Dang Qiu bejubelt den bisher größten Erfolg seiner Karriere. Foto: AFP/Tobias Schwarz

Der überraschende EM-Titel des 25-jährigen Dang Qiu löst großen Jubel bei der Familie und seinem ehemaligen Verein TTC Frickenhausen aus – und ist wichtig für die Zukunft des deutschen Tischtennis.

Der große Bruder platzte vor Stolz: „Dieser Erfolg ist so was von verdient, Dang hat sich so unfassbar verbessert“, freute sich Liang Qiu. Und auch Jürgen „Max“ Veith war am Tag nach dem großen EM-Triumph von Dang Qiu noch voller Emotionen: „Wir sind hier alle aus dem Häuschen, damit hat doch niemand gerechnet, der ganze Verein, die ganze Region freut sich unbändig mit. Das ist einfach genial“, jubelte der frühere Manager des ehemaligen Bundesligisten TTC Frickenhausen.

Dort hat hat der in Nürtingen geborene neue Champion das Tischtennis-Abc erlernt. Sein Vater Jianxin Qiu hatte den Verein geprägt und ihn zu zwei deutschen Meisterschaften 2006 und 2007 und dem ETTU-Pokal-Gewinn (2007) geführt. Nachdem der Club aus finanziellen Gründen in die Niederungen der Landesklasse abgerutscht war, machte die Familie notgedrungen den Abflug. Das Familienoberhaupt trainiert nach wie vor ein Firmenteam in Tokio, Dang und sein älterer Bruder Liang verfolgten ihre Karriere bei anderen Clubs.

Nur Mutter Chen Hong, eine ehemalige chinesische Nationalspielerin, hält bis heute die Stellung im eigenen Haus im Frickenhausener Ortsteil Linsenhofen. „Wenn Dang diese Woche nach Hause kommt, habe ich mit der Mama schon ausgemacht, dass wir gemeinsam mit den beiden Söhnen auf diesen Wahnsinnserfolg anstoßen“, sagt Veith.

Liang (27) studierte Wirtschaftswissenschaften, konzentriert sich inzwischen aufs Berufliche, spielte zuletzt bei Zweitligist Sport-Union Neckarsulm und künftig in der Schweiz beim TTC Muttenz. Die große Karriere im Tischtennis machte der kleine Bruder. Veith ist über die Leistungsexplosion des 25-Jährigen schon etwas überrascht. Doch von ungefähr kommt es nicht, dass er mit dem in Deutschland ungewöhnlichen chinesischen Penholder-Griff der Tischtenniswelt das Fürchten lehrt.

Eiserne Disziplin

Das Talent war ihm ohnehin in die Wiege gelegt. Auch den unbändigen Willen hat er von den Eltern. Mit eiserner Disziplin, aber ohne Drill und ohne die Schule zu vernachlässigen ging es tagtäglich im Training zur Sache. Mit dem Abitur in der Tasche arbeitete er sich Schritt für Schritt weiter nach oben: Nach der Jugendzeit in Frickenhausen ging es über Zweitligist TTC Ober-Erlenbach nach Düsseldorf. Dort trainierte er im Tischtennis-Zentrum, spielte aber von 2016 bis 2021 für den Bundesligisten ASV Grünwettersbach. Erst vor einem Jahr wechselte er zu Borussia Düsseldorf, dem FC Bayern des deutschen Tischtennis, mit dem er am 29. August gegen Post SV Mühlhausen in die neue Saison startet.

Timo Boll steht dann in seiner Mannschaft. Jene Tischtennislegende, die Qiu im EM-Viertelfinale glatt mit 4:0 besiegte und vor der er immer noch viel Respekt hat: „Wenn man den Rekord-Champion, den Mister Europameisterschaft Timo Boll aus dem Turnier wirft, muss man vielleicht auch das Turnier gewinnen“, scherzte Qiu, dessen Triumph für die Zukunft des deutschen Tischtennis enorm wichtig ist.

„Die jungen Wilden sind da“

Boll hat mit 41 Jahren seine beste Zeit längst hinter sich, und Dimitrij Ovtcharov wird am 2. September auch bereits 34 Jahre alt. Von einer Zäsur wollte Vizepräsidentin Heike Ahlert beim Deutschen Tischtennis-Bund (DTTB) zwar nicht sprechen, konstatierte aber verschobene Kräfteverhältnisse: „Die jungen Wilden sind da.“ Und auch Bundestrainer Jörg Roßkopf ging der Begriff Wachablösung (noch) zu weit: „Dafür spielen die anderen noch zu gut. Man muss realistisch sehen, unter welchen Voraussetzungen Boll und Ovtcharov angereist sind“, spielte er auf die Verletzungsproblematik der alten Hasen an.

Angriff auf Chinesen?

Dang Qiu ging dagegen in Topform an den Start und wird weiter hart an sich arbeiten. Um vielleicht auch mal die chinesische Übermacht anzugreifen? „Dang weiß mit seinen Wurzeln zumindest genau, wo die weltbesten Spieler verwundbar sind“, sagt Liang Qiu und freut sich schon auf das Wiedersehen in dieser Woche in Linsenhofen. Dann kocht die Mama ein chinesisches Lieblingsgericht. Was es genau gibt? „Irgendetwas mit Fleisch. Fleisch muss bei Dang auf jeden Fall dabei sein“, verrät Liang.