Der Tatort: An diesem Teich erstach der Mörder Tobias. Foto: dpa/Franziska Kraufmann (Archiv)

Die Polizei hätte an dem Fall verzweifeln können: Mehr als ein Jahrzehnt lang sucht sie den Mann, der in Weil im Schönbuch ein Kind mit 37 Messerstichen tötete. Ein Zufall führt sie auf dessen Spur. [Plus-Archiv]

Stuttgart - Nur kurze elf Jahre hat Tobias gelebt. Er wurde am 30. Oktober 2000 bei Weil im Schönbuch, seinem Heimatort, ermordet. Elf quälend lange Jahre mussten seine Eltern und sein Bruder mit der Frage nach dem Warum leben – warum wurde ihr Tobi bestialisch mit 37 Messerstichen ermordet und danach noch im Intimbereich verstümmelt? Im Prozess zwölf Jahre später bekommen sie Antworten. Doch ein Teil davon ist so verstörend, dass man danach erst recht nicht alles begreifen kann. Dass die Polizei den Täter fasste, ist dem glücklichen Umstand, dass die Ermittler im richtigen Moment den richtigen Rückschluss zogen.Vom ersten Verdacht bis zum Geständnis war es dennoch ein zäher Weg.

Ermittlungen in einem anderen Fall führen auf die Spur des Täters

„Wie im Film“, das klingt wie eine Floskel, wenn es um Kriminalfälle geht. Vor allem echte Polizistinnen und Polizisten scheuen diesen Vergleich. Denn sie wissen: Wie im Film geht es in der Realität selten zu. Doch in den Akten von der Vernehmung des Mörders finden sich Szenen, wie man sie sonst nur aus Thrillern kennt. Wieder und wieder fragen die Ermittelnden den Tatverdächtigen Rolf P. (Name geändert), ob er nicht doch was mit der Tat zu tun hatte. Halten ihm belastendes Material vor. Kündigen an, dass er eine DNA-Probe abgeben muss, die mit einer Spur verglichen werde, die am Tatort gefunden worden war. Dann kommt recht unvermittelt die Wende, und die Wahrheit ans Licht. Scheibchenweise.

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Bei der Ankündigung des DNA-Abgleichs wird dem 47-Jährigen klar, dass man ihn identifizieren können wird. Also räumt er ein, am Tatort gewesen zu sein. Doch zunächst erzählt er eine Geschichte, wonach der Junge schon tot gewesen sei. Er habe ihn gefunden, den Puls gefühlt. Dann habe ihn sein Sexualtrieb überwunden und er habe den Jungen verstümmelt.

Bei der Vernehmung bricht der Verdächtige zusammen und gesteht

Wenige Stunden später – die Vernehmung ist eigentlich schon beendet – bricht der Verdächtige zusammen und wird zum geständigen Täter: Er bricht in Tränen aus und bittet darum, weiterreden zu können. Die Wahrheit musste für ihn ans Licht. „Es war gut, dass Ihr heute gekommen seid“, sagt er später zur Polizei. Er habe immer damit gerechnet, dass die Polizei eines Tages bei ihm auftauchen würde – und ist offenbar erleichtert darüber, gefasst worden zu sein. Gefasst hatte ihn die Polizei, weil sie ihm im Internet auf die Spur gekommen war, bei Ermittlungen wegen Handels mit kinderpornografischen Bildern.

Das, was er mit diesen Worten gesteht, ist eines der abscheulichsten Verbrechen gegen ein Kind aus den zurückliegenden Jahrzehnten in der Region Stuttgart. Ein Mann entdeckt an einem einsamen kleinen Fischweiher bei Weil im Schönbuch am frühen Abend einen Jungen, der dort mit seiner Angel spielt.

Lang gehegte Fantasie

Spontan will er seine lange gehegte Fantasie, sexuelle Praktiken mit einem Kind auszuleben, in die Tat umsetzen. „Da kam mir halt die dumme Idee, mit dem kanns Du es jetzt mal machen“, sagt er darüber später im Gerichtsverfahren. Er lockt das Kind hinter eine Hütte mit der Ausrede, er brauche Hilfe wegen einer Fahrradpanne. Als er den Buben anfassen will, wehrt sich dieser und schreit. Der Mann dreht durch, nimmt ein Messer und sticht zu.

37 Stiche versetzt er dem Kind, das ihm körperlich natürlich unterlegen ist. Im nahen Ort hört eine Frau, die später im Prozess gegen den Mörder aussagt, den Todeskampf. Die Laute, die zu ihr drangen, ordnet sie keinem Kind, keinem menschlichen Wesen zu. Als habe jemand einen Tier zu Tode gequält, so jämmerlich habe das geklungen.

Der Vater findet das ermordete Kind

Der elfjährige Tobias hätte um 18 Uhr zuhause sein sollen. Es wird dunkel, er kommt nicht heim. Die Eltern machen sich Sorgen, beginnen zu suchen und verständigen die Polizei um 21.20 Uhr. Gegen 22 Uhr findet der Vater, begleitet von einer jungen Polizistin, sein Kind tot hinter der Hütte am Fischteich. Im Prozess berichtet die Polizistin, wie sie ihn mit all ihrer Kraft zurückhalten musste beim Anblick seines toten Kindes – auch für die Beamtin ein traumatisierender Moment. „Tobi wird nie wieder Geburtstag feiern“, sagte sein Vater im Prozess gegen den Mörder seines Kindes. Im März 2022 wäre Tobias 33 Jahre alt.

Seine sexuelle Neigung hat den Täter verraten. Die Polizei steht im Sommer 2011 vor seiner Wohnungstür. Er hat Kinderpornos im Netz gesucht, heruntergeladen, gekauft und auf seinem Rechner gesammelt. Die Polizei durchsucht die Wohnung. Sie nimmt den Rechner und Speichermedien mit – und findet eine Mappe, die den ersten Verdacht aufkommen lässt, dass die Ermittelnden hier vielleicht auch etwas über den elf Jahre alten Fall aus Weil im Schönbuch erfahren können.

Polizei findet Mappe mit Gewaltfantasien

In der Mappe liegen Zeitungsausschnitte. Sexualdelikte an Kindern, davon handeln die Berichte. Unter anderem ist ein Artikel über den Mord am zehnjährigen Mirco aus Grefrath (Nordrhein-Westfalen) dabei. „Versager“, hat Rolf P. darunter geschrieben. Und noch zwei Sätze, was er mit dem Kind gemacht hätte. Verstörende Gewaltfantasien, Foltermethoden stehen da. Die Polizei nimmt die Mappe mit.

Sie kennt derlei Verhalten: Es ist nicht unüblich,dass Straftäter Material über ihre Taten und ähnliche Verbrechen aufbewahren. Daher wird der Verdächtige noch am gleichen Abend zum Fall des Tobias aus Weil im Schönbuch vernommen – und gesteht schließlich. Rolf P. wird zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrungverurteilt. Damit ist so gut wie sicher, dass er nie wieder freikommen wird.

Gründlichkeit der Polizei bringt die Wendung

Zweimal hat in diesem Fall die Hartnäckigkeit und die Gründlichkeit der Polizei entscheidende Wendungen gebracht. „Die Blutspur, ein hauchdünner Nebel an der Kleidung des Tobias, die nicht von ihm stammte, wurde als tatrelevant eingeordnet“, sagt der Stuttgarter Kripochef Rüdiger Winter, der zur Zeit der Aufklärung des Falles die Kriminalpolizei in Böblingen leitete.

Wäre diese Spur untergegangen, hätte man den Fall vielleicht nicht lösen können. Es war das Blut des elf Jahre später gefassten Rolf P., der sich an der Tatwaffe, einem Butterflymesser, verletzte. Das zweite Mal hat ein Ermittler aus Esslingen den richtigen Druck zur richtigen Zeit aufgebaut. Er war in einer Sonderkommission, die parallel zum Mord an Tobias im Kreis Esslingen ein ähnliches Verbrechen aufklären musste – den Mord an einem zehnjährigen Mädchen, das sexuell missbraucht worden war. Durch die enge Vernetzung der Sokos damals ging er den Hinweisen nach, die aufgrund der aufgehobenen Zeitungsartikel vorlagen – und kam so dem Mörder auf die Spur.

Hätte psychologische Hilfe den Mord verhindern können?

Was den Fall neben der Grausamkeit der Tat auch unfassbar macht, sind Randaspekte, die im Laufe der Zeit ans Licht kommen. Schon in seinen Vernehmungen bei der Esslinger Kriminalpolizei und später in der Gerichtsverhandlung sagt Tobias’ Mörder, er habe wegen seiner sexuellen Neigungen Hilfe gesucht. Beziehungen hatte er nie, meist nahm er autoerotische Handlungen vor, bei denen er sich häufig Schmerzen und Verletzungen zufügte. Einige davon waren so schwerwiegend, dass er operiert werden musste.

Er habe Hilfe gesucht, sagt er in Vernehmungen. Einmal habe er es bis in eine Klinik geschafft, auf Vermittlung eines Arztes. Der Psychiater dort habe ihm „zehn oder zwanzig Sekunden“ zugehört, und ihm dann gesagt, er sei in dem Krankenhaus falsch. Hätte eine Behandlung den Mord verhindert? Im Nachhinein vermag das niemand zu beantworten.

Belastungsprobe: Auch der Psychiater erträgt die Details nur schwer

Ausführlich untersucht wurde er im Vorfeld des Gerichtsverfahrens. Der erfahrene psychiatrische Sachverständige Peter Winkler aus Tübingen explorierte den MannEnde 2011. Seine Ausführungen vor Gericht enthielten zwei bemerkenswerte Aussagen. Zum einen stellte er fest, dass man trefflich darüber streiten könne, was im weiten Feld der Sexualität normal, was krankhaft sei. „Aber wenn jemand sexuell krank ist, dann der Angeklagte“, sagte er. Eine Einschätzung, die an Klarheit nicht zu toppen ist. Und: „Er ist weiterhin gefährlich“, diagnostizierte Winkler, der sadomasochistische und pädophile Neigungen feststellte.

Die zweite bemerkenswerte Aussage gab einen ungewohnten Einblick in das Seelenleben des Psychiaters. Bevor er sein Gutachten darlegte, erzählte er im Gerichtssaal, dass er nach der Exploration des Angeklagten krank geworden sei. Zwischen den Jahren habe es ihn erwischt. Das könne man natürlich mit der Jahreszeit erklären. Winkler lehnte für sich diese einfache Schlussfolgerung ab: Er sei lange genug Psychiater, um zu erkennen, dass seine Abwehr infolge der Belastung durch die Gespräche mit Tobias’ Mörder eingebrochen sei.

Ein falscher Verdächtiger wird festgenommen

Die Frage, wie es um das Gewissen des Bäckers, der auf den Fildern lebte und arbeitete, bestellt war, kam in den Vernehmungen bei der Polizei und im Prozess immer wieder auf. Kurz nach der Tat habe er viel darüber nachgedacht. Er habe sich Spielplätzen ferngehalten, um nie wieder etwas Ähnliches zu machen. Als ein erster – falscher – Tatverdächtiger in den Fokus der Polizeirückte, habe er sich beinahe zu Wort gemeldet, erzählt er. Nicht mit einem Geständnis.

Anonym wollte er Täterwissen weiterleiten, um den Jugendlichen, einen lernbehinderten Jungen aus dem Ort, zu entlasten. Er hatte sich mit Aussagen selbst belastet. Doch als der Bub nach zwei Wochen wieder aus der Untersuchungshaft entlassen wird, lässt er es damit bewenden. Den Eltern lässt dieser erste Verdacht keine Ruhe. Sie wollen mit einem Klageerzwingungsverfahren einen Prozess gegen den jungen Mann einleiten, der mit Tobias befreundet gewesen sein soll. Sie scheitern.

Auch bei der Polizei hinterlässt der Fall Spuren

Für die Polizei, die vom ersten Tag an eine DNA-Spur des tatsächlichen Täters hatte, wird der Fall auch zur Zerreißprobe. Aber da der Mann nie auffällig geworden war, hatte sie kein Material von ihm in der Datenbank. So blieb er im Verborgenen, und der ungelöste Fall belastete die Ermittelnden schwer. 2004 nahm sich der Leiter der Soko Weiher das Leben. Ob sein Freitod tatsächlich mit dem Stress des ungelösten Fall zusammenhing, das wurde nie letztlich klar. Doch der Verdacht, dass er darunter litt, drängt sich auf.

Dieser Text erschien erstmals am 07.01.2022.