaturen nach eigenen Angaben eine Sonderstellung ein. „Wir sind die Einzigen in Europa, die Porzellan in der Art anbieten“, sagt Bertram Reutter, ihr Vater.

Reutter Miniaturwelten ist ein Familienunternehmen geblieben

Reutter ist ein Familienunternehmen. Vater, Mutter, Sohn und Tochter sind heute involviert. Gegründet wurde die Firma 1948 von Bertram Reutters Mutter Martha „Martl“ Zimmermann, nach ihrer Heirat eine Reutter. Die Töpferin arbeitete zunächst in Handarbeit an Geschirr, später stellte sie auf Porzellan um, weil dies in größerer Stückzahl gegossen werden konnte. Neben Puppen- und Kinderporzellan rückten zunehmend Miniaturen und Souvenirs in den Vordergrund.

Die winzige Küche ist weitgehend in Handarbeit entstanden. Foto: Caroline Holowiecki

Ursprünglich stammt das Unternehmen aus Denkendorf, seit 2022 hat es seinen Sitz im Gewerbegebiet am Rand von Ostfildern-Kemnat. In einem unscheinbaren Gebäudeklotz entstehen die fein gearbeiteten Wohnwelten. Thematisch geht es in die Vergangenheit, ins Viktorianische Zeitalter und ins Biedermeier. Die Ergebnisse begeistern weltweit. „Unsere Hauptzielgruppe sind Frauen ab 40 bis 45. Das hat sich in den letzten Jahren verjüngt“, sagt Michelle Reutter. Gerade in den sozialen Medien gebe es eine Community, die Spaß an den Miniaturwelten habe. Viele Fans kämen aus Japan und den USA, entsprechend international ist die Kundschaft, die online oder vor Ort in Kemnat einkauft. Für die nächsten Tage hat sich jemand aus Taiwan angekündigt. „Manche Kunden verbringen hier zwei, drei Stunden“, sagt Michelle Reutter.

So heil die grazile Puppenwelt in den Regalen und Vitrinen daherkommt, so schwer waren die Jahre, die die Firma hinter sich hat. Die Pandemie mit den Lockdowns hat einen vormals lukrativen Geschäftszweig wegbrechen lassen: das Souvenir-Geschäft mit touristischen Motiven auf Waren wie Tassen oder Fingerhüten. Früher habe diese Sparte 50 Prozent des Umsatzes ausgemacht, erklärt Bertram Reutter, viele Lizenzprodukte habe man vertrieben. Plötzlich sei das alles futsch gewesen. „Der Markt ist nicht zurückgekommen.“ Etliche Läden existierten heute nicht mehr. In der Konsequenz sei die Firma Reutter in die Insolvenz gerutscht – und gezwungen gewesen, sich 2022 neu aufzustellen. Man habe den Bereich Miniaturen aus der Insolvenzmasse herausgekauft und sich mit dem Umzug nach Kemnat verkleinert. So konzentrierte man sich aufs Kerngeschäft.

Familienteam: Vater Bertram Reutter, Michelle Reutter und Karin Büchele-Reutter. Foto: Caroline Holowiecki

„Der Stil muss stimmen, wie auch die Atmosphäre. Nostalgie ist unser Erfolgsrezept.“

Michelle Reutter Juniorchefin

Csilla Schies ist mit dem Veredeln von Minigeschirr beschäftigt. Zunächst weicht sie keramische Bildchen in Wasser ein, dann bringt sie die Motive mit dem Finger auf. Klingt einfach, ist aber Präzisionsarbeit. Die Tassen, die die Mitarbeiterin in der Mache hat, sind gerade mal sechs Millimeter hoch, die Teller messen zwei Zentimeter. Alles muss akribisch passen, Blasen dürfen sich nicht bilden, sonst geht das Bild beim Brennen kaputt. Ihren Augen entgeht nichts. Auch sie arbeitet seit Jahrzehnten bei der Firma.

So entstehen unzählige kleine Dinge, von der Klobürste über die Tortenplatte bis zur Wanduhr, alles im Look von anno dazumal, mit Goldrand, Blumendekor und Rüschen. Für die Entwürfe von neuen Produkten wird intensiv recherchiert, in Museen, Geschichtsbüchern oder im Internet. Der Stil muss stimmen, wie auch die Atmosphäre. Nostalgie ist das Reutter’sche Erfolgsrezept. Michelle Reutter weiß: „Unsere Kunden wollen etwas dem Alltag entfliehen.“

Die Firma Reutter in Zahlen

In dritter Generation
Reutter Miniaturen – ehemals Reutter Porzellan – kann auf fast 80 Jahre Firmengeschichte zurückblicken. Heute besteht die Firma in der dritten Generation. Neben vier Mitgliedern der Familie stellen fünf Angestellte vor Ort oder in Heimarbeit die Sammlerstücke her. Aktuell arbeitet das Team mit 1802 verschiedenen Rohlingteilen – das Rohporzellan stammt von Kooperationspartnern in China – und erstellt daraus eine Kollektion von 820 Artikeln.

Showroom und Fabrikverkauf
Der Reutter-Showroom und -Fabrikverkauf hat Montag bis Donnerstag von 9 bis 12 Uhr und dann wieder von 13 bis 16 Uhr geöffnet. Zu finden ist das Geschäft in Ostfildern-Kemnat an der Zeppelinstraße 35. car