Das ehemalige Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen ist heute eine Gedenkstätte. Bei einer Führung mit Zeitzeuge Gilbert Furian lässt sich erahnen, wie gnadenlos die DDR mit unliebsamen Bürgern umging und welches Unrecht hier geschah.
Laute Geräusche sind streng verboten. Kein Klopfen, kein Pfeifen, kein Singen. Vor allem die Musik fehlt Gilbert Furian während seiner Haft im Gefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR in Hohenschönhausen. In seiner Freizeit singt der damals 40-Jährige im Chor, Stimmlage Bass. Im Stasi-Knast hat er keine Stimme und keinen Namen mehr, hier werden politische Gefangene als Nummer geführt: Nummer 314/1. Zelle 314, linke Pritsche.
Wachleute, gefühllos wie Maschinen
Sein Kerkergenosse trägt die Nummer 314/2, Zelle 314, rechte Pritsche. Es ist ein katholischer Krankenpfleger aus Leipzig, mit dem Furian theologische Gespräche führen kann und ab und zu ganz leise im Kanon singt. Kleine Eskapaden, bei denen man sich nicht erwischen lassen sollte. „Die meisten Wachleute waren wie Maschinen, total gefühllos und zu gesundem Hass erzogen“, sagt Gilbert Furian und erzählt, dass der Leipziger und er bis heute Kontakt halten: „Wenn ein Besucher eine Frage hat, die ich nicht beantworten kann, frage ich meinen Kollegen.“
Zweimal die Woche kehrt Gilbert Furian (79) zurück. Als Zeitzeuge führt er durch den bedrückenden Ort. Es gibt nur noch 15 ehemalige Insassen, die sich im Besucherdienst engagieren: „Wir sterben aus.“ Das ehemalige Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen ist heute eine Gedenkstätte. Zu DDR-Zeiten hat die Stasi 2500 Mitarbeiter in Hohenschönhausen, 400 davon arbeiten in der Haftanstalt. Sie bewachen Republikflüchtige, SED-Kritiker, Bürgerrechtler, fast ein ganzer Stadtteil ist Sperrbezirk. Im Dezember 1989 kommen alle politischen Gefangenen frei. Dafür rückt Erich Mielke ein: Der berüchtigte Stasi-Chef wird festgenommen und in seiner eigenen Strafanstalt inhaftiert. 1990 wird Hohenschönhausen geschlossen und zur Gedenkstätte umgewandelt.
Er mache seine Führungen „mit großer Genugtuung und ohne Grusel“, erzählt Furian, der im Gegensatz zu vielen seiner „Kollegen“ seinem Vernehmer vergeben hat. „Ich habe ihn als jemanden betrachtet, der seine Arbeit macht. Außerdem hatte er ein Minimum an Empathie für mich.“ Dass die Stasi-Mitarbeiter nach der Wende nichts selbst ins Gefängnis mussten, stört ihn nicht. „Die sind genug gestraft. Sie mussten den Zusammenbruch der DDR verkraften und haben all ihre Privilegien verloren.“ Als christlich sozialisierter Mensch sei er an Versöhnung interessiert, es sei „ein gutes Geschäft für beide Seiten“.
Ein an sich harmloser Aufsatz bringt Furian ins Visier der Stasi
Gilbert Furian ist 1945 in Görlitz geboren und wächst in einer systemkritischen Familie auf. Als Teenager fliegt er aus der Freien Deutschen Jugend (FDJ), weil er ein christliches Abzeichen trägt. Nach dem Abitur und Pflichtwehrdienst studiert er Philosophie in Leipzig, wird aber zwei Semester vor dem Abschluss exmatrikuliert – wegen „negativen politischen Verhaltens“. Er hatte sich während des Aufstandes in Prag 1968 mit den Menschen in der Tschechoslowakei solidarisiert. Daraufhin geht er nach Berlin und arbeitet beim Volkseigenen Betrieb Wärmeanlagen im Büro. 1985 befragt er aus einer Laune heraus Jugendliche der Ostberliner Punkszene. „Mir war nicht klar, dass das so gefährlich ist“, sagt er heute. Die unkommentierten Interview-Texte vervielfältigt er, verteilt die Papiere an Freunde und gibt ein paar Exemplare seiner Mutter mit, die als Rentnerin reisen durfte und eine Freundin in Stuttgart besuchen will. An der Grenze beschlagnahmt der Zoll die Unterlagen. Die Mutter aber darf ihre Reise fortsetzen und später auch wieder zurückkommen.
Drei Monate nach dem Zollvorfall taucht die Stasi an Gilbert Furians Arbeitsplatz auf. Der damals 40-Jährige muss mitkommen – zur „Klärung eines Sachverhalts“. Es geht erst in die Stasizentrale nach Berlin-Lichtenberg und später an einen unbekannten Ort: ins Gefängnis nach Hohenschönhausen. Sieben Monate lang wird er hier eingesperrt und immer wieder verhört. Dann gibt es einen Prozess. Das Verfahren ist unfair. Wen die Stasi in der Mangel hat, der darf auf keinen Freispruch hoffen. „Ich hätte auch einen Besenstiel mit meiner Verteidigung beauftragen können“, sagt Gilbert Furian sarkastisch und erzählt, dass sein Anwalt immerhin um Milde bittet. Mehr Spielraum gibt es nicht.
Entlassung in die DDR – auf eigenen Wunsch
Er wird schuldig gesprochen nach den Paragrafen 219 und 220 des DDR-Strafgesetzbuches. Sein Vergehen: Öffentliche Herabwürdigung der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung. Das Urteil: zwei Jahre und zwei Monate. Er sitzt die Strafe in Cottbus und in Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz, ab. Die sieben Monate Untersuchungshaft in Hohenschönhausen werden angerechnet. Immerhin. „Hohenschönhausen war nur der Vorhof zu Hölle. Die Hölle war dann der Strafvollzug in Cottbus“, sagt der 79-Jährige. Im dortigen Vollzug muss er sich eine Zelle mit acht anderen Gefangenen teilen, darunter ein wirklicher Krimineller. „Ich war so leichtsinnig zu sagen: Ich möchte nicht in den Westen. Daraufhin machten mir die anderen das Leben schwer“, erzählt Furian. Der Gedanke an eine Frau, seine heutige Ehefrau, hält ihn im Arbeiter-und-Bauern-Staat.
Nach der Hälfte der verbüßten Strafe wird er auf eigenen Wunsch in die DDR entlassen. Was er damals nicht wusste: die Bundesrepublik Deutschland hat ihn tatsächlich freigekauft. Und doch darf er in seiner Heimat bleiben. „Ich habe das 2015 erfahren, als ich meine Freikaufakte endlich einsehen durfte“, sagt Furian. Diese Dokumente haben eine Sperrfrist von 30 Jahren.
Kaum soziale Kontakte
Wie Furian gleich nach der Wende feststellt, füllt seine Stasi-Akte, in der er unter anderem mit dem Decknamen „Schreiber“ geführt wird, 40 Regalzentimeter. Daraus lässt sich entnehmen, dass der 40-Jährige seit 1966 regelmäßig, im Frühjahr 1985 tagelang beschattet wird. Egal, ob er Brötchen kaufen geht oder etwas in die Reinigung bringt – zwei hauptamtliche Mitarbeiter der Stasi sind ihm stets unbemerkt auf den Fersen. Die schwarze Einkaufstasche, von der in den Protokollen die Rede ist, hat Furian immer noch. Beim Rundgang durch die ehemalige Haftanstalt Hohenschönhausen zieht er ab und zu Unterlagen heraus: die Äußerungen der Punks, die ihm zum Verhängnis wurden, Überwachungsprotokolle der Stasi, Fotos von der erkennungsdienstlichen Erfassung. Nach fast vierzig Jahren ist das Leder abgeschabt und die Farbe verblichen.
Während der Haft in Hohenschönhausen sieht er nur seinen Zellengenossen und den Mann, der ihn verhört. Andere soziale Kontakte gibt es nicht. Bewegt sich ein Häftling auf dem Flur, werden alle anderen eingeschlossen. Manche Gefangene freuten sich aufgrund dieser Isolation geradezu auf die Verhöre, die etwas Abwechslung im tristen Alltag versprechen. Während der Untersuchungshaft weiß niemand, wo man genau ist. Einmal im Monat darf man Besuch empfangen, dazu werden die Gefangenen aber in einem fensterlosen Transporter in ein anderes Ostberliner Gefängnis, nach Lichtenberg gefahren.
Der Haftraum hat keine Fenster, sondern Glasbausteine, durch die zwar Licht hineinfällt, man aber nicht hinaus sehen kann. Durch ein Guckloch in der Tür kontrollieren die Wärter ständig, was drinnen vor sich geht. Tagsüber geht alle zehn Minuten das Guckloch auf, nachts alle fünf Minuten. Schlaf ist sehr erschwert. Die Kontrollen sollten verhindern, dass sich jemand das Leben nimmt, die meisten Gefangenen empfinden sie als Schikane. „Zumindest hier war die Stasi erfolgreich: In 38 Jahren gab es in Hohenschönhausen nur sechs Selbsttötungen“, sagt Gilbert Furian.
Keine Freude über die Entlassung
Um diesen riesigen Aufwand personell stemmen zu können ist der „Betreuungsschlüssel“ 1:4 – auf 100 Häftlinge kommen 400 Angestellte. Das Essen sei „verwunderlich gut“ gewesen, erzählt Furian, und dass er seinen Vernehmer einmal darauf angesprochen habe, warum das so sei. Die Antwort: Damit es die Stasi-Mitarbeiter mit den Insassen leichter haben bei den Verhören. Trotzdem nimmt er ab, fünf Kilo in sieben Monaten. Wahrscheinlich liegt das am Muskelabbau. Denn die Häftlinge können sich kaum bewegen. Hofgang in einer Art Freiluftgehege gibt es nicht jeden Tag, Gymnastik in der Zelle, knapp vier mal 2,5 Meter, ist verboten. Tagsüber darf man sich auch nicht aufs Bett legen. „Man sagt nicht ohne Grund, dass jemand sitzt, wenn man vom Gefängnis spricht“, sagt Furian und deutet auf einen kleinen Schemel aus Holz ohne Lehne in der Zelle. Die Häftlinge müssen blaue Anstaltskleidung tragen, eine Art Jogginganzug. Duschen ist einmal pro Woche erlaubt, dann gibt es frische Unterwäsche. Doch die Oberbekleidung bleibt immer gleich und wird monatelang nicht gewaschen.
Um all die Erniedrigungen, Beleidigungen und Demütigungen auszuhalten, versetzt sich Gilbert Furian in eine Art, wie er sagt, „Stand-by-Zustand“. Er fällt in Schockstarre, friert seine Seele ein. Und es dauert, bis sie später wieder auftaut. „Am Ende konnte ich mich erst gar nicht über die Entlassung freuen.“ Das Erste, was er in Freiheit macht: Seine geliebte Musik hören. Ganz laut. Er spielt eine Platte mit der 1. Sinfonie von Johannes Brahms. Im Juni 1990 wird er von einem DDR-Gericht nachträglich freigesprochen. Die Interviewtexte der Punks, die ihn 13 Monate seines Lebens kosten, veröffentlicht er 1999 unter dem Titel „Auch im Osten trägt man Westen“.