Der Göppinger Kreistagsausschuss streicht ein beliebtes Angebot für Touristen und Ausflügler. Die Mitglieder sind sich mit dem Landrat einig: Das Angebot ist mit 60 000 Euro zu teuer. Amtsleiter Jörg-Michael Wienecke wirbt vergeblich um einen Kompromiss.
Es war ein Angebot zur Tourismusförderung im vom Land als fahrradfreundlich ausgezeichneten Kreis Göppingen – doch nun ist es Geschichte: Einstimmig hat der Umwelt- und Verkehrsausschuss des Kreistags das Aus für den Radwanderbus auf den Reußenstein bei Wiesensteig beschlossen, die Saison wurde am Wochenende ohnehin beendet, der Betrieb wird im kommenden Jahr nicht wieder aufgenommen.
Zuschuss von knapp 38 Euro pro Person und Fahrt erscheint zu hoch
„Es war ein bewährtes Konzept und hat den Tagestourismus gestärkt“, räumte Landrat Edgar Wolff zu Beginn der Debatte ein, doch dem Landkreis geht das Geld aus: „Die Weiterführung des Angebots als Freiwilligkeitsleistung des Landkreises“ wird infrage gestellt, heißt es in der Beschlussvorlage des Amts für Mobilität und Verkehrsinfrastruktur. Denn: „Der Finanzierungsaufwand von rund 60 000 Euro pro Saison könnte einen nennenswerten Beitrag zur Entlastung der angespannten Finanzlage leisten.“ Und die Lage ist nicht rosig: Auf 43,7 Millionen Euro soll sich die Schuldenaufnahme im kommenden Jahr belaufen, der Schuldenstand zum 1. Januar 2025 beträgt 237,9 Millionen Euro, der größte Brocken sind die ausufernden Kosten für den Neubau der Klinik, erstmals seit Jahren soll die Kreisumlage wieder erhöht werden. Das Sozialticket im Nahverkehr hatte der Ausschuss in seiner vorhergehenden Sitzung bereits gestrichen.
Seit 2015 fährt der Bus in Kooperation mit dem Landkreis Esslingen von Göppingen und Kirchheim/Teck auf den Reußenstein, 2017 wurde aus dem Projekt ein Linienverkehr im Regelbetrieb, von Mai bis Oktober fuhr der Bus an Sonn- und Feiertagen. Und kampflos wollte Amtsleiter Jörg-Michael Wienecke den Freizeitbus nicht aufgeben: „Dass dieses Projekt am 1. Mai 2025 seinen zehnten Geburtstag nicht erreichen wird, schmerzt sehr“, gestand er den Ausschussmitgliedern. „Die Busse erfreuten sich großer Beliebtheit in der Bevölkerung“, merkte er in der Vorlage an.
So unterbreitete Wienecke einen Kompromissvorschlag: Statt sechs Fahrten am Tag sollte nur noch vormittags zweimal von Göppingen auf den Reußenstein gefahren werden, statt 60 000 fielen dann nur noch 20 000 Euro Kosten an. Immerhin seien die beiden Linien im vergangenen Jahr von 1580 Fahrgästen genutzt worden, fürs laufende, noch nicht ausgewertete Jahr geht Wienecke von höheren Fahrgastzahlen aus. 60 000 Euro für 1580 Nutzer, das bedeutet allerdings auch ein Zuschuss von knapp 38 Euro pro Person und Fahrt. Zu viel, das fand nicht nur das Finanzdezernat, auch die Kreisräte konnten sich mit dieser Summe nicht anfreunden.
Nicht mal mit Wieneckes Kompromiss: „Ohne touristische Infrastruktur kein Tourismus“, konstatierte Ulrike Haas (Grüne), befand aber dennoch: „Wir müssen Prioritäten setzen, die liegen im Alltagsverkehr.“ Wegen der hohen Kosten pro Fahrgast war für Rudi Bauer (Freie Wähler) klar: „Wir müssen in den sauren Apfel beißen.“ Ins selbe Horn stieß Rainer Staib (CDU): „Es wäre sicher wünschenswert, den Bus weiter anzubieten, aber wir werden der Streichung schweren Herzens zustimmen.“ Auch die SPD werde – ebenfalls „schweren Herzens“ – zustimmen, sagte Fraktionsvorsitzender Benjamin Christian: „Ich spare lieber bei einem Projekt ein, das nicht direkt in den Alltag der Menschen wirkt.“ Dem Vorschlag von AfD-Kreisrat Michael Wittmann, eine Art Rufbus-System zu etablieren, erteilte Wienecke eine Absage: Das sei organisatorisch nicht machbar.
Hoffen auf bessere Zeiten
„Ich bin Ihnen dankbar, dass wir da eine einhellige Sicht haben“, sagte Wolff am Ende der Diskussion zu den Ausschussmitgliedern. „Wir müssen das Wünschenswerte vom Machbaren trennen.“
Auch Jörg-Michael Wienecke wandte sich an die Kreisrätin und die Kreisräte – und gestand: „Ich bin komplett nicht Ihrer Auffassung, und das ist das erste Mal so.“ Er hatte an seinen Kompromiss geglaubt: „Die 20 000 Euro hätten wir mit anderen Maßnahmen gegenrechnen können.“ Doch der langjährige Amtsleiter gab sich versöhnlich: „Das ist alles bedauerlich, aber davon geht die Welt nicht unter.“ Und schließlich gebe es die Hoffnung, dass auch wieder bessere Zeiten kommen.
Fast zehn Jahre Radwanderbus
Fahrradfreundlicher Landkreis
Diese Auszeichnung des Landes trägt der Landkreis Göppingen als erster Kreis in Baden-Württemberg seit 2014. Der Radwanderbus fuhr seit Mai 2015 in Kooperation mit dem Landkreis Esslingen auf zwei Linien von Göppingen und Kirchheim/Teck auf den Reußenstein, 2017 wurde daraus ein Linienverkehr im Regelbetrieb. Von Mai bis Oktober fuhren die Busse an Sonn- und Feiertagen im Ein- und Zweistunden-Takt.