Waleri Belenki war vier Jahre lang Bundestrainer der deutschen Turner. Nun ist er zurück beim Nachwuchs – was auch eine Familienangelegenheit für ihn ist.
Ein Gespräch außerhalb der Trainingshalle? Ist möglich. Ergibt für Waleri Belenki aber irgendwie wenig Sinn. Also steht er weiter auf der Matte, lehnt den einen Arm auf das Pauschenpferd und winkt den Besucher mit dem anderen herbei. Das Gute an dem Plausch mitten im Geschehen: Belenki kann sich im Multitasking beweisen.
Also erzählt er einerseits über seine neue Rolle, seit er im vergangenen Herbst das Amt des Bundestrainers der deutschen Turner abgegeben hat. Und andererseits kann er währenddessen auch noch Anweisungen an den jungen Turner geben, der da gerade wieder und wieder Elemente an den Ringen übt. „Er“, sagt er über den 14-jährigen Alexander und wirft einen weiteren Blick über die Schulter, „entwickelt sich gut.“ Um dann noch mehr zu erzählen über den Nachwuchsturner.
Dass dieser auch mal bockig sein kann, wenn etwas nicht so klappt, wie es soll. Dass dieser manchmal zu viel will und er ihn dann auch mal bremsen muss. Dass dieser sich gerne spektakuläre Turnvideos von Simone Biles anschaut. Dass Alexander, den Belenki nur „Sascha“ nennt, derzeit in die siebte Klasse geht. Und dass das Pauschenpferd dessen Lieblingsgerät ist. Letzteres ist kein Wunder – Alexander ist der Sohn von Waleri Belenki.
„Ich versuche, ihn nicht anders zu behandeln als alle anderen auch“, sagt der Mann, der einst Weltmeister am Pauschenpferd war – und macht damit klar, dass er nun nicht mehr der Chefcoach ist, der Deutschlands beste erwachsene Turner auf Europa-, Weltmeisterschaften und Olympische Spiele vorbereitet. Sondern sich nun dem Nachwuchs widmet. „Ich bin zufrieden“, sagt Waleri Belenki, „es macht Spaß, mit den jungen Turnern zu arbeiten.“ Und: „Es ist jetzt auch wieder ein bisschen ruhiger.“
Mindestens an 180 Tagen im Jahr, rechnet der heute 55-Jährige vor, sei er seit vielen Jahren unterwegs gewesen – auf Wettkämpfen oder in Trainingslagern. Und damit war es nicht genug. „In diesem Amt“, sagt er, „befindest du dich ständig im Stress. Du gehst mit all den Gedanken jeden Abend ins Bett.“ Vor allem, wenn die Rahmenbedingungen schwierig sind.
Mitte 2020 übernahm Belenki – er war seit 2002 Landestrainer in Stuttgart beim Schwäbischen Turnerbund (STB) – die Verantwortung für die Topriege des Deutschen Turnerbundes (DTB), wurde erst zum Olympiatrainer, dann zur festen Lösung auf diesem Posten. Er feierte Erfolge in dieser Zeit, wie Olympiasilber und den WM-Titel von Lukas Dauser oder die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Paris. Aber es gab auch immer wieder schwierige Phasen und von Verletzungen geprägte Zeiten. „Wenn du als Bundestrainer nur wenige Turner zur Verfügung hast, dann fährst du immer die sparsame Nummer“, beschreibt Belenki die Tatsache, dass es in Lehrgängen auch oft darum ging, Folgeverletzungen der wenigen Topturner zu vermeiden. Weiterer wichtiger Bestandteil der Arbeit des obersten Übungsleiters: Turner und Heimtrainer wieder und wieder vom eigenen Weg zu überzeugen. „Das“, sagt Waleri Belenki, der 1992 Team-Olympiasieger mit der Gemeinschaft unabhängiger Staaten (ehemalige Sowjetunion) wurde, „ist in diesem Job das Schwierigste.“ Er macht keinen Hehl daraus, dass es nicht immer einfach war, seine eigene Meinung mit jeder der Heimtrainer und Turner übereinander zu bringen. Dennoch hätte er diesen anstrengenden Job auch weitere Jahre behalten.
Unterstützung für den Nachfolger
Belenki hatte dem DTB signalisiert, weiter zur Verfügung zu stehen – aber auch versichert: „Wenn es jemanden anderes gibt, der das machen möchte, dann macht das mit ihm.“ Und als Jens Milbradt dann zugesagt hatte, war für Belenki das Kapitel Bundestrainer im Herbst des vergangenen Jahres tatsächlich zu Ende. Wobei es weit mehr als nur Berührungspunkte gibt. Zum einen hat Belenki seinem Nachfolger die volle Unterstützung versichert („Jens hat eine schwierige Aufgabe, aber er ist einer unserer besten Trainer und ich helfe, wo ich kann“), ist bei einzelnen Lehrgängen oder Wettkämpfen des Nationalteams mit dabei. Andererseits sieht er seine neue Aufgabe darin, für das Nationalteam neue Optionen zu entwickeln.
Als Coach am Bundesstützpunkt in Stuttgart will Waleri Belenki im Team mit Jörg Schwaiger zum anderen dafür sorgen, dass in den nächsten Jahren die heute noch sehr jungen Turner wieder den Druck auf die Arrivierten erhöhen können. „Wir müssen“, sagt der erfahrene Coach, „bei den Jungen gute Arbeit leisten.“ So, wie ihm das früher schon einmal gelungen ist, als er unter anderem Marcel Nguyen in die Weltspitze und zu Olympiasilber führte.
Langweilig wird ihm dabei nicht werden, auch wenn der Druck und Zeitaufwand, den er als Bundestrainer hatte, etwas nachgelassen hat. Aber: Turnierdirektor des DTB-Pokals ist er ja auch noch. Und damit weiter mittendrin.