Im Kommunikationszentrum: Monika Hirschle (Mitte) als Foto: Tobias Metz - Tobias Metz

Als Tratschweib Frau Boldinger hält Monika Hirschle alle Kommunikationsfäden in der Hand. Stets auf Lauschposten zwischen Treppen und Türen, verbreitet sie mit großer Genugtuung verdrehtes Halbwissen über ihre Mitbewohner.

StuttgartEr hat einen ziemlich miesen Ruf, erfreut sich aber größter Beliebtheit: der Tratsch. Die meisten Menschen tauschen sich leidenschaftlich gerne über andere, abwesende Mitmenschen aus. Lästern macht einfach Spaß. Aber keiner gibt’s zu. Auch Frau Boldinger nicht. Die Klatschbas in der Kittelschürze ist heimlich auf Horchposten und sorgt mit verdrehtem Halbwissen über ihre Mitbewohner für ordentlich „Tratsch em Treppahaus“. Der plattdeutsche Paradeschwank aus den 60er-Jahren hatte jetzt in einer modernisierten, schwäbischen Version in der Regie von Volker Jeck in der Stuttgarter Komödie im Marquardt Premiere.

Monika Hirschle, versierte Übersetzerin von Theaterstücken in Mundart, sorgte auch bei der Sozialkomödie des Flensburger Autors Jens Exler für das unnachahmliche schwäbische Flair in der Sprache und im Spiel. Die Glanzrolle des Tratschweibs ist ihr auf den Leib geschneidert, wenn sie hälinga leise im Mietshaus von Schlachtermeister Trambacher über den Treppenflur huscht und um Ecken lauscht, um Neues aus den Wohnungen von Ernst Brummer, ehemaliger Steuerinspektor, und der Witwe Hanne Knopf samt der illegalen Untermieter der Beiden zu erfahren. „Ich bin nicht neugierig. Ich nehme nur Anteil“, rechtfertigt sie ihr wunderfitziges Verhalten.

Das wäre ja völlig in Ordnung. Neugierde beflügelt. Allerdings puzzelt Frau Boldinger aus dem Gehörten ihre eigene Wahrheit und verbreitet sie mit großer Genugtuung nach der Devise „von mir hen se des aber net“. Dass diese Neuigkeiten meistens nicht nett sind, versteht sich von selbst. Mobbing würde man das heute nennen. Obwohl durchaus Boshaftigkeit hinter dem Kommunikationstrieb steckt, lässt Hirschle die Boldinger nicht heimtückisch wirken, wenn sie mal wieder sagt: „Net dass es mi was angehe dät, aber wondra dut’s mi doch …“ Das ist auf eine schlitzohrige Weise schwäbisch-charmant.

Letztlich ist das Lästern nicht nur das Verteilen von Klatschgeschichten über andere, sondern auch Sozialkitt, weil sich die restliche Hausgemeinschaft ebenfalls unterhält und gegen die Fake News solidarisiert. Das lässt sogar verfeindete Parteien zusammenrücken. Allerdings bedarf es eines kleinen Tricks von Frau Knopfs Untermieterin Silke Seefelder, die es zudem noch versteht, die Waffen einer Frau effektvoll einzusetzen. Antonia Leichtle, ein Neuzugang im Ensemble, bietet da mit bauchfreiem Top viel fürs Auge. Das lässt nicht nur die Hormone der in die Jahre gekommenen Herren im „Freudenhaus“ Cha-Cha-Cha tanzen. Der verheiratete Schwaben-Casanova Trambacher (Reinhold Weiser) versucht, bei der jungen Frau mit einem satten Ring Fleischwurst samt liebesroter Schleife zu landen, und Rentner Brummer lädt sie in seiner Funktion als Vorsitzender des örtlichen Kaninchenzuchtvereins zum Jubi­läumsfest ein. Ihr Herz hat sie aber bereits an Markus Brummer (Jörg Pauly), den Neffen des Hasenzüchters, verloren. Der junge Mann wohnt genau wie sie wegen Unstimmigkeiten mit dem Vater vorübergehend zur unerlaubten Untermiete im Haus, was Frau Boldinger Zustände wie in Sodom und Gomorra vermuten lässt.

Nach zahlreichen Verwicklungen und Verwechslungen, für deren epidemieartige Verbreitung der Flurfunk sorgt, herrscht am Ende im großzügigen Treppenhaus, das Leif-Erik Heine mit vielbenutzten Türen und Stiegen auf die Bühne gestellt hat, eitel Sonnenschein. Brummer und Knopf begraben ihr Kriegsbeil. Rührend, wie Norbert Aberle und Rose Kneissler das Volkslied „Schön ist die Jugend, sie kommt nicht mehr“ einträchtig trällern, während das Premierenpublikum begeistert applaudiert. Die beiden neuen Freunde tauschen sich aus und stellen fest, dass Klatschbas Boldinger die Fürsorge von Witwe Knopf in Form von Hefezopf und Treppenputzen für Brummer ganz eigennützig für sich beansprucht und auch noch Geld dafür kassiert hat. Die haarsträubende Geschichte, mit der sich das schwäbische Tratschweib rausredet, ist mindestens so hinreißend wie die büßerhafte Gestik von Darstellerin Hirschle, die am Ende ganz knitz sich selbst Absolution erteilt, indem sie einen Teil des Geldes an die Mitbewohnerin weitergibt und dabei mit dem Satz auftrumpft: „Es geht nix über eine gute Nachbarschaft.“

Erst Vater Seefelder (Armin Jung), der Tochter Silke zurückhaben möchte, kann sie in die Schranken weisen. Sie hält ihn für einen Kommissar und fürchtet die oft von den herabgewürdigten Mitbewohnern angedrohte Anzeige wegen übler Nachrede. Das Stück macht en passant deutlich, dass letztlich nur durch Solidarität dem Shitstorm in diesem ganz unvirtuellen sozialen Netzwerk beizukommen ist. Am Ende gab’s viel verdienten Applaus für einen kurzweiligen, Abend mit Sprachwitz, der trotz leichter Unterhaltung nicht ins Banale rutscht. Man konnte sich immer auch ein stückweit selbst erkennen. Lob für die glänzende Ensembleleistung.

Vorstellungen täglich außer montags bis 13. Januar.

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