Russland entführt auf ukrainischem Gebiet systematisch Kinder – Was folgt sind Gehirnwäsche, neue Identitäten, Adoptionen, Kinderpornografie oder Jugendarmee – das legen verschiedene Quellen nahe. Aus Angst melden viele Eltern die Verschleppungen nicht, eine Mutter berichtet von ihrem Leid.
In vielen Nächten hört Natalia die Schreie „Mamaaaaa! Mamaaaaa!“. Obwohl alles ruhig ist. Totenstill. „Mamaaaaa!“ Als wäre es wieder der 3. Juni 2022. Als sie am späten Nachmittag von russischen Soldaten zum Verhör abgeholt wurde. Schnell hatte sie sich den dünnen Sommermantel übergeworfen. Der kleinen Viktoria eine Jacke angezogen, sich die Fünfjährige auf die Hüfte gesetzt. Dann war sie schnellen Schrittes zum zentralen Marktplatz geeilt. Durch die Trümmer der Küstenstadt Mariupol, die 13 Tage davor kapituliert hatte. Und in der jetzt die russischen Besatzer demonstrierten, wer die Macht hat.
„Mamaaaaa!“, war Viktorias letztes Wort, dass Natalia aus dem Mund ihrer Tochter hörte. Vor heute 256 Tagen. „Vor dem Zelt wurde mir Viktoria von einem Soldaten abgenommen. Er sagte, meine Tochter würde während der Befragung nur stören. Ich habe Viktoria seitdem nicht wieder gesehen.“ Ein tränenüberflutetes Gesicht, Rotz aus der Nase, der rechte blonde Zopf schwingt, die kleine Linke zur Faust geballt. Das letzte Bild ihres Kindes. Natalia schluckt. Ihre dunkel geränderten Augen blinzeln, als müsste sie die Sonne wegblinzeln, die einen Hauch von Frühling nach Kiew gebracht hat. Unter dem Tisch knetet sie ihre Hände. Als sie nach ihrer Kaffeetasse greift, haben die Fingernägel der linken Hand auf dem Rücken der Rechten ihre Spuren hinterlassen.
„Es sprengt jede Vorstellungskraft“, sagt ein Kinderschutz-Experte
„Mehr als 16 000 Kinder haben Soldaten Wladimir Putins seit dem Beginn seiner Großoffensive im vergangenen Jahr verschleppt“, sagt Mykola Kuleba. Der 50-Jährige war Ombudsmann der ukrainischen Regierung für Kinderrechte, beriet Präsident Wolodymyr Selenskyj in Fragen des Kindeswohls und Kinderschutzes. Heute ist er Vorsitzender der Hilfsorganisation Save Ukraine – Rettet die Ukraine, und er ist überzeugt: „Die Dunkelziffer dürfte höher liegen, weil etliche Mütter und Väter die Verschleppung nicht melden, um ihrem Kind nicht zu schaden.“
Um Schaden von ihrer Tochter abzuwenden heißen auch Natalia und Viktoria auf den ausdrücklichen Wunsch der jungen Mutter nur in dieser Reportage so.
„Die Kinder wurden an Kontrollstellen von russischen Soldaten aus den Autos gezogen, aus Krankenhäusern verschleppt, auf offener Straße ihren Eltern mit vorgehaltener Waffe weggenommen. Andere wurden in Foltergefängnissen von ihren Eltern getrennt. Es sprengt jede Vorstellungskraft“, sagt Mykola Kuleba. Perfide ist auch ein anderes Vorgehen der Russen, dass Natalia schildert: „Als ich Mariupol verlassen wollte, mussten wir Frauen an einem russischen Checkpoint eine penible Kontrolle über uns ergehen lassen: Fingerabdrücke wurden genommen, wir wurden fotografiert, befragt. Dabei wurde meine Freundin von ihrer vierjährigen Tochter getrennt. Sie hat viel später erfahren, dass die Kleine nach Russland gebracht wurde, weil angeblich ihre Eltern nicht mehr aufzufinden seien.“
Behörden melden massiven Anstieg an kinderpornografischen Inhalten im Netz
Während seines jetzt neunjährigen Kriegs gegen die Ukraine, seit Besetzung der Krim, hat Putin systematisch darauf gesetzt, die ukrainische Identität in den von seinen Soldaten besetzten Gebieten vollkommen auszulöschen. „Die Streitkräfte der Russischen Föderation verschleppen systematisch Kinder, unmittelbar nachdem sie ein Gebiet besetzt haben“, heißt es in einem Bericht der ukrainischen Regierung an die Vereinten Nationen und die G20-Staaten, der unserer Redaktion vorliegt.
Zur Systematik gehört es auch, die Kinder nach Russland, auf das Gebiet des verbündeten Belarus und den besetzten Donbass im Osten der Ukraine zu verschleppen. Dort bekommen die Kinder zumindest teilweise neue Identitäten, viele erhalten die russische Staatsbürgerschaft, sie werden in Umerziehungslager gesteckt oder zur Adoption – auch im Ausland – freigegeben. Ohne die neue Staatsangehörigkeit wäre das nicht möglich: Ein ukrainisches Gesetz lässt die Adoption durch Ausländer nur in genau geregelten, und nur in seltenen Ausnahmen zu. Eine neue Entwicklung scheint zu sein, dass Kinder offenbar auch an russische Menschenhändler und Produzenten von Kinderpornografie verkauft werden. Ukrainische Sicherheitsbehörden haben einen sprunghaften Anstieg von Videos, Fotos und Vergewaltigungsangeboten im sogenannten Darknet, dem abgeschirmten Teil des Internets, festgestellt.
Zudem scheinen Kinder einer Gehirnwäsche unterzogen zu werden. Aktuell kursiert das Video eines jungen russischen Soldaten auf der russischen Plattform Telegram. Der 19-Jährige berichtet, er sei mit elf Jahren von den ukrainischen Nazis befreit worden. Jetzt sei er in die Ukraine zurückgekommen, um selbst gegen die ukrainischen Nazis zu kämpfen: „Ich will töten, töten, töten.“
2018 hatte der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu Kindern bei einem wie eine Ferienfreizeit wirkenden Pfadfinderlager versprochen: „Ihr könnt lernen, Fallschirm zu springen, Flugzeuge zu fliegen, Panzer zu fahren und mit jeder Waffe zu schießen.“ Zwei Jahre zuvor hatte er auf Befehl Putins die Junarmija, die russische Jugendarmee, gegründet, eine Organisation, die Kinder und Jugendliche militärisch drillt und die nach eigenen Angaben bis heute etwa 1,25 Millionen Kinder und Jugendliche zwischen acht und 18 Jahren ausgebildet hat. Eine Junarmija-Akademie entstand auf der völkerrechtswidrig von Russland besetzten ukrainischen Krim. Sie soll, so ukrainische Vorwürfe, als Umerziehungslager Verschleppter dienen.
Es gibt offenbar auch Fälle von ehemals verschleppten Kindern, die zurückkehren
Der selbst ernannte Präsident der selbst ernannten Republik Krim, Sergej Aksjonow will „mit gemeinsamen Anstrengungen in kürzester Zeit wahre Patrioten unseres gemeinsamen Vaterlands heranziehen“. Russland selbst macht kein Geheimnis aus den Verschleppungen: Die russische Ombudsfrau für Kinder, Maria Lvova-Belova, ist Mutter fünf eigener und 17 adoptierter Kinder, mindestens zwei von ihnen sind aus der Ukraine verschleppte. In einem vom russischen Staatsfernsehen übertragenen Treffen berichtet sie, sie „sieht mit eigenen Augen, wie die Integration in die russische Gemeinschaft stattfindet“.
Ganz anders sieht das eine ukrainische Psychologin: „Alles das dient dazu, den verschleppten Kindern und Jugendlichen ihre Identität zu nehmen. Letztendlich wird damit der Ukraine ihre Zukunft genommen, weil die verschleppt und missbraucht wird“, sagt Hanna. Die 29 Jahre alte Psychologin betreut traumatisierte Kinder und Mütter – auch solche, die nach ihrer Deportation nach Russland wieder zurück in die Ukraine geholt wurden. 307 Mal war das bisher der Fall. Wie das geschah, darüber schweigt sich die ukrainische Regierung aus. Diese Zahl gibt Natalia Hoffnung, dass eines Tages dieses ersehnte Wunder geschieht: Ihr Telefon klingelt und sie erhält die Nachricht, dass ihre kleine Tochter Viktoria wieder da ist, zu ihr zurück kommt. Die junge Mutter hofft, dass das Bild von Tränen, Rotznase, Zopf und kleiner Faust verschwindet, dass sie nicht mehr schweißgebadet mitten in der Nacht aufwacht. Und nie mehr dieses durchdringende, Angst erfüllte „Mamaaaaa“ hört.