Daniel Didavi (rechts) ist verletzt. Foto: dpa - dpa

Viel Ballbesitz, eine starke Passquote - und dennoch läuft es im Mittelfeld des VfB nicht rund. Im Heimspiel an diesem Sonntag gegen Holstein Kiel (13.30 Uhr) ist mehr Effizienz gefragt.

StuttgartGeht es allein nach den statistischen Kennziffern, so scheint im Spiel des VfB ja so weit alles in Butter zu sein. Immerhin verweist der Stuttgarter Trainer Tim Walter auf eine imposante Passquote seines Teams von 92 Prozent angekommener Bälle – und kommentiert: „Ich bin mit der Art und Weise, wie meine Jungs ihre Chancen herausspielen, sehr zufrieden.“

Das Bällchen läuft also immerzu durch die Reihen der Stuttgarter – und doch läuft es nicht wie am Schnürchen. Denn allzu oft erfüllen die Ballstafetten gerade im Mittelfeld nur ihren Selbstzweck, zu häufig kombiniert der VfB nur um des Kombinierens willen. Das reißt die Fans nicht von den Sitzen. Einen überzeugenden Saisonsieg jedenfalls ist der Fußball-Zweitligist bisher schuldig geblieben. Und wer bei 85 Prozent Ballbesitz wie in der zweiten Halbzeit beim 1:2 gegen das Schlusslicht SV Wehen-Wiesbaden kein Tor schießt, der kann seine Probleme nicht allein bei den Stürmern abladen – auch wenn Walter dazu sagt: „Das ist eine Frage der letzten Konsequenz.“

Doch es ist offensichtlich: Der Cheftrainer hat im Maschinenraum seines auf Offensive und bedingungslosen Ballbesitz getrimmten Teams, also im Mittelfeld, noch nicht den richtigen Mix der Akteure gefunden. Und zwar, um neben einem dominanten auch ein auf mehr Ertrag, sprich Torerfolge ausgerichtetes Spiel aufzuziehen. 15 Treffer hat der VfB bisher erzielt. Zum Vergleich: Der Tabellenletzte Wehen-Wiesbaden kommt auf 13.

Dabei ist das Problem kein quantitatives, denn auch ohne den nach einem Bündelriss in der Wade mindestens bis Dezember verhinderten Regisseur Daniel Didavi ist die Auswahl vor dem Heimspiel am Sonntag (13.30 Uhr) gegen Holstein Kiel im Mittelfeld eine große. Zehn Profis hat der VfB aktuell für das Mittelfeld unter Vertrag, wo Walter bisher taktisch vornehmlich auf die mit vier Spielern besetzte Raute baute.

Tatsächlich hat von den Mittelfeldspielern aber bisher noch keiner sein Topniveau erreicht, wobei der in der Raute links, rechts sowie vorne einsetzbare Ex-Sandhäuser Philipp Förster noch am nahesten an seiner Bestform dran ist.

Leichte bis mittelschwere Problemfälle gibt es dagegen einige im Mittelschiff des Traditionsdampfers VfB, wo der junge Tanguy Coulibaly und der Japaner Wataru Endo, der auf dem besten Weg hin zur Karteileiche ist, bisher noch gar keine Akzente setzen können.

Zieht man noch den jungen Argentinier Mateo Klimowicz (19) ab, der eher eine hängende Spitze ist, dazu den verletzten Daniel Didavi, bleiben gegen Kiel sechs Spieler, die um die vier Mittelfeldplätze konkurrieren. Allein in der Partie bei Arminia Bielefeld (1:0 für den VfB) rückte Tim Walter von seinem Grundprinzip mit der Raute ab, setzte auf eine „Tannenbaum-Taktik“, wie er es nannte, als in einem 4-2-3-1-System gar fünf Mittelfeldspieler aufliefen.

Schwierige Sechserposition

Das war, weil er dem zuweilen überforderten Atakan Karazor, der zu viele individuelle Fehler in seinem Spiel hat, im defensiven Mittelfeld mit Orel Mangala einmalig einen Kollegen zur Seite stellte. Der Sportdirektor Sven Mislintat nimmt Karazor grundsätzlich in Schutz: „Die Sechser-Position ist bei uns die komplexeste und schwierigste. Wenn die Absicherung nicht funktioniert, kannst du als Sechser schon mal schlecht aussehen.“ Santiago Ascacibar hingegen traut Walter die einfach besetzte Sechs nicht zu, was bereits zu einem emotionalen Ausbruch des ehrgeizigen Argentiniers samt anschließender clubinterner Sperre führte.

Während Ascacibar zentral nur mit Absicherung, aber eher auf der Außenposition eingesetzt wird, durfte Mangala beim 3:2-Sieg in Regensburg, dem bisher wohl besten Auftritt der VfB-Mittelfeldraute in dieser Spielzeit, anstelle von Karazor auf der Sechs ran. Der talentierte Belgier, 21, spielte in Regensburg glänzend, schwankt für eine Leaderrolle aber noch zu stark in seinen Leistungen, was sich in der anschließenden Partie gegen Fürth (2:0) zeigte.

Bleibt neben dem stets uneitel auftretenden Nischenspieler Gonzalo Castro („Der Trainer entscheidet, wo ich spiele“) noch Philipp Klement, der noch deutlich seiner Form der Vorsaison hinterherhinkt. Da trumpfte er für den Aufsteiger SC Paderborn mit 16 Zweitligatoren bei sieben Vorlagen auf. Zwar wurde Klement von Verletzungen zurückgeworfen – doch es hat den Anschein, als sei der 27-Jährige bis heute nicht mit dem Walter-System warm geworden. Dabei könnte das VfB-Mittelfeldspiel seine individuell herausragenden Momente der Vorsaison gut gebrauchen. Am besten gleich am Sonntag gegen Holstein Kiel.

VfB-Vize Gaiser kontert Berthold

Der VfB Stuttgart hat mit einer gewissen Verwunderung auf Interviewaussagen von Thomas Berthold reagiert. Der frühere Nationalspieler hatte im Gespräch mit der Stuttgarter Zeitung unter anderem kritisiert, dass der VfB-Aufsichtsrat das Stellenprofil für den Vorstandsvorsitzenden der AG geändert habe, nur damit Thomas Hitzlsperger aus den eigenen Reihen den Posten übernehmen könne. „Die Äußerung von Thomas Berthold zum Anforderungsprofil des Vorstandsvorsitzenden, jahrelange Managementerfahrung in einem großen Wirtschaftsunternehmen sei als Voraussetzung formuliert gewesen, ist falsch“, sagt Bernd Gaiser. Der VfB-Vizepräsident ist seit dem Rücktritt von Wolfgang Dietrich als Vereinspräsident der Aufsichtsratschef und hat das Auswahlverfahren eng begleitet. Hitzlsperger, der im Februar zum Sportvorstand berufen worden war, wurde nun zum neuen starken Mann befördert.

Gaiser nimmt auch Stellung zu Bertholds Gedanken, die Mercedes-Benz-Arena in Bad Cannstatt zu verlassen und ein Stadion vor den Toren Stuttgarts bauen zu lassen. „Seinen Vorstoß, es sollte eine ganz neue Fußballarena auf den Fildern gebaut werden, hält der VfB nicht für sinnvoll“, sagt Gaiser. Hintergrund ist, dass die traditionsreiche Sportstätte zur Fußball-EM 2024 erneut umgebaut werden soll. Kostenpunkt: 65 Millionen Euro. Der VfB und die Stadt Stuttgart, die an der Eigentumsgesellschaft der Arena beteiligt sind, befinden sich in Gesprächen über die geplante Modernisierung.

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