Roland Böttger findet Tübingen für Radler ein angenehmes Pflaster. Foto:  

Wer klimafreundlich unterwegs sein will, stößt oft auf Hindernisse. Drei Geschichten aus einem Team, das gerade einen Landeswettbewerb für ökologisches Pendeln gewonnen hat.

Die motiviertesten ökologischen Pendler im Land kommen aus Tübingen – wenn man einem von der Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg veranstalteten Wettbewerb glauben will. Sich rekordverdächtig abzustrampeln, war nicht das Ziel der 60 Teams aus Unternehmen und Organisationen, die zwei Wochen lang ihre Pendelwege protokollierten. Der Zweck war es, Menschen einmal zu ermuntern, das Auto stehen zu lassen. Die Arbeitskolleginnen und -kollegen eines Biotechnologie-Unternehmens aus dem Siegerteam sehen sich nicht als Öko-Aktivisten. Sie beschreiben in drei Geschichten die oft frustrierende Realität autofreier Mobilität – und was hilft.

Der frustrierte Ex-Autofahrer

Wolfgang Große hat erst mit der Einführung des Deutschlandtickets dem öffentlichen Nahverkehr eine Chance gegeben. „Davor war das zu teuer“, sagt er. Wenn er Richtung Stuttgart wollte, überschritt er zudem die Grenze zweier Verkehrsverbünde – mit zwei Tarifen. Doch gerne mit dem Auto fuhr er nie. Zu viele Staus.

Er pendelt von Wannweil bei Reutlingen. Anfangs schien alles perfekt. Auf seiner Verbindung ist viel investiert worden. Eine Nebenbahn von Tübingen und Herrenberg wurde elektrifiziert. Es gab nun durchgehende Züge von seinem Startbahnhof bis zum büronahen Haltepunkt Tübingen West.

Direktverbindung plus Deutschlandticket plus manchmal Homeoffice – das waren Argumente, das zweite Auto abzuschaffen. Das habe sich gerechnet, sagt er. Und noch etwas kam hinzu: „Ich habe gemerkt, dass mir der ein Kilometer lange Fußweg zum Bahnhof gut tut.“

Doch was dem Körper nützt, ist nichts für die Nerven. „Seit zweieinhalb Jahren ist es immer schlechter geworden,“ sagt Große. Die von ihm genutzte Regionalbahn zwischen Herrenberg und Bad Urach lag im baden-württembergischen Qualitätsranking lange hinten. Es habe Zeiten gegeben, da war kein Zug pünktlich. Dazu kamen Zugausfälle und wochenlanger Busersatzverkehr wegen Bauarbeiten. Inzwischen hat die Deutsche Bahn die umsteigefreie Verbindung ganz gekappt, um den Betrieb zu stabilisieren. Der nötige Anschluss in Tübingen klappt aber nicht. Nun muss er auch die letzte Strecke zu Fuß gehen oder nimmt den Bus. Dazu kämen saftige Preiserhöhungen beim Deutschlandticket und viele Kleinigkeiten wie unzuverlässige Fahrplan-Apps: „Was die App vom Verkehrsverbund Naldo kann, das kann die DB App dann wieder nicht – und umgekehrt.“

Der Schritt zurück zum zweiten Auto kommt noch nicht infrage – vorerst. Als er seine Wege für den Pendelwettbewerb protokollierte, habe ihn das wieder motiviert: „Ich finde es schon besser, umweltfreundlich unterwegs zu sein.“

Roland Böttger, Yasmine Hahn und Wolfgang Große (von links) an ihrem Pendel-Ziel in der Tübinger Weststadt. Foto:  /Andreas Geldner

Die fatalistische Bahn-Nutzerin

Yasmine Hahn, ebenfalls Bahnpendlerin, hat den Abschied vom Auto von langer Hand geplant. Hausbau oder Auto? Sie verzichtete auf das Fahrzeug. Mit dem Deutschlandticket ging die Rechnung auf.

Sie lebt zwar im ländlichen Bisingen bei Hechingen, aber kann einen Kilometer zu Fuß zum Bahnhof gehen, was sie keinen Anschluss verpassen lässt: „Wenn ich eine bestimmte Schrittzahl erreiche, gibt es sogar einen kleinen Bonus von meiner Krankenkasse.“ Sie hat sich mit der notorisch unzuverlässigen Bahn arrangiert. Die Verbindung nach Tübingen sei immerhin direkt. Und einen Busanschluss gebe es dann. Sie passe sich halt dem Zug an. Auf dem Land sei das schwieriger: „Wenn man da zusätzlich einen Bus braucht, ist das nichts.“

Das Ganze sei letztlich Einstellungssache. „Man lernt Geduld“, sagt sie. Das Pendeln mit öffentlichen Verkehrsmitteln sei eine gute soziale Erfahrung: „Ich finde man erlebt unglaublich viel.“ Fußläufig erreichbare Bahnstation, eine Direktverbindung, welche die Folgen einer unzuverlässigen Eisenbahn dämpft, ein D-Ticket, das sich auch nach den Preiserhöhungen noch rechnet – sie wird weitermachen. „Wir sollten doch alle ein bisschen grüner leben“, sagt sie.

Der glückliche Radfahrer

„Fahrradfahren macht glücklich“, sagt Roland Böttger, der seinen zehn Minuten langen Pendelweg innerhalb Tübingens auch bei Schnee und Eis, Wind und Wetter zurücklegt. Er hatte die Idee mit der Teilnahme beim Wettbewerb. In der Unistadt Tübingen sind Radler schon immer präsent gewesen – zumindest dort, wo die Topographie es zulässt. Einige Zeit musste Böttger zu seinem Arbeitsplatz auf den Berg hinauf, ohne E-Bike. Da war er nicht so glücklich.

Bevor er nach Tübingen kam, hat er in Leipzig erlebt, wie immer mehr Radwege gebaut wurden. „Ich glaube, da ist viel Psychologie dabei: Man fühlt sich als Fahrradfahrer wertgeschätzt.“

Einen Fußgänger- und Fahrradtunnel, der den Weg vom Bahnhof in die Altstadt abkürzt, gibt es in Tübingen schon lange. Seither ist viel passiert, spektakulär bei einer neuen, teuren Radwegbrücke am Bahnhof, die ein bekannter Fahrradjournalist „eine der schönsten Fahrradbrücken Europas“ nennt. Gerade rund um den Bahnhof in Tübingen habe sich für Radler viel getan, sagt Böttger. Eine Radstation liegt am Vorplatz, an nagelneuen Radwegen stehen noch Bauzäune. Frisch in grellem Blau markierte Fahrradstraßen sieht er auf seinem Weg zum Büro als Zeichen: „Das hat mit Werten zu tun: Was ist uns als Gesellschaft und einem selber wichtig?“