Schon mit zehn Jahren interessierte sich der Schweizer Stefan G. für Greifvögel. Foto: picture alliance/dpa/Patrick Pleul

Ein Familienvater aus der Schweiz richtet einen Millionenschaden an, weil er zwischen 2005 und 2012 Hunderte Federn von seltenen Greifvogelpräparaten klaut. Dafür erschleicht er sich das Vertrauen der Mitarbeiter in Museen – auch in Stuttgart.

Stuttgart - Es ist eine schräge Geschichte: Ein Mann klaut aus Museen Federn oder ganze Schwänze von seltenen Greifvogelpräparaten. Der Schweizer Stefan G. richtet damit einen Schaden von rund fünf Millionen Euro an, während er selbst ein gutes Geschäft macht. Denn er verkauft die gestohlenen Teile weiter. Auch das Stuttgarter Naturkundemuseum besucht Stefan G. zwischen 2007 und 2009 sechsmal – und erzeugt allein dort einen Schaden von etwa einer Million Euro. Behoben werden kann dieser nie mehr.

Er klaut die Federn, die er legal nicht erhält

Bereits mit zehn Jahren beginnt Stefan G. sich für Greifvögel zu interessieren. Im Laufe seines Erwachsenenlebens nutzt der 1972 geborene Schweizer einen Großteil seiner Freizeit für das Lesen ornithologischer Fachliteratur sowie das Sammeln von Vogelpräparaten, Federn und Bälgen – also Vogelhaut mit Gefieder, Schnabel, Beinen und Füßen. Zunächst kauft er die Teile noch legal auf Tauschbörsen oder von Präparatoren, Tierparks und Falknereien ab. Doch von März 2005 an wird er zum Dieb und begeht Sachbeschädigung in riesigem Ausmaß.

Nachdem sein Tauschkumpel Peter B. ihm erzählt, dass er in der ornithologischen Sammlung des Naturhistorischen Museums Basel schon mehrfach auf legalem Wege nicht erhältliche Federn von Greifvögeln gestohlen hat, ist Stefan G. beeindruckt. Im März 2005 begleitet er seinen Kumpanen erstmals. In dem Archiv im Keller gibt es keine Überwachung. Die Männer nutzen die Chance. Zwar spricht der Kurator die Männer danach auf beschädigte Präparate an, doch im Gegensatz zu seinem Kumpel lässt sich Stefan G. davon nicht beirren.

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Noch fünfmal kommt Stefan G. in das Museum in Basel. Zwar wird er nun in einem separaten Raum empfangen, doch ihm werden weiterhin exotische Vogelarten vorgelegt. Nachdem er die Federn herausreißt, die ihn reizen, legt er die Vogelpräparate mit den beschädigten Seiten nach unten zurück.

Später besucht der Schweizer Sammlungen und Naturkundemuseen in Stuttgart, Frankfurt, München, Berlin, Wien und Neuenburg. Gerald Mayr erinnert sich noch gut an den Mann. Zunächst erhielt der Leiter der Ornithologischen Abteilung des Forschungsinstituts und Naturmuseums Senckenberg in Frankfurt Mails von Stefan G. Der erklärt ihm, dass er eine Internetseite mit Fotos von Greifvögeln anlegen wolle. Er besitze selbst viele Federn und habe bei einigen Probleme, diese zu bestimmen. Er würde daher gerne in die Sammlung kommen.

Dieb wurde gefragt, ob er mit zum Mittagessen kommen wolle

Gerald Mayr sagt zu, fünfmal kommt Stefan G. zwischen Oktober 2007 und Januar 2010 vorbei. „Er hat einen vertrauenswürdigen Eindruck gemacht und hatte auch eine unglaubliche Kenntnis“, erinnert sich Mayr. „Er hat auch falsch bestimmte Arten bei uns erkannt.“ Wenn die Kollegen Mittagspause machen, fragen sie Stefan G., ob er mitkommen wolle. Dass der Schweizer in Frankfurt fast 100 Vogelpräparate beschädigt und einen Schaden von mehr als 680 000 Euro verursacht hat, erfahren sie erst später.

Sechs Mal kommt Dieb ins Stuttgarter Museum

Im August 2007 tritt Stefan G. erstmals in Kontakt mit dem Stuttgarter Naturkundemuseums am Löwentor. Nachdem er einen Besuchstermin vereinbart hat, lässt er sich die Bestandslisten zukommen. Sein Interesse gilt, wie immer, den seltenen Arten.

Weil Diebstahl durch Federnsammler bis dahin nicht bekannt gewesen war, werden die Präparate bei der Rückgabe nur kurz überprüft. Erst während seines sechsten und letzten Besuchs wird Stefan G. vom Verantwortlichen der Stuttgarter Ornithologie aufgefordert, ein wissenschaftliches Konzept seiner Arbeit vorzulegen. Daraufhin kontaktiert er das Museum nicht mehr – und die Beschädigung fällt vorerst niemandem auf.

Schaden in Stuttgart ist irreversibel

Obwohl dies nun lange her ist, will sich vonseiten des Stuttgarter Naturkundemuseums niemand zu dem Fall äußern – auch aus Angst vor potenziellen Nachahmern. Es wird lediglich schriftlich mitgeteilt: „Der Schaden ist irreversibel.“ Als der Fall damals bekannt geworden war, hatte die damalige Museumsdirektorin Johanna Eder mit unserer Zeitung gesprochen. Sie hatte erklärt, dass normale Museumsbesucher die rund 70 000 Vogelpräparate, mit denen die Stuttgarter als eine der bedeutendsten Sammlungen gilt, nicht zu Gesicht bekommen. Die zum Teil historische Sammlung sei für Forschungszwecke angelegt. „Bei jedem einzelnen Tier blutet einem das Herz“, sagte sie.

Offenbar hörte Stefan G., wenn sich jemand näherte

Im Herbst 2012 fliegt Stefan G. auf: Ornithologen aus dem Berliner Naturkundemuseum stellen fest, dass mehrere Dutzend Vogelpräparate beschädigt sind, größtenteils unersetzliche Exemplare aus dem 19. Jahrhundert. Am 12. November 2012 informieren Berliner Museumsmitarbeiter andere Museen über ihren Verdacht.

Der Frankfurter Ornithologe Gerald Mayr erinnert sich noch gut an den Anruf aus Berlin: „Die haben dort die Bälge neu sortiert und sind dabei auf kleine, ausgerissene Federn aufmerksam geworden. Da war ihnen klar, dass etwas nicht in Ordnung sein kann.“ Als der Berliner Kollege ihm von dem Verdacht berichtete, habe er es zunächst nicht glauben können, „wir waren erst mal geschockt“. Stefan G. sei zwar nie allein in der Sammlung gewesen, aber habe wohl immer gehört, wenn sich Schritte näherten, mutmaßt Mayr. Und die Federn habe er wohl in einer Innentasche seiner Jacke nach draußen transportieren können.

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„So etwas gab es vorher nicht“, erklärt Gerald Mayr die laxe Überwachung. Und ja, bis heute sei die Sammlung für interessierte Laien zugänglich, „wir wollen das bewusst nicht wegsperren, wir sind so etwas wie eine Bibliothek“. Seitdem sei man aber vorsichtiger bei Leuten, die man nicht kenne. „Wir sind gebrannte Kinder.“

2017 wird er zu einer Gefängnisstrafe verurteilt

Die Polizei hat damals mehr als 17 000 Federn bei Stefan G. beschlagnahmt, viele davon aber legal erworben. Im Prozess sagte er, dass er von seiner Sammlung nichts mehr wissen wolle und die Museen alles haben könnten.

Im Juli 2017 wird Stefan G. vor dem Strafgericht Basel zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, zwei davon auf Bewährung. Sein Anwalt hatte zuvor vergeblich auf eine Strafe nur zur Bewährung plädiert. Laut der Anklageschrift wurde Stefan G. kriminell, weil er sich „konstant mit den Grenzen der legalen Beschaffungsmöglichkeiten von speziellen Arten konfrontiert sah“. Er sei süchtig gewesen, sagte er im Prozess, und: „Es tut mir aufrichtig leid.“ Die Staatsanwältin konnte er mit seiner Suchtargumentation oder einer vermeintlichen Persönlichkeitsstörung nicht überzeugen. Sie bescheinigte ihm eine „hohe kriminelle Energie“. Inzwischen ist Stefan G. wieder auf freiem Fuß.

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Die gestohlenen Federn und Schwänze liegen inzwischen alle in Basel und sollen nach und nach wieder an die Sammlungen zurückgegeben werden. Doch das Sortieren und richtige Verteilen der Teile sei sehr aufwendig, weiß Gerald Mayr. Und die Restauration hat noch gar nicht erst begonnen.