Wie man fit und fröhlich durchs Jahr kommt, erlebten die Gäste beim Festakt im CVJM-Haus. Foto: Dietrich - Dietrich

Auf eine 125-jährige Geschichte können der TV Hegensberg und der TV Liebersbronn zurückblicken. Das feierten sie jetzt mit einem Festakt.

EsslingenEin Handballspiel von zwei Mal 30 Minuten, plus 15 Minuten Pause: Das hatten sich der TV Hegensberg und der TV Liebersbronn als Maßstab für den offiziellen Teil ihres Festaktes genommen. Diese 75 Minuten hielten die beiden Vereine auf sehr kurzweilige Weise ein. Der CVJM Esslingen hatte seine Räume zur Verfügung gestellt, der große Saal war voll besetzt, und Wolfgang Drexler war in Doppelfunktion gekommen – als Vizepräsident des Württembergischen Landessportbunds und als Präsident des Schwäbischen Turnerbunds. Außerdem kam er an seinem Geburtstag, deshalb wurde ihm ein Ständchen gesungen. Drexler hatte in seiner Doppelfunktion so viele Geschenke mitgebracht, dass ihm die Sachen ständig hinunterfielen – es hätte auch eine gut einstudierte Comedy-Einlage sein können.

Doch Drexlers Hauptrede war von ernstem Inhalt. Zwei Vereine, die 125 Jahre zählen, hätten Anpassungsfähigkeit beweisen, das sei ein Zeichen der Stärke. „Bei der Gründung 1894 lag die Wochenarbeitszeit bei sechs mal zehn Stunden. Das Wort ‚Freizeit‘ kommt noch im Brockhaus von 1913 nicht vor. Trotzdem begannen sieben Männer, einen Turnplatz zu bauen.“ Beobachtet von der Stasi des Königreichs Württemberg, denn ein Verein, in dem alle per Du seien, rieche ja nach Revolution.

Die beiden neuen Hallen auf dem Berg seien eine Investition für die Zukunft gewesen. „Nur Vereine mit eigenen Hallen haben Zukunft. Wer darauf angewiesen ist, ab 16 Uhr andere Hallen zu nutzen, kann vieles nicht mehr leisten.“ Drexler beklagte ein Paradoxon: „Die Gesellschaft wird zwar immer mobiler, trotzdem nimmt die Bewegungsarmut dramatisch zu.“ Der Schwäbische Turnerbund habe festgestellt, dass Kinder heute weniger fit seien, als es ihre Eltern oder Oma und Opa im gleichen Alter waren. „Viele können nicht auf einem Bein stehen und keine Rolle rückwärts. Aus den vier F – frisch, fromm, fröhlich, frei – sind drei F geworden: Fernsehen, Facebook und Video.“ Schlüssel zum Zugang zu Kindern sei der Kindergarten. „Wären die Kicker des VfB Stuttgart beim Kinderturnen gewesen, hätte dieser niemals in der Zweiten Liga gespielt.“ Der Sport müsse auch raus aus den Hallen: „Früher haben wir über die Chinesen im Park gespottet, heute machen wir draußen die fünf Esslinger.“

Drexler erinnerte auch an die Vorgeschichte der Radfahrabteilung des TV Hegensberg. Sie hatte mit einer illegalen Radabfahrt im Wald begonnen. Ohne langes Überlegen nahm der Verein die Radaktiven in seinen Verein auf, heute ist eine Abteilung mit 165 Mitgliedern daraus geworden. „Das habt ihr glänzend gemacht.“

Die beiden Vorsitzenden, Christoph Binder und Hermann Beck, verstehen sich gut, das war bei ihrer gemeinsamen Moderation zu spüren. Das ist keine Selbstverständlichkeit. „Ein gemeinsames Jubiläum hätte es vor 25 Jahren nicht gegeben“, sagte Bernd Ziegler, Vorsitzender des Bürgerausschusses vom Berg. „Die beiden Vereine spielten Hand- und Faustball gegeneinander, und jeder musste unbedingt gewinnen.“ Doch dann habe der Kampf für die Halle die Vereine zusammengeschweißt. „So ist das gemeinsame Jubiläum keine Überraschung.“

„Vielleicht ist das ja irgendwann ein gemeinsamer Verein“, sagte Oberbürgermeister Jürgen Zieger. Er betonte die Bedeutung der Sportvereine für den Zusammenhalt in der Gesellschaft: „Viele erleben in einem Verein das erste Mal, was Gemeinschaft bedeutet.“ Die Sportvereine seien in schwierigen Aufbruchszeiten im Kaiserreich entstanden und hätten große gesellschaftliche Umwälzungen getragen. „Sie haben nichts von ihrer Bedeutung verloren, das Gegenteil ist der Fall.“

Wie vielseitig diese Gemeinschaft ist, zeigten die sportlichen Vorführungen, von der gemischten Gruppe „Fit durchs Jahr“ über Step Aerobic und Akrobatik bis zum sehr humorvollen „Turnen anno dazumal“. Natürlich zeitgemäß mit Trillerpfeife, die sonst beim Turnen zum Glück inzwischen verschwunden ist.

Nicht seit 125, aber immerhin seit mehr als 30 Jahren zaubert Horst Reutter und er tat es auch nach dem offiziellen Ende des Festaktes. Keine Angst, Drexler bekam seinen geliehenen Fünf-Euro-Schein am Ende unversehrt zurück. Aber wie das zuging und wie der Schein – oder irgendein anderer – in das Kaugummipapier kam, keine Ahnung. Genau das ist ja das Spannende daran.

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