Die Körschtalhalle in Ostfildern-Scharnhausen wurde bereits vergangene Woche für die Erstaufnahme und die Versorgung von Geflüchteten aus der Ukraine umgerüstet. Foto: /Peter Stotz

In Stuttgart scheut man sich noch, Sporthallen als Unterkünfte für Geflüchtete aus der Ukraine zu nutzen. In den Städten und Gemeinden rundherum werden Hallen zum Teil schon umgerüstet. Das hat Auswirkungen auf den Schulsport.

Es fühlt sich an wie ein Déjà-vu von 2015. Wieder flüchten innerhalb weniger Tage und Wochen Zigtausende Menschen vor einem Krieg. Wieder landen viele von ihnen auch in Deutschland. Und wieder reichen die Flüchtlingsunterkünfte nicht aus, um all die in Not geratenen Menschen unterzubringen. Doch etwas ist dieses Mal anders: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Behörden wissen grob, was zu tun ist. Und Schulleiterinnen ahnen genau wie Sportvereinstrainer, dass sie im Zweifel zurückstecken müssen. Denn je mehr Geflüchtete hier ankommen, desto öfter müssen Turnhallen voraussichtlich als Notunterkünfte für Geflüchtete zweckentfremdet werden.

Im Kreis Böblingen sind schon zwei Sporthallen gesperrt

Während in Stuttgart bei der Belegung von Turnhallen noch als „letztes Mittel“ gesprochen wird und bisher nur eine klassische Halle im Bezirk Münster genutzt wird, werden in den umliegenden Landkreisen längst Tatsachen geschaffen. Die Körschtalhalle in Scharnhausen (Kreis Esslingen) wurde bereits als Notunterbringung hergerichtet. Und in mehreren Kommunen im Kreis gebe es Überlegungen, weitere (Turn-)Hallen herzurichten, sagt eine Sprecherin des Esslinger Landratsamts. Zudem kommen in der Halle 9 der Landesmesse bis zu 800 Menschen unter.

Auch aus einer der beiden Sporthallen des Berufsschulzentrums Öde in Göppingen wird eine Unterkunft für Geflüchtete, seit Montag ist diese Halle nicht mehr für den Sport nutzbar. Und im Kreis Böblingen laufen gleich in drei Turnhallen bereits Umbauarbeiten: in der Sporthalle der Gottlieb-Daimler-Schule I in Sindelfingen, in einer Halle des Beruflichen Schulzentrum in Leonberg und im Glaspalast in Sindelfingen. Dass auch der Glaspalast als Unterkunft genutzt werden soll, verkündete das Landratsamt erst am Montagnachmittag. Mindestens bis Ende August sollen dort rund 400 Menschen unterkommen können, die Ersten ziehen am Montag, 28. März, ein. Künftig könnte auch noch die große Sporthalle des Kaufmännischen Schulzentrums in Böblingen kurzfristig umgewidmet werden.

Sportlehrer sind wenig begeistert

Auswirkungen hat dies vor allem auf den Schulsport. „Wir haben zum Glück zwei Hallen, wodurch wir die größten Folgen abfedern können“, sagt Ulrich Wolf, der stellvertretende Schulleiter des Beruflichen Schulzentrums (BSZ) in Leonberg. So könne man die verbliebene Halle dritteln und mit mehreren Klassen belegen. Ballsportarten auf dem großen Feld wären dann zwar nicht möglich, „sportliches Arbeiten“ aber schon.

Zumindest, solange das BSZ nicht auch die zweite Halle abgeben muss. Dies war 2015 und 2016 nötig. „Damals mussten wir 70 Busfahrten organisieren in andere Hallen, damit zumindest der Pflichtsportunterricht in der gymnasialen Oberstufe stattfinden kann“, erinnert sich Ulrich Wolf. Und auch als die Geflüchteten auszogen, war eine Halle nicht sofort wieder einsatzfähig: Der Boden musste zunächst vollständig erneuert werden.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Von Odessa nach Schönaich – Eine Ukrainerin erzählt von ihrer Flucht

Die Begeisterung in der Fachschaft Sport halte sich natürlich im Rahmen, dass man nun erneut eine Halle abgeben müsse, gibt Wolf zu. „Aber wir sehen die Not.“ Und da müsse auch das BSZ seinen Teil beitragen. „Darum habe ich großes Verständnis.“

Schüler müssen auf andere Hallen ausweichen

Seit Donnerstag ist auch die Halle des Gottlieb-Daimler-Schulzentrums I (GDS I) in Sindelfingen gesperrt. Künftig sollen dort knapp 140 Menschen unterkommen. Messebauer haben dafür bereits 37 Parzellen errichtet mit jeweils eigenem Licht, Betten, einem Kühlschrank sowie etwas Mobiliar, sagt die stellvertretende Schulleiterin Kerstin Oswald. Draußen sollen noch vier Container aufgestellt werden mit Waschmaschinen und Küchengeräten. „Ich schätze, dass die Menschen kommende Woche kommen.“

Für die Schüler der GDS I fällt künftig rund ein Drittel des Sportunterrichts aus. Der Rest wird in die benachbarte Halle der GDS II verlegt, findet draußen statt, in der nah gelegenen Soccer Arena oder als Schwimmunterricht im Badezentrum.

Auch die Sporthalle des Berufsbildungswerks (BBW) Waiblingen wird nicht mehr von den Schülern und Mitarbeitern des BBW sowie von Internatsjugendlichen genutzt, sondern als Übergangszuhause für Geflüchtete. „Wir können für den notwendigen Sportunterricht auf die Hallen der Kreisberufsschule ausweichen“, sagt Doris Frießinger vom BBW. Und eine Sprecherin des Landratsamts in Waiblingen betont: „Niemand belegt Turnhallen, wenn es nicht zwingend nötig ist.“ Daher sei zunächst das Schullandheim in Kaisersbach zur Notunterkunft umfunktioniert worden. Stand Montag waren dort 36 Menschen untergebracht, noch ist Platz für rund 70 weitere Geflüchtete. Parallel dazu richtet die Stadt Fellbach in der Festhalle in Schmiden eine Notunterkunft ein.

Geflüchtete sollen in ehemaliges Marbacher Krankenhaus

Im Kreis Ludwigsburg ist bislang zwar noch keine Sporthalle als Notunterbringung vorgesehen, man arbeite aber „intensiv am Aufbau weiterer Unterkunftskapazitäten“, sagt ein Landratsamtssprecher. Es müssten künftig auch Hallen in die Planungen einbezogen werden. Vorerst kann noch ein Hotel in Ditzingen für die Unterkunft Geflüchteter genutzt werden sowie ein Teil des ehemaligen Krankenhauses in Marbach.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Leben bald Geflüchtete im Sekten-Areal in Beilstein?