Erst Finn Jeltsch und Luca Jaquez, jetzt Lazar Jovanovic und Noah Darvich – der Pokalsieger setzt bei den Verpflichtungen auf entwicklungsfähige Profis. Wir liefern die Hintergründe.
Lazar Jovanovic hat es kaum erwarten können. Ein neues Land, eine neue Stadt, ein neuer Verein. Im Grunde ist es ein neues Leben, das der 18-jährige Serbe mit dem Trainingsauftakt des VfB Stuttgart beginnt – mit der ganzen Aufregung, die sich damit verbindet. „Die Bundesliga zählt zu den fünf stärksten Ligen der Welt. Es ist ein Traum, hier spielen und sich weiterentwickeln zu dürfen“, sagt der Zugang von Roter Stern Belgrad über seine Hoffnungen.
Der Rechtsaußen kommt natürlich nicht als Soforthilfe zum VfB, sondern als Talent mit ersten Profi-Einsätzen und großer Perspektive. Er kann, muss aber nicht auf Anhieb funktionieren. Dazu braucht es vor dem Transfer aufseiten des VfB bei der Einschätzung der Neuen etwas Fantasie, um das fußballerische Potenzial in die Zukunft zu übertragen. Ein Muster stellt das mittlerweile dar, nach dem die Stuttgarter Scoutingabteilung gezielt fahndet. Jovanovic steht deshalb in einer Reihe mit weiteren jungen Verpflichtungen – und er wird nicht der Letzte sein.
Das sagt Sportchef Fabian Wohlgemuth
Noah Darvich unterschrieb kurz vor Jovanovic einen Vertrag beim Pokalsieger. Einst nahe am Status eines Wunderkindes, als ihn der FC Barcelona in seine Nachwuchsakademie holte, versucht der 18-jährige Mittelfeldspieler nun den Durchbruch beim VfB. Bereits im vergangenen Winter entschieden sich die Stuttgarter in Finn Jeltsch (18) und Luca Jaquez (22) ebenfalls für Zukunftslösungen in der Abwehr, im Sommer zuvor kam zum Beispiel Nick Woltemade (23) als Perspektivspieler für den Angriff.
Das Konzept ist erkennbar. Die Stuttgarter bevorzugen entwicklungsfähige statt erfahrene Kräfte, um die Mannschaft voranzubringen. „Es geht nicht um Alter allein oder andere Einzelattribute, sondern immer um Qualität“, sagt der Sportvorstand Fabian Wohlgemuth, „natürlich haben wir in den vergangenen zwei Jahren mehrfach die Erfahrung gemacht, dass sich Spieler in unserem sportlichen Umfeld hervorragend entwickeln. Schon deshalb ist es sinnvoll, einen Schwerpunkt auf entwicklungsfähige Spieler zu legen. Und das sind naturgemäß oft die jüngeren.“
Vor allem Jeltsch ist zu nennen. Der Verteidiger kam vom Zweitligisten 1. FC Nürnberg, überzeugte gleich, und seither haben die internen Diskussionen an der Mercedesstraße teilweise eine andere Note erhalten. Die VfB-Verantwortlichen sehen sich ermutigt, die Transferpolitik ständig anzupassen. Brauchen sie tatsächlich frische Führungskräfte, um das noch immer junge Team zu stabilisieren? Oder vertrauen sie darauf, dass der Chefcoach Sebastian Hoeneß die begabten Jungs schnell besser macht und der Erfolg der vergangenen zwei Jahre auf diese Weise nachhaltig gestaltet wird?
Groß denken, um in der Bundesliga wieder in das obere Tabellendrittel zu kommen, oder lieber kleiner denken und den vielleicht risikoreicheren Weg, den Stuttgarter Weg, nach oben gehen – das ist die Frage, die sich mit den gestiegenen Erwartungen nach der Champions-League-Saison stellt. Beantwortet wird sie vor der anstehenden Europa-League-Saison im Moment mit dem Motto: Mehr Jeltsch wagen! Es ist die strategische Verpflichtung von Spielern, die schon einiges kosten dürfen, denen aber in den nächsten Jahren eine erhebliche Marktwertsteigerung zugetraut wird. Davon will der VfB doppelt profitieren: sportlich und wirtschaftlich.
Paradebeispiel Finn Jeltsch
Siehe Jeltsch, dessen Basisablösesumme im Januar acht Millionen Euro betrug. Zwar flossen seither zusätzlich Boni in Richtung Franken, weil das Abwehrtalent häufig auflief – aber Jeltsch (U-17-Welt- und -Europameister) gilt als kommender Mann für die Nationalmannschaft. Das würde nicht nur einen Leistungssprung bedeuten, sondern ebenso den Preis erheblich heben. Für den neuen Rechtsverteidiger Lorenz Assignon (Stade Rennes) bezahlte der VfB mehr als elf Millionen Euro an Ablöse. Mit seinen 25 Jahren befindet sich der Franzose an der Schwelle zum gestandenen Profi und bildet schon fast eine Ausnahme.
In Giannis Konstantelias (22/Paok Saloniki) und Caspar Jander (22/1. FC Nürnberg) gehören die Wunschkandidaten für das Mittelfeld dann wieder klar zur Kategorie jung und spannend. Noch sind sie dem VfB jedoch zu teuer. Auch der Ersatz für den wieder abgegebenen Stürmer El Bilal Touré soll nicht zu den Älteren gehören. Von anerkannten Qualitätsspielern gerade für die Zentrale (Abwehr und Mittelfeld) sieht man im Augenblick ab. Jedoch stellt das alles kein Dogma dar. Es herrscht Pragmatismus.
„Mitte Juli ist es noch viel zu früh, grundsätzliche Aussagen zur Kaderplanung zu machen. Unsere Ausgangssituation hat sich deutlich verbessert – wir sind sportlich und wirtschaftlich attraktiver geworden. Aber auch die Tatsache, dass wir Abhängigkeiten wie etwa Ausstiegsklauseln deutlich zurückfahren konnten, hat unsere Gesamtposition deutlich verbessert. Das heißt, wir müssen nicht mehr über jeden Stock springen, den man uns hinhält“, sagt Wohlgemuth über die aktuellen Transferpläne des VfB.