Irene Baum möchte auch junge Leute für die VHS gewinnen. Foto: Roberto Bulgrin - Roberto Bulgrin

Trotz der zunehmenden Digitalisierung bleiben junge Leute eine wichtige Zielgruppe für die Volkshochschule. Das sagte Ostfilderns VHS-Leiterin Irene Baum im EZ-Interview.

OstfildernBei der Volkshochschule in Ostfildern beginnt am Freitag ein besonderes Semester: Vor 40 Jahren wurde die städtische Bildungseinrichtung gegründet. Dieses Jubiläum soll mit einem Aktionstag gefeiert werden – Anlass für die EZ, VHS-Leiterin Irene Baum zu aktuellen Entwicklungen zu befragen.

Mitmach-Aktionen zur Geburtstagsfeier – was bezwecken Sie mit diesem Programm?
Wir wollen damit unseren Kursleitern danken, die schon viele Jahre bei uns tätig sind. Manche sind bereits 30 Jahre und länger dabei und sollen deshalb geehrt werden. Wir möchten mit der Veranstaltung aber auch der Öffentlichkeit zeigen, welche Vielfalt wir mit unserem Bildungsprogramm bieten. Und natürlich soll das Jubiläum gefeiert werden. Vielleicht bekommen wir von den Besuchern auch gute Anregungen für das künftige Programm.

Vor 40 Jahren hat die VHS dazu beigetragen, dass die wenige Jahre zuvor gegründete Reformstadt Ostfildern zusammenwächst. Welche Rolle nimmt die VHS heute, in Zeiten zunehmender Digitalisierung, ein?
Die Digitalisierung ist ein Thema, das uns massiv beschäftigt. Wir setzen uns damit auseinander, um Bürgern, die sich Gedanken um die Zukunft machen, mögliche Ängste zu nehmen. Zum Beispiel bei der Frage, was mit ihrem Arbeitsplatz passiert. Für uns als VHS heißt das, wir müssen auch die entsprechenden Lernformen integrieren. Ganz neu im Programm haben wir beispielsweise Themen mit der VHS-Cloud, wo es darum geht, auf einer Internetplattform sich bestimmte Lerninhalte vorzunehmen und begleitend zum Lernen in der Gruppe zu vertiefen. Wir werden jedoch auch in Zukunft trotz der zunehmenden Digitalisierung ein Ort der Begegnung sein. Ganz wichtig ist uns, dass man sich direkt vor Ort trifft und sich austauscht.

In den vergangenen Jahren war es Ihre Geschäftspolitik, sich breiter aufzustellen und neue Felder zu erschließen. Ist dieser Schritt gelungen?
Man muss dazu sagen, dass die VHS Ostfildern in einer nicht einfachen Ausgangslage ist, zwischen den beiden Städten Stuttgart und Esslingen. Unser Ziel war und ist es immer, ein eigenes Gesicht und ein eigenes Profil zu haben. Daher ist es eigentlich unser Ansatz, nicht zu sehr in die Breite zu gehen, sondern die Themen, die wir uns gesetzt haben, zu vertiefen. Das betrifft die Junge VHS genauso wie die Kurse für die ältere Generation.

Im Bereich Sport/Bewegung/Gesundheit wildern Sie schon mal auf dem Terrain der Sportvereine, was immer wieder für böses Blut sorgt.
Mit dem Ausdruck Wildern habe ich so meine Probleme. Wir hatten mit dem TV Nellingen als größtem Sportverein in der Stadt einige Treffen, bei denen wir uns verständigt haben, wie wir miteinander umgehen und kooperieren können. Mittlerweile läuft die Kooperation sehr gut. Wir haben Veranstaltungen des TVN bei uns im Programm und auch umgekehrt. Von bösem Blut kann da nicht die Rede sein.

Macht Ihnen der Kostendruck zu schaffen?
Als öffentliche Bildungseinrichtung sind wir natürlich verpflichtet, wirtschaftlich arbeiten. Vom Volkshochschulverband Baden-Württemberg gibt es erfolgreiche Initiativen, die darauf abzielen, den Kostendruck etwas abzumildern. Was mir aktuell zu schaffen macht, ist die Diskussion um die Umsatzsteuer. Wenn das Gesetz tatsächlich umgesetzt wird, hätten wir als VHS enorme finanzielle Probleme. Denn wir müssten die Umsatzsteuer auf die Kursteilnehmer abwälzen. Dann würde Bildung sehr viel teurer werden. Das macht uns im Moment schon Bauchschmerzen.

Junge Leute holen sich alles aus dem Internet, lernen mit Apps. Kann man sie überhaupt noch für VHS-Kurse gewinnen?
Ja, das kann ich mit Fug und Recht sagen. Natürlich kann man die Jugend nach wie vor gewinnen, wenn man auch entsprechende Formen der Weiterbildung kreiert, die das junge Publikum anspricht. Bei unserer Jubiläumsveranstaltung am Freitag haben wir viele Angebote, die sich gezielt an die Jugend und an Kinder richten und auch das Thema Digitalisierung aufgreifen. Es geht beispielsweise darum, wie man mit kleinen Bienen programmiert. Wirklich ganz niedrigschwellig. Für uns ist es wichtig, mit der Sprache des Publikums zu sprechen. Neben der Wissensvermittlung darf natürlich der Spaß nicht zu kurz kommen.

Wo sehen Sie weitere Betätigungsfelder für die VHS?
Chancen sehe ich beim Ausbau der Weiterbildungsberatung. Wir wissen, dass die Szene der Weiterbildung sehr atomisiert und differenziert ist. Manche Bürger wissen gar nicht so recht, welche Art der Fortbildung für sie in Frage kommt. Mit dieser Art von Beratung haben wir bereits angefangen. Bei der beruflichen Ausbildung ist der Wettbewerb sehr groß. Was aber nicht heißt, dass wir uns von diesem Bereich zurückziehen. Ich denke, dass wir auch den Unternehmen in der Region das Thema Weiterbildung nahebringen müssen. Microsoft hat vor kurzem einen Chief learning officer installiert. Warum wollte man das bei kleineren und mittelständigen Firmen nicht auch mal probieren?

Ist daran gedacht, die Partnerschaft mit Filderstadt und Leinfelden-Echterdingen weiter auszubauen?
Die Zusammenarbeit gibt es bereits seit 1993. Wir sind im permanenten Kontakt und kooperieren sehr eng, zum Beispiel im Bereich Sprachen. Auf Leitungsebene gibt es ebenfalls einen guten Austausch. Sowohl in Filderstadt als auch in Leinfelden-Echterdingen wird es in nächster Zeit einige personelle Veränderungen geben. Wenn die neuen Mannschaften an Bord sind, werden wir uns wieder verstärkt zusammensetzen.

Wird es die VHS auch in 40 Jahren noch geben?
Ich gehe davon aus, dass es auch da noch eine VHS geben wird. Ob in der gleichen Form wie heute, das kann derzeit nicht beurteilen. Wenn wir Revue passieren lassen, wo wir herkommen, müssen wir feststellen: Die Themen an sich sind gar nicht so unterschiedlich. Verändert haben sich die Rahmenbedingungen und wie die Themen angepackt werden. Diese Rahmenbedingungen werden sich weiter verändern. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass die VHS auch in ferner Zukunft ein Ort der Begegnung sein wird und dass die Menschen weiter gerne zu uns kommen, um sich fortzubilden.

Das Interview führte Harald Flößer.

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