Der Innenverteidiger hat sich für Borussia Dortmund entschieden. Das trifft den VfB Stuttgart hart. Doch nicht nur, weil der Bundesligist jetzt einen Ersatz für den Nationalspieler finden muss.
Er hat lange überlegt. Tagelang, vielleicht hatte Waldemar Anton sogar schlaflose Nächte, in denen er die Argumente hin und her wälzte. Alles inmitten der Heim-EM. Beim VfB Stuttgart hat Anton in Sebastian Hoeneß einen Trainer, der ihm vertraut und ihn noch einmal verbessert hat. Er führt eine Mannschaft an, die sich nicht nur auf dem Platz versteht. Er hat einen Arbeitgeber, der ihn extrem wertschätzt und das durch einen neuen Vertrag dokumentierte. Die Fans achten ihn und betrachten ihn als einen der ihren. Er lebt in einer Stadt, in der sich seine Familie wohlfühlt.
Doch Borussia Dortmund hat offenbar mehr zu bieten. In Nuri Sahin einen Trainer, der Anton ebenfalls eine Führungsrolle im Team zuschreibt. Es besteht eine Mannschaft, die seit Jahren in der Champions League auftritt, der Club ist für seine Erfolge und seine Emotionalität bekannt. Die Stadt ist sicher nicht so schön wie Stuttgart, aber man kann sich schon daran gewöhnen – und dann das viele Geld. Etwa acht Millionen Euro im Jahr, doppelt so viel wie bisher. Bis 2028.
Ein normaler Geschäftsvorgang?
Am Freitag hat Anton im Quartier der Nationalmannschaft in Herzogenaurach ein letztes Mal das Für und Wider abgewogen. Zwischen der Vorbereitung auf das Gruppenspiel an diesem Sonntag (21 Uhr/ARD) in Frankfurt gegen die Schweiz. Auflaufen wird Anton wohl nicht. Sein Bauch hat ihm dann jedoch gesagt, was er auf Vereinsebene zu tun hat. Anschließend wurde der VfB darüber informiert, dass er zum BVB wechseln wird. Ein normaler Geschäftsvorgang, da der 27-Jährige über eine Ausstiegsklausel in seinem Arbeitspapier verfügt. Für eine Ablösesumme von 23,5 Millionen Euro wird der Abwehrspieler aus seinem Kontrakt herausgekauft.
Im Clubhaus mit dem roten Dach hat die Nachricht niemanden mehr überrascht, da Antons Berater Arthur Beck zuvor schon vorstellig gewesen war und die Möglichkeit eines Transfers geäußert hatte. Zudem ist die Nähe Becks zu Sven Mislitat, dem einstigen VfB-Sportdirektor und aktuellen BVB-Kaderplaner, bekannt.
Dennoch trifft der Abgang des Kapitäns die Verantwortlichen um den Vorstandsvorsitzenden Alexander Wehrle und den baldigen Sportvorstand Fabian Wohlgemuth. Sie hatten ihm erst im vergangenen Januar einen höher dotierten Vertrag gegeben – in der Überzeugung, der Innenverteidiger werde eine Säule des neuen weiß-roten Konstrukts bleiben und dem Kern der Gruppe Halt geben.
Nur wenige Monate später ist alles anders. Trotz Vizemeisterschaft und der herrlichen Aussicht auf Spiele in der Königsklasse. Der Wechsel von Hiroki Ito zum FC Bayern München hat bei seinem Abwehrkollegen einiges ins Rutschen gebracht. Er sieht die erst zusammengewachsene VfB-Mannschaft bereits wieder auseinanderbrechen. Der Torjäger Serhou Guirassy wird kaum zu halten sein, und andere leistungsstarke Profis sind ebenfalls gefragt. Deniz Undav, Chris Führich, bald schon Enzo Millot, Angelo Stiller und Maximilian Mittelstädt – um nur einige zu nennen.
Parallele zum Abgang von Wataru Endo?
Wie Dominosteine könnten die nächsten Personalien fallen. Da hätten sich die VfB-Chefs samt der Fans gewünscht, dass der Nationalspieler standhaft bleibt und nicht gleich den westfälischen Verlockungen erliegt. Zumal Anton eine enge Bindung zum Club und seinem Anhang zugeschrieben worden ist.
Doch wenn die Romantik auf die Realität prallt, kann es wehtun. Anton wird nach der Euro 2024 nicht mehr zum VfB zurückkehren. Der Bundesligist braucht Ersatz für die bisherige Führungskraft. Geld dafür ist da. Jetzt muss Wohlgemuth nur den passenden Mann finden. Wie es dem Sportchef im vergangenen Jahr auch gelungen ist, als Wataru Endo die Stuttgarter verließ und zum FC Liverpool ging. Auch der Japaner war Kapitän und Identifikationsfigur.