Engagiert an der Seitenlinie: Julian Schuster hat seit diesem Sommer beim SC Freiburg das sportliche Sagen. Foto: imago/osnapix//Titgemeyer

Der neue Freiburger Cheftrainer spricht über das wöchentliche Fußballschauen mit seinem Vorgänger, die Ziele für die neue Saison – und erzählt, wie er 2005 beim VfB die Verantwortlichen von seiner Verpflichtung überzeugte.

Beim SC Freiburg hat eine neue Zeitrechnung begonnen: Nach mehr als zwölf Jahren unter der Ägide von Christian Streich steht Julian Schuster an der Seitenlinie in der Verantwortung. Vor dem Bundesliga-Auftakt gegen den VfB Stuttgart an diesem Samstag (15.30 Uhr/Liveticker) spricht der neue Cheftrainer über das Erbe seines Vorgängers, die Besonderheiten des Standorts im Breisgau – und seine Anfänge in Bad Cannstatt.

Herr Schuster, Ihre erste Saison als Bundesliga-Cheftrainer steht an. Was macht die Anspannung?

Ich wundere mich selbst ein bisschen, aber ich bin sehr entspannt. Die Mannschaft hat in der Vorbereitung super gearbeitet, der Fokus ist voll da. Das sorgt für ein gutes Gefühl.

Sie haben ja nicht irgendeine Stelle angetreten, die Fußstapfen von Christian Streich sind riesig. Haben Sie lange überlegt?

Nein. Ich war mir von Anfang an klar: Wenn dieses Angebot kommt, werde ich es machen. Die Fußstapfen müssen wir ohnehin alle gemeinsam füllen, das kann niemand alleine. Christian hat den Verein ganz lange auf außergewöhnliche Weise geprägt.

Haben Sie noch Kontakt zu ihm?

Regelmäßig sogar. Wir wohnen im gleichen Stadtteil, unsere Söhne spielen in derselben Mannschaft. Da sehen wir uns quasi wöchentlich . . .

. . . und stehen dann am Spielfeldrand an der Stange und unterhalten sich?

Genauso ist es. Wir schauen uns das Jugendspiel an und quatschen über unsere Söhne oder andere Dinge. Aber das bleibt natürlich unter uns.

Christian Streich hat den SC Freiburg über viele Jahre trainiert und geprägt. Foto: dpa/Tom Weller

Was Sie verbindet: Sie waren beide schon lange in Freiburg, bevor die Beförderung zum Profitrainer folgte. Erleichtert das den Einstieg?

Es wäre für mich definitiv viel schwieriger gewesen, woanders als Bundesliga-Trainer zu beginnen. Ich kenne den Verein und viele Spieler, das hat am Anfang eine Menge Zeit gespart. Wer braucht Nähe, wer braucht Härte? Diese Kennenlernphase ist weggefallen.

Mit vielen Ihrer jetzigen Profis haben Sie sogar noch zusammengespielt. Werden Sie eigentlich geduzt oder gesiezt?

Das überlasse ich jedem selbst. Niemand, der mich vorher geduzt hat, muss jetzt mit dem Sie kommen. Da macht man sich unglaubwürdig, Autorität hängt nicht von der Anrede ab. Ohnehin habe ich auch schon als Spieler gerne Verantwortung übernommen, nicht erst jetzt. Als Kapitän muss man die Dinge auch mal klar ansprechen – darüber hinaus haben meine körperlichen Voraussetzungen mich gezwungen, früh wie ein Trainer zu denken.

Das müssen Sie erklären.

Ich war weder besonders schnell noch besonders kräftig. Also musste ich mir durch taktisches Verhalten Vorteile verschaffen. Dadurch habe ich mir schon während meiner Profikarriere oft Gedanken über das Spiel gemacht.

Sie sind 2008 zum SC gekommen. Der Verein war in der zweiten Liga, der Zuschauerschnitt lag bei 16 000.

Es ist schon bemerkenswert, wie rasant und positiv sich der Club entwickelt hat. Zugleich ist es sehr wichtig, dass wir weiterhin der SC Freiburg bleiben und die Bodenständigkeit unserer Vorgänger weiterleben und nach außen tragen. Das spüre ich.

Ist das nicht schwierig? Der SC ist ja auch längst fest etabliert im schnelllebigen Profigeschäft.

Ich denke immer noch, dass wir ein Standort sind, der eine gewisse Ruhe ausstrahlt. Ich genieße es, mich hier auf das Wesentliche konzentrieren zu können. Ein unruhiges Umfeld kann auch Energie rauben. Aber natürlich haben wir eine andere Aufmerksamkeit als 2008, die Ansprüche sind gestiegen.

Wie muss die Saison laufen, dass Sie im Mai 2025 zufrieden sind?

Grundsätzlich gilt es, fester Bestandteil der Bundesliga zu sein. Das Beispiel Union Berlin in der Vorsaison zeigt, wie schnell man aus der oberen Tabellenhälfte in die Abstiegszone abrutschen kann. Wir sehen uns aber gut aufgestellt, der interne Konkurrenzkampf ist hoch. In fußballerischer Hinsicht bin ich zufrieden, wenn wir uns als Mannschaft entwickeln und verbessern. Dieses Ziel ist täglich im Training messbar. Und wenn wir das erreichen, können wir auch eine gute Rolle spielen.

Mit welchem Spielstil möchten Sie das erreichen?

Es geht nicht um meinen Stil, sondern um den des SC Freiburg. Der muss ein Stück weit unabhängig sein von der persönlichen Idee des Trainers. Unsere absolute Grundlage ist hier immer die Leidenschaft, das Zusammengehörigkeitsgefühl. Darauf aufbauend denken wir den Fußball vom Ball aus. Mit Ball wollen wir immer viele flexible Lösungen parat haben, gegen den Ball extrem unangenehm sein. Und traditionell haben uns auch Standards ausgezeichnet, das wollen wir unbedingt beibehalten.

Erlauben Sie eine etwas provokante Frage: Ist es gut, dass sich der SC nicht für das internationale Geschäft qualifiziert hat? So bleibt Ihnen als neuem Trainer mehr Zeit, um all das mit der Mannschaft einzustudieren.

Ein klares Nein, das ist nicht gut. Zum einen sind Spiele die beste Vorbereitung. Und zum anderen sind wir alle sehr ehrgeizig und durften sehr schöne Erfahrungen auf internationaler Bühne machen. Das waren tolle Tage, die wir gerne wieder erleben würden. Unser Hauptfokus lag und liegt aber unabhängig davon immer auf der Liga.

Dort geht es am Samstag zum Auftakt gegen den VfB. Wie schätzen Sie die Mannschaft ein?

Sehr gut. Sie haben tolle Ansätze mit Ball, eine klare Handschrift und eingespielte Abläufe. Das wirkt alles sehr gefestigt. Man merkt richtig, wie das Trainerteam die Mannschaft erreicht. Und der Kader passt genau zur Spielidee. Ich traue ihnen auf jeden Fall wieder zu, eine starke Saison zu spielen.

Sie haben selbst beim VfB Ihre ersten Schritte im bezahlten Fußball gemacht. Ist das Spiel etwas Besonderes für Sie?

Ohne Wenn und Aber. Für mich hat sich dort die Türe zum Profifußball geöffnet, wofür ich dem Verein ein Leben lang dankbar sein werde. Auch, wenn ich die Verantwortlichen damals etwas bearbeiten musste. (schmunzelt)

Erzählen Sie.

Ich habe beim FV Löchgau in der Bezirksliga gespielt und durfte ein Probetraining bei der U 21 des VfB machen. Rainer Adrion war damals Trainer und hat mir mitgeteilt, dass sie mich erst einmal noch eine Weile beobachten wollen. Das habe ich so nicht stehen lassen und bin ihm ein bisschen auf die Nerven gegangen (lacht), bis er sich dann irgendwann intern beim VfB für mich eingesetzt hat. Am Ende hat es geklappt, das war ein Riesensprung um vier Ligen und keine Selbstverständlichkeit bei dem großen Angebot an Toptalenten. Aber im ersten Spiel stand ich dann in der Startelf, es hat sich gelohnt zu kämpfen. Mit Rainer habe ich bis heute immer wieder Kontakt.

Auch noch mit weiteren VfB-Protagonisten?

Mein Abschied ist schon 16 Jahre her, da ist viel passiert. Aber Personen wie Günther Schäfer (Teambetreuer, Anm. d. Red.) sind ja nach wie vor dabei. Es ist immer wieder schön, sie zu sehen wie jetzt am Samstag.

Was erwarten Sie von dem Spiel gegen den VfB?

Erst einmal freuen wir uns sehr über ein Heimspiel, das hatten wir in den vergangenen Jahren zum Auftakt nicht. Es wird von der ersten Minute an intensiv werden, da müssen wir die Emotionen auch ein Stück weit steuern. Vor allem aber erwarte ich zwei Mannschaften, die Wert auf guten Fußball legen und sich alles abverlangen werden.

Seit 16 Jahren beim SC Freiburg

Sportliches
Julian Schuster (39) begann seine Profikarriere 2005 beim VfB, ehe es ihn 2008 zum SC Freiburg zog. Dort absolvierte er in zehn Jahren 242 Pflichtspiele, war Kapitän und nach dem Karriereende Verbindungstrainer zwischen Jugend und Profis. Seit dem 1. Juli ist er Cheftrainer der Bundesliga-Mannschaft.

Persönliches
Der gebürtige Bietigheimer hat eine abgeschlossene Berufsausbildung als Bankkaufmann. Er wohnt mit seinen vier Kindern und seiner Frau Sarah im Freiburger Osten.