Als Spieler ist Xavi Hernández eine Legende beim FC Barcelona. Nun soll er den kriselnden Club als Trainer zurück in die Erfolgsspur führen. Wie geht er diese Mission an?
Barcelona - Bevor es losging, war es irgendwie leichter. Da sagte Xavi Hernández ganz nonchalant, dass er als Trainer des FC Barcelona weniger Druck spüre denn früher als Spieler. Nach dem Auftakt, einem qualvoll-duseligen 1:0 am Samstag im Stadtderby gegen Espanyol, wollte er diese Aussage schon nicht mehr wiederholen: „Als Spieler hat man mehr Spaß, so viel ist sicher“, erklärte er nur.
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Es ist die Krux eines Einstiegs mitten in der Saison: ohne Krise kein Trainerwechsel, deshalb geht es tendenziell gleich um alles. Wo in der Liga bei zehn Punkten Rückstand nicht der letzte Anschluss nach oben verpasst werden durfte, wird in der Champions League gegen Benfica Lissabon an diesem Dienstag (21 Uhr) der Einzug ins Achtelfinale verhandelt. Alles andere als ein Sieg würde Barça wohl zu einem Erfolg in zwei Wochen bei Bayern München verpflichten. Angesichts der Chancenlosigkeit gegen die Bayern beim Hinspiel zu Hause (0:3) keine sonderlich ermutigende Aussicht für die Katalanen – die bei einem Schuldenstand von offiziell 1,35 Milliarden Euro gleichzeitig mehr denn je auf die Millionen aus der K.-o.-Runde angewiesen sind.
Probleme in der Offensive
Dass in Xavi nun wieder eine Legende die Bühne der Champions League betritt, sechs Jahre nach seinem Abschied als Spieler? Der Mann mit den drittmeisten Einsätzen der Geschichte (157), derjenige, um den das wohl beste Team kreiselte, das der Wettbewerb je gesehen hat? Alles fast Randnotizen in dieser bleiernen Zeit, in der Barça nach vier Spielen mit einer Tordifferenz von 2:6 Toren dasteht – weil sie sich gerade so eben zu zwei 1:0-Siegen gegen Dinamo Kiew murksten. Dessen erfahrener Trainer Mircea Lucescu sagte im Zuge dieser Auseinandersetzungen übrigens, er sehe Benfica als Favorit für das Weiterkommen neben den Bayern.
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Clublegende Xavi müsste nicht nur Heilsbringer, sondern auch Magier sein, um die Probleme dieser Mannschaft wegzuzaubern. Sie ist physisch offenkundig in keinem guten Zustand, ihre besten vier Angreifer sind entweder gegangen (Lionel Messi, Antoine Griezmann) oder verletzt (Ansu Fati, Ousmane Dembélé), es wird angesichts der Schulden wohl auch im Winter „kein Euro“ (Sportdirektor Mateu Alemany) für Verstärkungen da sein, und die etlichen Talente – einziger Hoffnungsschimmer – müssen in zu großer Zahl und mit zu viel Verantwortung spielen.
„Der schwierigste Club der Welt“
Xavi ahnte natürlich schon vor seinem Amtsantritt am 8. November als Nachfolger von Ronald Koeman die Herausforderung. Ein Pflichtspiel später „hat er gemerkt, dass es noch schlimmer ist“, wie die clubnahe „Sport“ schreibt. Wo Heimspiele gegen das kleinere Espanyol normalerweise Spaziergänge ohne größere Geschichte sind, brauchte Barça am Samstag einen schmeichelhaften Elfmeterpfiff und viel Glück bei der gegnerischen Schlussoffensive mit zwei Pfostentreffern. Es war ein Sieg des Durchhaltens, des Irgendwie, ein Sieg, wie ihn der ehemalige Künstler Xavi bei seiner Vorstellung vor zwei Wochen noch verpönte, als er sagte: „Barça ist der schwierigste Club der Welt, weil es hier nicht reicht, nur zu gewinnen.“ Aber immerhin: Es war ein Sieg. Fortüne ist nicht die schlechteste Eigenschaft für einen Trainer.
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„Flor“ nennen sie das in Spanien, nach dem Derby wurde die „Blume“ nun Xavi zugeschrieben, wie in der Vergangenheit oft Zinédine Zidane bei Real Madrid. Allerdings endet da auch schon der Vergleich mit dem Franzosen, der im Januar 2016 ebenfalls als Ex-Spielmacher in der Not einstieg und zweieinhalb Jahre später mit drei Champions-League-Titeln dastand. Zidane fand in Madrid ein eingespieltes Team mit etlichen Stars im besten Alter vor, die einfach nur mit seinem Vorgänger gefremdelt hatten. Auch Pep Guardiola, die jüngste Referenz in Barcelona für Legenden als Spieler und Trainer, startete 2008 mit ganz anderem Personal; unter anderem mit einem Xavi, der gerade zum besten Spieler der EM gewählt worden war.
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Im Barça 2021 reicht es immerhin für einen „Golden Boy“ des besten Nachwuchsspielers: der 18-jährige Pedri wurde nach seinem sensationellen Debütjahr zum Nachfolger von Erling Haaland (Borussia Dortmund) gewählt. Xavi nützt das freilich erst mal wenig. Pedri ist verletzt, der Preis des schnellen Aufstiegs. Vorige Saison war er gleich so wichtig, dass er immer spielte und vom Verband auch noch für EM und Olympia nominiert wurde. Nun ist er so müde, dass es seit Monaten von Blessur zu Blessur geht.