Mit seinen Stichwortzetteln ist Tobias Hardt immer bestens vorbereitet. Foto: Weller - Weller

Tobias Hardt, der für die Linke dem Esslinger Gemeinderat angehört, ist nahezu erblindet. Trotzdem engagiert er sich für seine Stadt und betreibt dafür großen Aufwand.

EsslingenTobias Hardt und seine Zettel: Auf ihnen stehen Stichworte in Großbuchstaben und immer wieder führt er das Papier nahe vor sein linkes Auge, um dann seinen Gedankengang forzusetzen. Der 55-Jährige hält seine Reden im Prinzip frei, auch wenn es etwa während der Haushaltsberatungen um längere Ausführungen geht. Von Geburt an musste Tobias Hardt mit dem Grünen Star kämpfen. Er hat mittlerweile die vierte Hornhautverpflanzung hinter sich und besitzt auf dem linken Auge nur noch zwischen zwei und vier Prozent Sehkraft. Rechts sieht er gar nichts mehr. Trotzdem hat Hardt sich auf die Kommunalpolitik eingelassen und ein Ehrenamt gewählt, das viel Zeit und Flexibilität erfordert. „Mit weniger sehen können hört das Leben nicht auf“, sagt Tobias Hardt. „Der Kopf funktioniert ja noch.“

Die Technik hilft

Seine rheinländischen Wurzeln kann Tobias Hardt nicht verleugnen. Will er auch gar nicht: „Ich lebe gern“, sagt der Mann, der ebenso gern lacht und sein Handicap nicht als Vorwand nimmt, sich aus dem Leben auszuklinken. „Ich kann mitdenken, mitreden und mitgestalten“, unterstreicht Hardt, der Die Linke im Esslinger Gemeinderat vertritt. Natürlich übt er sein Ehrenamt unter erschwerten Bedingungen aus. Schwergewichtige Verwaltungsvorlagen schnell überfliegen, um sich erst einmal einen Überblick zu verschaffen, scheidet für den Stadtrat aus. Er ist auf technische Hilfmittel angewiesen, die es immerhin gibt. Über die entsprechenden Programme liest der Computer die Texte laut vor – das kostet Zeit, auch weil man sich das ganze Werk einverleiben muss und erst dann weiß, was wichtig ist, und was nicht. Dann folgen, um im Gemeinderat und in den Ausschüssen mitreden zu können, eben jene Zettel mit den Stichworten darauf.

Die Aussicht, dass sich Tobias Hardts Sehvermögen bessert, besteht nicht. Rechtlich gilt er bereits als erblindet und vor anderthalb Jahren musste er seine Arbeit als Mitarbeiter in einem Kindergarten in Köngen aufgeben, weil es einfach nicht mehr ging. Der Sozialpädagoge hat die Flinte nicht ins Korn geworfen, kümmert sich zu Hause um dies und jenes, was im Haushalt zu erledigen ist, und engagiert sich für seine Partei und sein Stadtratsmandat, für das er sich im Mai wieder bewirbt.

Tobias Hardt macht kein Hehl daraus, dass er auf Unterstützung und auf eine gewissen Rücksicht angewiesen ist, um sein Ehrenamt gut ausfüllen zu können. Und dann kommt es schon einmal vor, dass er den Vortrag eines Referenten unterbricht, der mit einem Beamer Karten und Skizzen an die Wand geworfen hat, etwa um die Pläne für ein neues Baugebiet zu erklären. „Bitte sagen Sie mir, wo genau wir uns gerade bewegen“, sagt Hardt dann. Er kann sich an keine Situation erinnern, in der nicht prompt auf sein Anliegen eingegangen worden wäre. „Auch die Kolleginnen und Kollegen der anderen Parteien sind sehr hilfsbereit, es ist ein faires Miteinander“, unterstreicht Hardt. Obwohl er die Räumlichkeiten im Alten Rathaus mittlerweile in- und auswendig kennt, „vor allem die Balken“, bietet so mancher Kollege und so manche Kollegin bereitwillig den Arm an. „Man muss mit seinem Handicap offen umgehen – man braucht Hilfe, und das funktioniert auch“, so Tobias Hardts Erfahrungen. Das gilt auch für kleine und sympathische Gesten wie die Tasse Kaffee, die für ihn zu Sitzungsbeginn serviert und die dankbar angenommen wird.

Dass die Belange behinderter Menschen nicht immer die Rolle spielen, die sie spielen sollten, hat Tobias Hardt während eines Ortstermins im Esslinger Neckarfreibad erlebt, das gerade saniert wird. Kein Blindenleitsystem ließ sich mit seinem Stock ertasten – „ tatsächlich war ein solches System im Zuge der Modernisierung auch gar nicht vorgesehen“, berichtet Hardt. Das hat sich nun geändert. Auf dem Boden werden geriffelte Platten als Orientierungshilfe für sehbehinderte Menschen verlegt.

Kann Tobias Hardt Menschen mit Handicap guten Gewissens zuraten, sich kommunalpolitische zu engagieren? „Auf jeden Fall“, sagt er, man müsse ja nicht gleich für den Gemeinderat kandidieren. Immerhin gebe es viele Möglichkeiten, etwas für seine Stadt oder Gemeinde zu tun. Zwar sei das Engagement mit einigen Aufwand Verbunden, aber es lohne sich. Und das gilt im Falle Tobias Hardts offenkundig auch für Stadtteilarbeit. Seit den vergangenen Neuwahlen gehört er als Mitglied dem Bürgerausschuss-Zell an.

In dieser Serie stellt die EZ Gemeinderäte und -rätinnen sowie Kreisräte und -rätinnen aus verschiedenen Gemeinden vor. Sehr junge Ratsmitglieder, sehr erfahrene Räte, Personen mit unterschiedlichsten Erfahrungshorizonten.

Zur Person

Tobias Hardt gehört dem Esslinger Gemeinderat für Die Linke seit 2014 an. Er wurde 1963 in Leverkusen geboren und ist im Bergischen Land aufgewachsen. Studiert hat er Sozialpädagogik in Esslingen und war bis vor eineinhalb Jahren Mitarbeiter in einem evangelischen Kindergarten in Köngen. Wegen seiner starken Sehbehinderung kann er den Beruf nicht mehr ausüben. Tobias Hardt ist verheiratet und hat zwei mittlerweile erwachsene Kinder. Im Esslinger Gemeinderat ist Hardt in diesen Ausschüssen vertreten: Ausschuss für Bildung, Erziehung und Soziales, Ausschuss für Technik und Umwelt, Betriebsausschuss Stadtentwässerung, Betriebsausschuss Städtische Gebäude, Eigenbetrieb Städtische Pflegeheime, Werkausschuss Städtischer Verkehrsbetrieb.

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