Die Polizei ist hinter einer neuen Tätergruppierung her: Wer sind die Anrufer, die Russisch sprechenden Senioren Geld abnehmen?
Schon wieder hat die Polizei einen Fall zu melden, bei dem Telefontrickbetrüger mit russischen Sprachkenntnissen ihrer Opfer hereingelegt haben. Am Montag waren zwei Fälle bekannt geworden,bei denen hohe Summen Bargeld erbeutet wurden. Nun wurde eine weitere Frau, die auf Russisch angesprochen wurde, um rund 100 000 Euro betrogen.
Die Frau aus Bad Cannstatt erhielt am Montag gegen 11 Uhr einen Anruf von einem Russisch sprechenden Mann, der sich als ihr Schwiegersohn ausgab. Da sie auch Russisch als Muttersprache hat, konnte der Betrüger am anderen Ende der Leitung sie offenbar überzeugen, dass er tatsächlich ein Verwandter wäre.
Schockanruf: Betrüger nutzen Schreckmoment für Geldforderungen
Der Mann behauptete, er habe einen Unfall gehabt und dabei ein Mädchen überfahren. Das Kind sei in der Folge gestorben. Die Eltern würden 30 000 Euro fordern, außerdem brauche er 40 000 Euro für eine Operation. Die Polizei nennt diese Betrugsmethode den Schockanruf: Die Anrufenden erzählen eine schlimme Geschichte und nutzen dann den Schreckmoment aus, um den Angerufenen Geld aus der Tasche zu ziehen. Damit soll eine Notsituation, die es in Wirklichkeit nie gab, beendet werden.
Bei diesem ersten Anruf und den darin geäußerten Geldforderungen blieb es am Montag bei der Stuttgarter Seniorin nicht. Ein weiterer Mann meldete sich, der ebenfalls Russisch sprach. Er behauptete, Polizeibeamter zu sein und forderte 70 000 Euro als Kaution, damit der angebliche Schwiegersohn nicht ins Gefängnis kommen würde.
Betrüger erbeuten 100.000 Euro in Bad Cannstatt
Die Frau nahm die Geschichten offenbar für bare Münze und ging auf die Forderungen ein. Sie übergab an der Straße In den Wannenäckern insgesamt rund 100 000 Euro, verteilt auf drei Übergaben, bei denen je mehrere Zehntausend Euro die Besitzer wechselten. Der erste Abholer wird als etwa 37 Jahre alt beschrieben. Er ist etwa 1,70 Meter groß, trug eine weiße Jacke und hat schwarze Haare. Der zweite kam gegen 15 Uhr. Er hatte laut der Frau glatte weiße Haare und wirkte gepflegt. Eine Stunde später kam ein etwa 30 Jahre alte Mann, der auch weiße Haare hatte und 1,70 Meter groß war. Wie die Anrufer sprachen auch die Abholer Russisch mit der Seniorin.
Zeuginnen und Zeugen, die zu den Abholern etwas sagen können, werden gebeten, sich unter Telefon 0711/8990 5778 bei der Kriminalpolizei zu melden.
Am Freitag war es zu den ersten beiden bekanntgewordenen und bei der Polizei gemeldeten Anrufen dieser Art in Stuttgart gekommen. Zwei 86 und 87 Jahre alte Damen waren auf ähnliche Weise wie nun die Seniorin in Bad Cannstatt betrogen worden. Ob die Tatpersonen sich die Opfer gezielt aussuchen – etwa anhand der Namen im Telefonbuch oder über sonstige im Netz verfügbare Daten –, das ist für die Polizei nun ebenso ein Thema wie der Hintergrund der Täter: Die Frage ist, ob sie tatsächlich aus dem russischsprachigen Ausland anrufen. Auch wird zu klären sein, ob die Masche aufgrund der nun in Deutschland lebenden zahlreichen Ukrainer, von denen die meisten auch Russisch verstehen, vermehrt auftaucht. Noch liegen keine Erkenntnisse zu den Hintergründen vor, sagt ein Sprecher der Polizei.