Ladensterben, Konkurrent Internet, Leerstände, ungeklärte Nachfolgeregelungen – der Einzelhandel hat mit vielen Problemen zu kämpfen. Im Vorfeld des Weihnachtsgeschäfts sprach die Eßlinger Zeitung mit Alexander Kögel, Sprecher der City Initiative, über die Lage und die Stimmung bei den Geschäftsleuten.
Esslingen Funkelnde Sterne. Blinkende Lichter. Klingelnde Kassen. Vorweihnachtszeit in der City. Die wichtigste Jahreszeit für den Einzelhandel. Auch in Zeiten von Internet, boomenden Leerständen, schwierigen Nachfolgeregelungen und Ladensterben? Die EZ sprach über die Lage des örtlichen Einzelhandels im Vorfeld des Weihnachtsgeschäfts mit Alexander Kögel, Sprecher der City Initiative Esslingen.
Der Konkurrent Internet – wie bedrohlich ist er wirklich?
Nun, der Onlinehandel nimmt uns ein deutliches Stück vom Kuchen. Beim gesamten Handel, allerdings mit Lebensmittelgeschäften, gehen wir von Einbußen von 20 Prozent aus, bei Schuhen und Textilien von 30 Prozent, bei der Elektronik ist der Prozentsatz noch höher. Diesen Frequenzrückgang spüren wir, und der stationäre Einzelhandel wird durch solche Zahlen doppelt geschädigt: Einmal durch den Onlinekauf eines Produkts, das der Kunde auch in einem Ladengeschäft hätte erwerben können. Und dann kommen Menschen durch den Internethandel ja nicht in die Stadt, sehen somit keine Schaufenster oder Auslagen und werden deswegen auch nicht zu einem weiteren Einkauf animiert.
Was kann der lokale Einzelhandel gegen das digitale Vordringen tun?
Sich auf seine Stärken besinnen und sie herausstellen. In der Stadt geht es den Kunden gut: Sie können Waren testen oder anprobieren, sich alternative Angebote anschauen und das Gekaufte gleich mitnehmen, ohne ein paar Tage darauf warten oder etwas Unpassendes wieder zurückschicken zu müssen. Die Kunden können in der Stadt noch andere Dinge erledigen, und für den örtlichen Einzelhandel sprechen natürlich auch Service und persönliche Beratung.
Ist das Internet auch im Weihnachtsgeschäft ein Umsatzkiller?
Der Handelsverband hat errechnet, dass jeder Deutsche im Weihnachtsgeschäft etwa 280 Euro ausgibt, in Baden-Württemberg wollen viele sogar etwas über 600 Euro pro Kopf ausgeben. Und davon möchte der stationäre Einzelhandel natürlich profitieren. Die Konkurrenz des Internets ist im Weihnachtsgeschäft auch nicht höher als sonst. Und wir haben hier sogar einen deutlichen Vorteil: Am 23. Dezember ist es für Onlinebestellungen zu spät. Da ist schnelles Einkaufen gefragt.
Leerstände – das Grauen vieler Städte. Auch in Esslingen?
Die City Initiative hat dazu Untersuchungen angestellt, und der Anteil der Leerstände in Esslingen ist einstellig und liegt bei etwa acht Prozent. Der häufigste Grund für einen Leerstand sind fehlende Nachfolgeregelungen. Doch in Esslingen mit seiner attraktiven Innenstadt findet sich nach einer gewissen Übergangszeit meist jemand, der ein Ladengeschäft übernimmt.
Plagen Nachwuchs- und Fachkräftemangel auch den Einzelhandel?
Wir haben in der Region Stuttgart seit Jahren Vollbeschäftigung, und die Gehälter in der Industrie sind höher als im Handel. Aber viele junge Menschen haben Spaß am Umgang mit Menschen, an Beratung und der Arbeit mit schönen Dingen – darum haben wir keine Nachwuchssorgen.
Sind einheitliche Ladenöffnungszeiten, ein Wunschtraum vieler Kunden, eine Illusion?
Die Öffnungszeiten sind bei uns ein bunter Flickenteppich, und eine einheitliche Regelung ist nicht zu realisieren, denn es gibt viele Individualisten. Aber in Esslingen haben fast alle Geschäfte für ihre Kunden montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. An Samstagen haben die meisten Läden mindestens bis 16 Uhr, viele bis 18 Uhr und manche sogar bis 20 Uhr offen.
Bringt die von der City Initiative eingeführte CityCard wirklich mehr Leben in die Esslinger City?
Aber ja. Die CityCard ist ein Geschenkgutschein im Wert von zehn Euro, der seit seiner Einführung 2012 sehr gut ankommt. Es gab nur einmal einen Einbruch – 2016, als die BonusCard startete. Sie hat einen Wert von zehn, 20 oder 44 Euro und kann vom Arbeitgeber an die Mitarbeitenden als eine Art Bonus verteilt werden. Zuerst bestand eine gewisse Konkurrenzsituation, doch inzwischen haben sich beide, CityCard und BonusCard, parallel zueinander etabliert.
Die Interessen von Einzelhandel und Stadtverwaltung sind nicht immer deckungsgleich. Besteht hier Konfliktpotenzial?
Der Handelsverband hat eine Umfrage darüber gemacht, was Händlern und Kunden wichtig ist. Das Ergebnis: Bei beiden Gruppen steht die Erreichbarkeit der Innenstädte ganz oben. Das funktioniert in Esslingen ordentlich. Dass es an Adventssamstagen, auch wegen des Weihnachtsmarktes, manchmal beim Parkplatzangebot eng wird, ist nicht zu vermeiden.
Eine gute Erreichbarkeit – trotz der vielen Baustellen?
Da fehlte es früher an der Kommunikation. Doch durch die Einführung des Baustellen-Newsletters, vorausschauenden Austausch und konstruktive Gespräche mit der Stadt hat sich die Lage entspannt. Denn dadurch hat der Einzelhandel Zeit, auf eine Baustelle zu reagieren. Also auf einer hohen Flughöhe sind wir mit der Stadt einig. Allerdings verstehen wir nicht, warum die Vogelsangbrücke gerade im für uns so wichtigen Weihnachtsgeschäft halbseitig gesperrt werden muss. Die Stadt begründet dies damit, dass sie sonst keine Förderung vom Land für die Baumaßnahme erhalten würde. Aber es ist eine extreme Belastung für die Innenstadt.
Eine extreme Belastung für Kundinnen mit Pumps und hohen Absätzen ist auch das Kopfsteinpflaster in der Innenstadt?
Nach Ansicht der Verantwortlichen bei der Stadt gehören das Katzenkopfsteinpflaster, die fehlende Beleuchtung und somit Dunkelheit ab den Abendstunden zum mittelalterlichen Erscheinungsbild der Innenstadt. Aber Barrierefreiheit sieht anders aus! Und im Zeichen der Gendergerechtigkeit: Auch Männer haben ihre Probleme mit dem Pflaster, weil dadurch die Spitzen ihrer Schuhe abgestoßen werden. Entlang vieler Hauswände wurden daher flache Steinplatten verlegt. Aber gegen das Kopfsteinpflaster kämpft man hier vergebens.
„Es sind immer die Gleichen, die sich engagieren“. Klagt auch die City Initiative über mangelnde Solidarität unter den Mitgliedern?
Wir haben gut 200 Mitglieder, und etwa drei Viertel der Verkaufsflächen in Esslingen sind damit in die City Initiative integriert. Aber leider nicht drei Viertel der Läden! Es gibt halt immer Trittbrettfahrer und Individualisten.
Das Interview führte Simone Weiß.