Bei einem Experiment ist es an der Gemeinschaftsschule Jettingen zu einer Stichflamme und einer Verpuffung gekommen. Ein Zwölfjähriger wurde schwer verletzt. Was wird getan, damit Versuche sicher sind?
Natron, Zucker und eine brennbare Flüssigkeit – mit diesen Substanzen hat eine Lehrerin der Gemeinschaftsschule in Unterjettingen am Mittwoch mit einer Unterstufenklasse im BNT-Unterricht ein Experiment durchgeführt. Mit schlimmen Folgen: Als die 39 Jahre alte Lehrerin mehr brennbare Flüssigkeit zu den bereits reagierenden Stoffen hinzugab – vermutlich, um die Reaktion zu beschleunigen – kam es zu einer Verpuffung sowie einer Stichflamme.
Ein zwölfjähriger Schüler wurde dabei schwer verletzt und musste vom Rettungshubschrauber in eine Klinik geflogen werden. Ein elf Jahre alte Junge erlitt leichte Verletzungen. Er konnte das Krankenhaus rasch wieder verlassen. Den genauen Unfallhergang ermittelt derzeit die Polizei. Auch zum Gesundheitszustand des Zwölfjährigen gibt es noch keine Auskunft.
Werden Lehrer auf Gefahrensituationen im Chemieunterricht vorbereitet? „Das ist ein großes und wichtiges Thema“, sagt Marco Spurk, der an der Universität Stuttgart das Fehling-Lab leitet. Unter anderem werden dort Studenten, die Chemie auf Lehramt studieren, ausgebildet. „Wir lassen die Studierenden Lehrerexperimente durchführen und leiten sie an, damit sie gut vorbereitet sind und so ein Fehlverhalten, wie es gerade passiert ist, nicht vorkommt“, sagt Spurk.
Vor einigen Jahren sei als weitere Sicherheitsmaßnahme eingeführt worden, dass alle Lehrer eine Gefährdungsbeurteilung online ausfüllen müssen, bevor sie ein Experiment durchführen. Darin geben sie an, mit welchen Chemikalien sie in welcher Klassenstufe arbeiten. Das Programm warnt die Lehrer, falls der Versuch so nicht zulässig ist. Außerdem lernen die angehenden Lehrkräfte im Fehling-Lab, welche Sicherheitsstandards im Unterricht gelten: zum Beispiel Schutzbrillen für alle Schüler, Sicherheitsabstand einhalten und Experimentiermäntel anziehen, die die Haut vor schweren Verbrennungen schützen. Bei gefährlicheren Versuchen muss für den Schutz der Kinder eine Plexiglasscheibe aufgebaut werden.
Ist eine Restgefahr im Chemie-Unterricht dennoch nicht auszuschließen? „Doch“, sagt Spurk „deswegen bilden wir aus.“ Gehört ein Experiment der Kategorie „nicht ganz ohne“ an, gibt es zwei Möglichkeiten, erklärt Spurk: „Entweder sind die Sicherheitsmaßnahmen so, dass nichts passiert, oder der Lehrer führt das Experiment nicht aus.“ Es liege im Ermessen der Lehrkraft, ob sie einen Versuch durchführe oder nicht. „Es gibt keinen Experimentierzwang“, betont Spurk.
Wie der Unfall trotz der gelehrten Sicherheitsstandards passieren konnte, ist auch für Spurk und seine Kollegen ein Rätsel. „Wir fragen uns, warum die Lehrerin nicht verletzt ist, aber die Kinder“, sagt der Ausbilder.