Das „Deutsche Kriegerkurhaus“ in Davos diente nach dem Ersten Weltkrieg zur Betreuung von Kriegsversehrten. 1927 wurde eine Kinderstation mit 60 Betten angeschlossen, in einem davon schlief Klaus Velten. Foto: Dokumentationsbibliothek Davos

In Thomas Manns Jahrhundertroman überschneiden sich gerade die Jubiläen. Doch der Stuttgarter Klaus Velten kennt die Welt, die er beschreibt, aus eigener Erfahrung. Sechs Jahre verbrachte er als Kind in dem Sanatorium, das zum Vorbild diente.

Über dem Tisch des sonnendurchfluteten Zimmers hängt eine Ansicht von Davos des Malers Ernst Ludwig Kirchner: Um einen spitzen Kirchturm gruppieren sich in eine wildfarbige Bergwelt hingewürfelte Häuser. Klaus Velten hat zu dem expressionistischen Meister, der in dem Schweizer Ort Zuflucht vor den Dämonen des Krieges und seiner Morphiumsucht gesucht hat, eine besondere Beziehung, auch wenn er eigentlich ein Büchermensch ist. In den prall gefüllten Regalen seiner Wohnung am Rand von Stammheim, wo das gewerbliche Rumoren des Porsche-Einzugsgebiets in der Stille von Streuobstwiesen und Weinbergen verklingt, findet sich ein Querschnitt der jüngeren Literaturgeschichte. Kein Wunder, viele Jahrzehnte war er in verantwortungsvoller Position bei Deutschlands führendem Buchgroßhändler in Stuttgart tätig. Aber das ist eine andere Geschichte.

Davos in Licht und Schatten: Klaus Velten in seiner Wohnung vor einem Bild Ernst Ludwig Kirchners Foto: Stefan Kister

Die, die der rüstige Rentner an diesem Nachmittag erzählt, hängt mit einem der wichtigsten deutschen Romane zusammen, der vor hundert Jahren erschienen ist, und in dessen Welt Klaus Veltens Leben eigentümlich hineinragt. Die Charakterisierung rüstiger Rentner schreibt sich leicht dahin. Aber bei Klaus Velten, der in diesem Jahr seinen 89. Geburtstag feiert, drängt sie sich nicht nur wegen seines vitalen Erscheinungsbildes auf. Sondern wegen des wundersamen Kontrastes zu den Voraussetzungen, unter denen er seinen Lebensweg angetreten hat. Dieser nämlich führte ihn als Kind in jenes Sanatorium, das Thomas Manns Jahrhundertroman „Der Zauberberg“ zum Vorbild diente. Und damals wäre niemand auf die Idee gekommen, ihn als rüstig zu bezeichnen.

„Ich war von Anfang an wie man hier im Schwäbischen sagen würde ein Hänfling“, sagt Klaus Velten. Geboren wurde er 1936 in Sebnitz, einer Stadt in der sächsischen Schweiz nahe der tschechischen Grenze. „Ich habe das Elbklima nicht vertragen, war immer krank und durchsichtig.“ Im ersten Schuljahr fehlte er an 111 Tagen. Aus einer Dauerbronchitis wurde schließlich Tuberkulose. Und so landete er durch die Vermittlung seines Großvaters, eines Pfarrers, mit einem der letzten Kindertransporte am 8. Mai 1944, ein Jahr vor Kriegsende und 20 Jahre nach dem Erscheinen von Thomas Manns moribunden Zeitpanorama dort, wohin es auch dessen Protagonist Hans Castorp verschlägt: in der Schweizer Metropole der Schwindsucht.

Eine ganze Reihe von Sanatorien wetteifern um den eigentlich zweifelhaften Ruhm, Schauplatz des epochalen Verlöschens zu sein, das der Romancier, dessen 150. Geburtstag in diesem Jahr begangen wird, festgehalten hat: das Waldsanatorium, in dem sich Thomas Manns Frau Katja von etwas, was man heute wohl eher als Burnout bezeichnen würde, erholte, oder das Luxus-Hotel Schatzalp. Wohl von allem etwas floss in den Roman ein. Aber das auf dem Umschlag der Erstausgabe abgebildete Gebäude war just jenes, in dem der kränkliche Bub nach einer Reise von Dresden über München, Bregenz, Landquart ankam. Nur dass es damals eben nicht „Berghof“ hieß, sondern „Deutsches Kriegerkurhaus“.

Das Deutsche Kriegerkurhaus auf dem Cover der Erstausgabe des „Zauberberg“

Der von einer jüdischen Hilfsorganisation für deren Schutzbefohlene in viktorianischem Stil errichtete Bau, mit markanten Mittelturm und ausladenden Balkongalerien, ging nach dem Ersten Weltkrieg in den Besitz einer deutschen Organisation zur Betreuung von Kriegsversehrten über. Ab 1927 wurde eine Kinderstation mit 60 Betten angeschlossen. Eines davon war von nun an das von Klaus Velten, ein einsamer Achtjähriger, fernab der Familie. „Ich hatte keine Volksschule, nichts, wegen der Ansteckungsgefahr war uns der Schulbesuch untersagt.“ Gemildert wurde die Ausgesetztheit zwar durch das liebevolle Pflegepersonal, Diakonissen aus dem Mutterhaus in Karlsruhe-Rüppur. Aber gegen die furchtbare Langeweile vermochten auch sie nichts.

„Wenn ein Tag wie alle ist, so sind sie alle wie einer“, heißt es im „Zauberberg“. Zu der Gleichförmigkeit, die die Kindheit Klaus Veltens während der Zeit in Davos bestimmte, gehörten wie im Roman tägliche Liegekuren: vormittags nach dem Frühstück, wenn man nicht gerade von einer der Schwestern zum Spaziergang geführt worden ist, nach dem Mittagessen die Hauptliegekur wieder bis zum Kaffee. Das Ganze gehüllt in Pelzsäcke mit Wärmflaschen und doppelten Decken: „Ich weiß nicht, ob das für die Lungen so produktiv war, bei 20 Grad Kälte auf dem Balkon zu liegen.“ Hinzu kam eine Vielzahl von Untersuchungen, Blutabnahmen, Röntgen: „Man wurde in Echtzeit durchleuchtet, mit hoher Bestrahlung, und die Ärzte sahen genau, was los ist – solche Apparate gibt es heute gar nicht mehr.“

Tod und Langeweile

Die dröhnende Langweile wurde dadurch etwas gemildert, dass hin und wieder Lehrer, Studienräte, denen es genauso langweilig war, von der Erwachsenenstation herüberkamen, um die Kinder zu unterrichten. Mal Deutsch, mal ein bisschen Mathematik, nur sehr sporadisch, sodass man von einem Unterricht gar nicht reden kann. Glücklicherweise hatte der Großvater dem Jungen schon vor der Schule Lesen beigebracht. „Ich habe verschlungen, was ich in die Finger gekriegt habe, vor allem Karl May. Das war der Anfang meiner Schulbildung.“

Auf den „Zauberberg“ ist er erst viele Jahre später gestoßen. Aber dann wurde der Roman sein Lebensbuch. Dreimal hat er ihn gelesen. „Es ist faszinierend, wie Thomas Mann die Stimmung in so einem Haus eingefangen hat, dieser Tanz auf einem Vulkan, bei dem viele wussten, dass sie ihn nicht überleben werden.“ Auch unter den Kindern kamen Todesfälle vor. Eines Nachmittags wurde er von den Schwestern beauftragt, hinter dem Haus Moos und Blumen zu suchen, um einem bettlägerigen Mädchen damit eine Freude zu machen. „Eine Sechzehnjährige, sie lag wie Schneewittchen in ihrem Bett – am nächsten Tag war sie tot, das hat mich sehr erschüttert.“

Schweizerdeutsche Tücken

Ein Lichtblick war der Einsatz eines Soloflötisten des Staatsorchesters Dresden, dem es auch furchtbar langweilig war. Er baute eine kleine Buchbinderei auf. Das Auseinandernehmen und Zusammenbinden von Büchern lernte Klaus Velten hier nach allen Regeln der Kunst. Und nachdem sich zeigte, dass man mit Kindern durchaus etwas anfangen kann, gesellten sich andere im Wortsinn tödlich Gelangweilte dazu: Komponisten, Theaterleute, die kleine Darbietungen auf die Beine stellten. In einer Sanatoriumsversion von Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“ übernahm der Knabe eine Sopranpartie. Für eine Aufführung von Leopold Mozarts „Kindersinfonie“ durfte er eine Vorrede aufsagen, der Schweizer Rundfunk übertrug das Ganze im Radio.

Dort wurden auch Krimis gesendet, Lesungen, alles auf Schweizerdeutsch, eine Sprache, die Klaus Velten seitdem beherrscht. „Ich habe das in allen Varianten gelernt.“ Wenn er heute vor Freunden damit angeben möchte, sagt er etwas, das sich etwa so anhört: „Wötscht a Chilche go un Chriesi gönne“. Bei Google wird man auf Chili con Carne gelenkt. Ganz falsche Richtung. Wer hätte gedacht, dass es sich dabei um die Aufforderung handelt, hinter die Kirche zu gehen, um Kirschen zu pflücken.

Ersatzpass für Klaus Velten der Deutschen Interessenvertretung in der Schweiz Foto: Stefan Kister

„Davos war ein Nazi-verseuchtes Nest“, erzählt Velten. Der Leiter der NSDAP-Landesgruppe Schweiz, Wilhelm Gustloff, trieb hier sein Unwesen, bevor er 1936 bei einem Attentat von dem jüdischen Studenten David Frankfurter erschossen wurde. Die Sanatorien waren gewissermaßen deutsche Exklaven in der Schweiz, auf den Dächern oder Balkonen hingen Hakenkreuzfahnen.

Nach Kriegsende hat sich der Hass der Schweizer dann entladen. „Die Fahnen kamen runter, die Hitlerbüsten und Bilder wurden von den Balkonen geschmissen und angezündet. Wir Kinder wussten gar nicht, was da läuft.“ Wenn sie in Zweierreihen spazieren geführt wurden, konnte es passieren, dass plötzlich ein Stein geflogen kam oder ein Schneeball. Innerhalb 24 Stunden mussten die Chefärzte das Land verlassen. Ein Arzt und hochrangiger Offizier, der nebenbei offenbar auch das in Davos beliebte Morphium vertickt hat, donnerte auf dem Heimweg ins nicht mehr vorhandene Reich mit seinem Mercedes gegen einen Baum.

Das Schweigen der Mutter

Die deutschen Patienten waren nach dem Krieg völlig abgeschnitten. „Wir hatten keine Verbindung, keinen Briefwechsel, gar nichts. Ich wusste nicht einmal, wo meine Mutter geblieben war.“ Sein Vater, in Sebnitz Leiter der größten Kunstblumenfabrik der Welt, die auch das britische Königshaus belieferte, war bereits 1941 in Karelien gefallen. Die Mutter musste sich mit dem jüngeren Bruder durchschlagen. Erst 1946 kam eine Nachricht, sie hatte in einem Pfarrhaus in Rinteln an der Weser eine Bleibe gefunden.

Gegen Ende der Vierzigerjahre brachte das Antibiotikum Streptomycin den Durchbruch in der Tuberkulosebekämpfung. Nun ging es bergauf. Oder je nachdem für Klaus Velten bergabwärts zurück nach Deutschland. Als sich sein gesundheitlicher Zustand besserte, schrieb eine der Diakonissen an seine Mutter: Es werde langsam Zeit, das Schlimmste sei überstanden, der Bub könne nun wieder nach Hause und eine Schule besuchen, wie es sich gehört. „Komischerweise hat meine Mutter darauf gar nicht reagiert. Da hatte ich das Gefühl, abgestellt worden zu sein. Die wollen mich gar nicht mehr. Eine schwierige Situation“.

Zurück ins Tal

Am 20. Februar 1950 endete für ihn der Aufenthalt in der Sanatoriumswelt – nach sechs Jahren, ein Jahr weniger als bei Hans Castorp. Über die badische Landeskirche fand sich für den Jungen ein Platz in Schloss Beuggen, einer Einrichtung halb Waisenhaus, halb Internat. Eine Diakonisse brachte ihn nach Rheinfelden, wo eine alte Steinbrücke die beiden Länder verbindet. Der für ihn ausgestellte Ersatzpass zeigt ein zartes, ernstes Kindergesicht, das durch die Gläser seiner Brille tapfer in das Ungewisse blickt, das vor ihm liegt.

Es gäbe noch viele Erzählstränge. Die ganze Geschichte hat Klaus Velten für seine Kinder und Enkel in wunderschöner Handschrift aufgeschrieben: Wie er nach sieben Jahren zum ersten Mal wieder seine Mutter sah. Die Ausbildung zum Buchhändler, die ihn über verschiedene Stationen nach Stuttgart geführt hat. Und wie ihn die Liebe zu seiner Frau und zur Musik über alle Niederungen hinwegtrug. Ein seltener Stich des jungen Johann Sebastian Bach hängt im Wohnzimmer.

Später ist der einstige Hänfling zu imposanten Touren immer wieder in die Schweizer Bergwelt zurückgekehrt. Man würde den zugewandten, geistesgegenwärtigen Mann um vieles jünger schätzen. Doch der Abgrund, über den der Weg seines erfüllten Lebens geführt hat, ist ihm nahe geblieben. Mit 59 Jahren erlitt er seinen ersten Herzinfarkt. Vor drei Jahren kam er mit Herzrasen in die Klinik, nach einem verunglückten Eingriff musste er an eine Herz-Lungenmaschine angeschlossen werden. „In der Zeit war ich tot.“ In einem Nahtoderlebnis zog sein ganzes Leben an ihm vorbei. „Ich saß wie in einer Lichtkugel und habe mich von außen gesehen.“ Nach einer Woche im Koma kehrte er wieder zurück.

Die Landschaft Ernst Ludwig Kirchners liegt nun im Abendlicht. Aber dieser Lebensroman ist noch nicht zu Ende.