Klaus Nägele und Anke Kurz haben ihr Minihaus auf das Dach einer alten Werkstatt gebaut. Als nächstes soll noch der großzügig bemessene Dachgarten angelegt werden. Foto: Ines Rudel

Ein Bauherrenpaar hat seine Vorstellungen von ökologisch günstigem Wohnen in der Innenstadt, von Nachverdichtung und geringem Flächenverbrauch mithilfe der Nürtinger Stadtwerke verwirklicht.

Weniger ist mehr – darin sind sich Anke Kurz und Klaus Nägele einig. Das Paar aus Nürtingen hat sich mitten in der Nürtinger Innenstadt seinen Traum vom Wohnen auf 47 Quadratmeter erfüllt. Wohnen auf kleinem Raum bedeutet für die beiden weniger materieller Ballast und mehr Freiheit. Wichtig sind ihnen außerdem ein sparsamer Umgang mit Ressourcen und eine gute Nachbarschaft, erklären sie beim Rundgang durch ihr Heim, für das kein Quadratmeter Boden versiegelt werden musste. Denn die beiden haben das Minihaus auf einer alten Werkstatt aufgesattelt.

Zum Auftakt wurde ausgemistet

Besagte 47 Quadratmeter sind übrigens exakt die Fläche, die in Deutschland laut dem Statistischen Bundesamt pro Kopf fürs Wohnen genutzt wird. Wobei der Bedarf in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugenommen hat. Dem Weg zum Minihaus ging ein großes Ausmisten voraus. Kurz und Nägele haben viel verschenkt, kistenweise Bücher nach Ebersbach (Kreis Göppingen) zum Verein „Bücher tun Gutes“ gebracht und andere Teile ihrer Habe zum Diakonieladen, wo gebrauchte Dinge weiterverkauft werden.

„Mich befreit das“, beschreibt Anke Kurz das Wohnen auf weniger Raum. Er wolle den Kindern später nicht tonnenweise Sachen zum Entsorgen hinterlassen, ergänzt Klaus Nägele. Aber auch der Umweltaspekt spielt eine Rolle, betont er, denn der hohe Flächenverbrauch sei ein maßgeblicher Aspekt, warum es mit dem Klimaschutz hierzulande nicht funktioniere. Ein Übernachtungsplatz für Gäste finde sich im Übrigen immer, sei es auf dem Sofa, bei Freunden oder im Hotel.

Besonders gut gefällt den Bauherren die sonst unbezahlbare zentrale Wohnlage, die gelungene Nachverdichtung und der gute Kontakt zu ihren Nachbarn. „Wir schaffen das Auto wieder ab, wenn die Bauphase vorbei ist“, sagt Nägele. Die kurzen Wege auch zu Bus und Bahn machen es möglich. Eigentlich war es eine Win-win-Situation: Das alte Satteldach der Werkstatt in der Sigmaringer Straße, die noch bis Anfang der 2000er Jahre als Seilerei diente, war sanierungsbedürftig, als Anke Kurz und Klaus Nägele bei den Nürtingen Stadtwerken nach einer Immobilie fragten, die sich fürs Aufsatteln eignet.

Nach eingehender Prüfung stand für das Führungsteam der Stadtwerke fest: Dieses Konzept soll Realität werden, zumal das Zusammentreffen aller Beteiligten „ein glücklicher Zufall war“, wie es der Stadtwerke-Prokurist Hans Sigel formuliert. Dann musste noch ein Vertrag fürs Bauen auf fremdem Grund formuliert werden.

Der Brandschutz orientiert sich auch am Nachbargebäude

Schließlich einigte man sich auf einen Pachtvertrag für die 230 Quadratmeter große Fläche, die Stadtwerke bezahlten Kurz und Nägele einen Zuschuss, und Hans Sigel fasst das Ergebnis der ungewöhnlichen Zusammenarbeit so zusammen: „Wir sind glücklich, dass wir nun ein saniertes Dach haben.“ Sigel betont, dass die Werkstatt und die benachbarte Heizzentrale nach wie vor ein Betriebsgelände der Stadtwerke seien, auf dem es auch mal morgens um 7 Uhr Anlieferungen geben könne. Darauf haben sich die beiden Nutzer genauso eingelassen wie auf die nötigen Brandschutzbestimmungen. Auch die Größe und die Lage des Minihauses wurden darauf abgestimmt. Inzwischen sind die Arbeiten fast abgeschlossen, und Kurz und Nägele sind in ihr Passivhaus eingezogen. Eine neue Stahltreppe führt auf das Werkstattdach, das mit Schweißbahnen abgedichtet wurde. Darunter befindet sich eine nagelneue Holzbalkendecke, die als Baugrund für das Minihaus dient, die Werkstattwände wurden zuvor mit einem Betongürtel und einem Stahlträger statisch ertüchtigt.

Der Eingang liegt an der schräg laufenden Fassade, die Kurz und Nägele für eine optimale Sonnenausbeute exakt nach Süden ausgerichtet haben. Große Fenster und Terrassentüren sollen das Gebäudeinnere im Winterhalbjahr mit passiver Sonnenenergie heizen. Stromausbeute versprechen außerdem noch PV-Elemente auf dem Dach und der geplanten Pergola. Apropos Heizung: Dank der bis zu 44 Zentimer dicken Wände, die mit eingeblasenen Zelluloseflocken und Dämmmatten versehen sind, soll es im Minihaus mithilfe einer kontrollierten Be- und Entlüftung mit Wärmerückgewinnung auch im Winter behaglich warm werden. Nägele, der als Geschäftsführer einer Firma arbeitet, die Fassadendämmungen anbietet, hat sich viele Gedanken über das energetische Konzept und dessen technische Umsetzung gemacht. Auch sein Wissen als Maschinenbauingenieur und seine Ausbildung zum Gießereimechaniker kamen ihm zupass.

Überraschend großzügig wirkt der Wohnraum, in dem noch an der offenen Küche gearbeitet wird. „Wir wollen den Raum nicht zu sehr vollstellen“ erklärt Kurz das Einrichtungskonzept. Geschirr und Küchenutensilien verschwinden im angrenzenden Technikraum, der auch Platz für Waschmaschine und Boiler bietet. Für Gemütlichkeit sorgen Ecksofa, Sessel und ein Essplatz am Fenster.

Ein Hauch von Luxus

Während das kleine Schlafzimmer samt begehbarem Kleiderschrank das Minihaus nach Westen abschließen, geht es auf der Ostseite ins Bad. Diese Nasszelle bietet Tageslicht, eine geräumige Dusche, und über dem Waschtisch sorgt ein extrabreiter Spiegel im Goldrahmen für einen Hauch von Luxus. In dem Minihaus gibt es noch mehr besondere Rahmen zu bewundern, die die Hausherrin vor ihrem Studium der Kunsttherapie als Vergolderin geschaffen hat.

Seine Erfahrungen rund um das ungewöhnliche Bauprojekt will das Paar künftig mit anderen Interessierten teilen. Dafür bereiten die beiden gerade eine Homepage vor. Dort soll es unter anderem auch ums Thema Recycling gehen, denn jedes Bauteil könne nach der Demontage zurück in den Wertstoffkreislauf gehen. „Wir haben alles geschraubt und bis auf die Fliesen im Bad aufs Kleben verzichtet“, beschreibt Nägele den nachhaltigen Ansatz. Damit und mit viel Eigenarbeit hätten sie außerdem eine Menge Geld gespart.

Der Begriff Tiny House ist in Mode gekommen

Minihäuser
 In der Region Stuttgart gibt es eine Reihe an Beispielen für Minihäuser, die neudeutsch auch als Tiny House bezeichnet werden. Bekannt wurden beispielsweise der Wohnturm DQTower in Stuttgart und eine kleine Minihaussiedlung in Schorndorf. Den in Mode gekommenen Begriff Tiny House lehnen Anke Kurz und Klaus Nägele für ihr Nürtinger Minihaus ab. Oft würde ein Tiny House mit einer kleinen Kiste auf Rädern gleichgesetzt, das passe aber nicht zu ihrem Passivhaus mit hohem ökologischem Anspruch.

Mangel
Wohnraum – und vor allem bezahlbarer – ist auch im Kreis Esslingen Mangelware. Laut dem Pestel-Institut fehlen im Kreis Esslingen momentan rund 2540 Wohnungen. Die Esslinger Stadtverwaltung hat angekündigt, in den nächsten zehn Jahren bis zu 3000 neue Wohnungen in der Stadt zu schaffen. Auf lange Sicht könnte neuer Wohnraum auf dem Schlachthofareal in der Weststadt und auf dem VfL-Postgelände in der Pliensauvorstadt entstehen.