Barbara Schüpp-Niewa ist Dozentin am Mint-Kolleg und bringt Studierende in Chemie auf Trab. Foto: Max Kovalenko - Max Kovalenko

Die Uni Stuttgart hat sich ein neues Format einfallen lassen, um die Abbrecherquote zu verringern: Im Sommersemester beginnt sie ein Orientierungssemester.

StuttgartPhysik, Chemie, Maschinenbau, oder doch lieber Elektrotechnik oder Technische Kybernetik? Woher soll das ein Abiturient mit 17 Jahren wissen? „Wir stellen immer wieder fest – fakultätsübergreifend, das ist uniweit ein Problem – , dass die Leute, die vom Gymnasium kommen, eine gewisse Orientierungslosigkeit haben“, sagt Hansgeorg Binz. Er ist an der Uni Stuttgart Prorektor für Lehre und Weiterbildung, leitet das Institut für Konstruktionstechnik und Technisches Design und hat langjährige Erfahrung als Studiendekan im Maschinenbau. Mit seiner Feststellung steht Binz nicht allein. Auch andere Hochschulen mussten nachsteuern, weil viele junge Leute heute anders ticken, weil sie zu Studienbeginn jünger sind und sehr unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen. Vorkurse sind seit langem üblich. Doch jetzt hat sich die Uni Stuttgart ein neues Format einfallen lassen, um die Abbrecherquote zu verringern: Im Sommersemester beginnt sie ein Orientierungssemester – als erste Hochschule in Stuttgart.

An wen richtet sich das Orientierungssemester?

Es richtet sich an junge Leute, die ein Mint-Fach studieren wollen, sich aber nicht sicher sind, welches das richtige ist. Das ist auch nicht so einfach. Denn allein die Uni Stuttgart bietet in Mathematik, Informatik, Natur- oder Ingenieurwissenschaften 30 grundständige Studiengänge an. Und zuvor sollten sich die Interessenten auch darüber klar werden, ob sie an einer Uni, einer angewandten Hochschule oder der dualen Hochschule studieren wollen. Und natürlich, ob sie überhaupt studieren wollen. Oder ob sie lieber erst ein Freiwilliges soziales Jahr oder Work und travel machen sollen. Oder chillen. „Früher“, sagt Binz und meint die Zeit, als noch G9 die Regel war und junge Männer Bundeswehr oder Zivildienst ableisten mussten, „haben viele mit 21 Jahren angefangen zu studieren, heute mit 17 – darauf müssen wir uns einfach einstellen“. Vielen fehlten Reife und Erfahrung. Und, so der Professor: „Manche kommen mit einer hohen Konsumentenhaltung an die Uni.“ Und: „Viele haben ein Problem, sich 90 Minuten am Stück zu konzentrieren.“

Was ist das Besondere am Orientierungssemester?

Wer teilnehmen will, muss dieselben Voraussetzungen erfüllen wie für ein Studium. Zudem müssen Interessenten ein Motivationsschreiben beifügen. „Wir wollen sicherstellen, dass die Leute wirklich zum Studium kommen wollen“, erklärt Norbert Röhrl. Er ist stellvertretender Leiter des Mint-Kollegs Baden-Württemberg, Leiter am Standort Stuttgart und hat das Konzept für das Orientierungssemester mitentwickelt. Und: „Es ist uns wichtig, dass die Teilnehmer einen regulären Studierendenstatus haben“, sagt Binz. Und somit problemlosen Zugang zur Bibliothek und der Lernplattform Elias. Und natürlich auch zu Studiticket, Krankenversicherung, Mensaessen, Kindergeld. Und sie bekommen eine reguläre studentische Mailadresse. „Das läuft über unser Campus-Managementsystem“, sagt Binz. Einen Unterschied zum Studium gibt es allerdings: Die Teilnehmer am Orientierungssemester können damit keine Punkte sammeln fürs Studium.

Was wird fachlich geboten?

„Wir wollen insbesondere auf die Hochschulmathematik vorbereiten“, erklärt Barbara Schüpp-Niewa, die das Orientierungssemester koordiniert und dort auch Dozentin ist. Es gebe Vorlesungen in kleineren Gruppen, zudem Übungsstunden und einen offenen Lernraum. Ein weiteres Element sei, dass studentische Fachgruppen den Teilnehmern aus ihrem Studium erzählen – „damit die Teilnehmer eine Idee davon kriegen: was ist eigentlich Technische Kybernetik? Was unterscheidet Maschinenbau und Mechatronik?“, sagt Schüpp-Niewa. Und: „Wir wollen, dass die Leute in eine reale Vorlesung gehen.“ Die Dozenten hätten gesagt: „Super Idee, schickt uns die Leute.“ Den Ablauf des Orientierungssemesters entwickle man mit den Teilnehmern in Form eines Semesterplans. Dabei gehe es auch darum, Wissenslücken in Mathematik, Informatik, Physik und Chemie zu schließen.

Wie geht lernen?

„Vielen ist nicht klar, wie viel Zeit sie fürs Studium aufwenden müssen“, sagt Schüpp-Niewa – und gibt gleich die Antwort: „40 Stunden, das ist Vollzeit, das ganze Jahr über.“ Binz ergänzt, es sei auch wichtig, sich die Zeit fürs Lernen einzuteilen, wenn mehrere Prüfungen rasch hintereinander anstehen. Dafür bekommen die Teilnehmer Methoden zum Zeitmanagement und zur Selbstorganisation vermittelt.

Wann geht’s los?

Das Orientierungssemester läuft vom 6. April bis zum 17. Juli, Bewerbungen sind bis zum 1. März über das Online-Portal der Universität Stuttgart möglich, die Einschreibung kostet 188,40 Euro. Die Teilnehmerzahl ist auf 50 begrenzt. Weitere Möglichkeiten bieten die studienvorbereitenden Kurse vor oder parallel zum Studium, um Lücken zu füllen. Zudem gibt es bis zu dreiwöchige Vorkurse direkt vor dem Studium.

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