Eine neue Gedenktafel erinnert an jenen Tag im Kalten Krieg, an dem eine amerikanische Atomrakete brannte – und Sechselberg nur um Haaresbreite verschont blieb.
Es ist der 24. Februar 1981. Ein Dienstag, an dem Sechselberg, heute ein Teilort von Althütte (Rems-Murr-Kreis), beinahe von der Landkarte gelöscht worden wäre. An jenem Wintertag schiebt sich ein amerikanischer Militärkonvoi keuchend die Steige von Auenwald hinauf nach Sechselberg. Drei Fahrzeuge, das letzte ein schwerer Sattelschlepper. Darauf, gut getarnt unter einer Plane: eine Pershing-Rakete. Reichweite: bis zu 1800 Kilometer. Bestückbar mit einem Atomsprengkopf.
Der Kalte Krieg ist auf seinem Höhepunkt. Die Sowjetunion droht mit SS-20, die Amerikaner halten mit Pershing II dagegen. Mutlangen, Neu-Ulm, Heilbronn – überall stehen sie bereit. Um der Gegenseite kein festes Angriffsziel zu bieten, werden die Raketen durch das Land gefahren, in Alarmstellungen zwischen Bäumen und Böschungen versteckt.
Feuerdrama um Pershing-Rakete: Sechselberg in Gefahr
Kurz vor dem Ort versagt die Technik. Im Motor platzt ein Pleuel, durchschlägt den Block, zerreißt die Treibstoffleitung. Der Transporter fängt Feuer. Und mit ihm: eine Rakete. Sie zeigt mit ihrer Spitze direkt auf Sechselberg.
Einige US-Soldaten retten sich panisch. Die Feuerwehr will löschen – wird aber von amerikanischen Militärpolizisten mit gezückten Maschinenpistolen daran gehindert. Der Kreisbrandmeister Karl Idler steht mit seinen Leuten hilflos daneben. Stattdessen ergeht eine bizarre Anweisung an die Dorfbewohnerinnen und -bewohner: Fenster und Türen öffnen. Nicht zur Belüftung, sondern zur Druckminderung im Fall einer Explosion.
Mit knapper Not entkommen: Eine fast vergessene Episode
Eine Stunde vergeht. Dann der Knall. Der Treibstoff verpufft in einer dumpfen Explosion. Teile des Flugkörpers fliegen Hunderte Meter weit, schlagen aber zum Glück nur im freien Gelände ein.
Was bleibt, ist ein riesiger schwarzer Fleck auf der Straße, der Geruch von verbranntem Kerosin – und das dumpfe Gefühl, mit knapper Not einer Katastrophe entgangen zu sein.
Gedenktafel erinnert an Beinahe-Katastrophe in Sechselberg
Diese Episode soll jetzt, mehr als vier Jahrzehnte später, wieder in Erinnerung gerufen werden. Genau an jener Stelle, an der 1985 eine Friedenslinde gepflanzt worden war, ist jetzt eine Gedenktafel installiert worden. Der Baum war damals bewusst am Vorabend des Volkstrauertags gesetzt worden: als ein schlichtes, stilles Zeichen gegen das nukleare Wettrüsten.
Die neue Gedenktafel soll an diese Bedrohung erinnern. Und sie soll jene ehren, die mit Mut und Haltung Zeichen setzten – wie Peter Bona, der die Friedenslinde pflanzte und Mitglied der christlichen Friedensbewegung Pax Christi war.
„Riesling statt Pershing“: Widerstand gegen Atomraketen
Althütte war nicht allein. Auch anderswo regte sich Widerstand gegen die atomare Bedrohung. In Kernen-Stetten im Remstal etwa wurde die Y-Burg in einer Nacht-und-Nebel-Aktion mit einem riesigen Laken verhüllt. Die Aufschrift: „Riesling statt Pershing“. Friedensaktivisten wie Andreas Stiene hielten Mahnwachen, organisierten Sitzblockaden, sammelten Unterschriften – etwa für den Versuch, ihre Gemeinden zu atomwaffenfreien Zonen zu erklären.
Und Sechselberg war kein Einzelfall: Immer wieder durchquerten amerikanische Raketeneinheiten unangekündigt die Wälder des heutigen Rems-Murr-Kreises. „Keiner wusste, ob die Dinger scharf waren“, erinnert sich der ehemalige Forstamtsleiter Siegfried Häfele. In seinem Revier, dem Murrhardter Wald, wurde bereits vor einigen Jahren ein Gedenkstein gesetzt. Dort, wo regelmäßig Raketen in Stellung gebracht worden waren.
„Frieden fällt nicht vom Himmel – er wächst“
Für den Althüttener Bürgermeister Reinhold Sczuka ist klar: „Frieden fällt nicht vom Himmel – er wächst. Wie diese Linde. Und er braucht Menschen, die sich kümmern.“ Die Enthüllung der Tafel ist für ihn mehr als eine Geste der Erinnerung – es ist ein Bekenntnis zur Verantwortung: „Diese Episode darf nicht in Vergessenheit geraten. Wir schulden es den Menschen, sich zu erinnern – und Lehren daraus zu ziehen“, sagt er.
Die Tafel verbindet Geschichte mit Gegenwart. Sie würdigt die Zivilcourage von damals und stellt leise die Frage: Wer setzt heute Zeichen für den Frieden?
„Diese Raketen hätten das Ende der Schöpfung bedeuten können“, sagt Wolfgang Schlupp-Hauck von der Friedens- und Begegnungsstätte Mutlangen. Dass es nicht so kam, ist Glück. Dass wir uns daran erinnern, ist Pflicht. Und dass aus diesem Erinnern Zukunft wird – das ist vielleicht die größte Hoffnung, die unter einer Linde wurzeln kann.