Sollten Museen vor Werken warnen? Trigger-Warnungen polarisieren. Vom Jungen Ensemble Stuttgart bis zum Humboldt Forum in Berlin gehen die Häuser unterschiedlich damit um.
Wer in der vergangenen Nacht exzessiv gezecht hat, sollte sich gut überlegen, ob er mit seinem Brummschädel eine Ausstellung besucht. Zumindest im Deutschen Museum in München ist Vorsicht angebracht, da man beim Rundgang durch die Wissenschaftsgeschichte auch in virtuelle Welten eintauchen kann. Diese VR-Erlebnisse können gefährlich sein, zumindest warnt das Museum vor „Schwindelgefühlen, Kopfschmerzen, Übelkeit und im schlimmsten Fall: Erbrechen.“
Für Menschen, die unter Herzproblemen oder Epilepsie leiden, ist es fast selbstverständlich, dass sie vor Kunstwerken gewarnt werden, die blitzen, flirren, flimmern oder mit anderen sensorischen Reizen aufwarten. Inzwischen finden sich in Museen aber auch andere Trigger-Warnungen, die auf mögliche psychische Reaktionen hinweisen.
Zwischen Kunst und Trauma
In kulturhistorischen Museen geht es dabei oft um Objekte, die im Zusammenhang mit Krieg, Sklaverei, Kolonialismus oder anderen Gewalttaten stehen. Menschen, die Traumata erlebt haben, sollen so vor Flashbacks oder Retraumatisierungen gewarnt werden.
In Kunstmuseen wird vor allem auf sexualisierte oder andere Gewalt hingewiesen. Liest man etwa die Warnungen der Albertina Modern in Wien, so konnte einem bang werden vor der Sonderausstellung von Marina Abramovic, die bis vor kurzem zu sehen war. Denn die Arbeiten der Performancekünstlerin zeigen Selbstverletzungen. Das könne „physische und psychische Reaktionen“ auslösen, heißt es. Soll man das wirklich riskieren?
Trigger-Warnungen sind ein Thema, das polarisiert. Doch gehört es nicht zur Aufgabe von Museen, auch existenzielle Fragen über Tod, Sexualität oder Gewalt zu stellen? Wie unvoreingenommen können Menschen Ausstellungen begegnen, wenn sie vorab gewarnt werden vor Werken? Und lässt sich eine reale Gefahr nachweisen, dass etwa die Darstellung von Krieg oder sexualisierter Gewalt Opfer retraumatisieren kann?
Klar ist: Eltern müssen sich darauf verlassen können, dass ihre Kinder beim Museumsbesuch nicht ahnungslos mit Motiven konfrontiert werden, die für Minderjährige ungeeignet sind – so, wie es für Filme verbindliche Altersfreigaben gibt.
Das Junge Ensemble Stuttgart warnt ausführlich
Auch im Theater haben sich Altersangaben durchgesetzt, wobei das Junge Ensemble Stuttgart (JES) deutlich weiter geht: Im Foyer hängt eine Box, die auf mögliche Gefahren hinweist – sei es grelles Licht, laute Geräusche oder plötzliche Ereignisse. Hier erfährt man auch, ob sich das Publikum im Stück sehen kann oder gar in die Inszenierung eingebunden wird. Bei dem Stück „All das Schöne“ wird in den sogenannten „Content Notes“ auch darauf hingewiesen, dass es auch um Suizid, Depression und Tod geht .
Im Museum sind Altersangaben dagegen selten – wobei die Wiener Abramovic-Retrospektive in der Albertina Modern erst ab 16 Jahren zugelassen war, weil sich die Performance-Künstlerin in ihren Aktionen selbst reale, körperliche Schmerzen zufügte.
Triggernde Motive, die „nur“ gemalt wurden, findet man dagegen zuhauf in der Kunstgeschichte. Der höchst brutal Gekreuzigte auf den zahllosen christlichen Bildern und Altären kann kindliche Fantasieren aber durchaus unschön anregen, so, wie auch die Folterfantasien von Goya oder die Kriegsmotive eines Otto Dix. Kirchners sexualisierte Bilder der minderjährigen „Fränzi“ werden bei ehemaligen Missbrauchsopfern unter Umständen auch Erinnerungen hochspülen.
Vereinzelte Hinweise im Lindenmuseum
Bei den Seminaren der Landesstelle für Museen Baden-Württemberg sind Trigger-Warnungen noch kein Thema. Der Leiter Shahab Sangestan hält sie aber für sinnvoll, weil sie für eine „Haltung“ stünden, die Häuser auch mit Leichter Sprache oder Mehrsprachigkeit verfolgten. Auch als Museumsbesucher schätzt Sangestan sie. „Ich habe selbst in meiner Jugend den Iran-Irak-Krieg in Teheran erlebt und bin hier und da froh über Trigger-Warnungen in Ausstellungen über Darstellungen von bewaffneten Konflikten.“
Das Lindenmuseum Stuttgart hat bisher nur zwei Trigger-Warnungen an Objekten angebracht - bei einer rassistischen Werbegrafik sowie entwürdigenden Fotos aus der Kolonialzeit. Bei der im Herbst angesetzten Sonderausstellung „Zombies“ soll es auch vereinzelte Warnhinweise geben, obwohl Trigger-Warnungen selbst schon triggern könnten, wie der Museumssprecher Martin Otto-Hörbrand meint. Er ist überzeugt, dass emotionale Erlebnisse durch Warnungen auch „abgeschwächt oder verwehrt“ werden könnten.
Auch im Kunstmuseum Stuttgart ist man zögerlicher und verzichtet bisher gänzlich auf Trigger-Warnungen. Studien zeigten, dass sie „vulnerable Gruppen nicht immer wirksam schützen und bei inflationärer Nutzung ihre Wirkung verlieren können“, sagt Stefan Stegmaier, der die Kunstvermittlung des Stuttgarter Museums leitet. Da setze man lieber „auf Kontextualisierung und Vermittlung“ und mache deutlich, wenn Darstellungen Stereotype oder Klischees bedienen und diskriminieren. „Unser Ziel ist es stets, Räume für eine offene, differenzierte Auseinandersetzung zu schaffen“, sagt Stefan Stegmaier. Deshalb wolle man Kunstwerke nicht durch Warnungen vorschnell festschreiben.
Eine einheitliche Lösung, wie mit problematischen Inhalten im Museum umzugehen ist, wird es also nicht so bald geben – auch wenn die Stiftung Preußischer Kulturbesitz derzeit mit internationalen Partnern an Richtlinien arbeitet, wie man zum Beispiel mit Skeletten und Schädeln umgeht. Auch im Humboldt Forum in Berlin wird bei Ausstellungen und Veranstaltungen immer neu über Trigger-Warnungen entschieden wie auch über die Frage, ob sie am Eingang stehen oder in der Ausstellung, damit das Publikum einzelne problematische Exponate auslassen kann.