Der Ehrgeiz von Timo Boll ist ungebrochen. Foto: dpa/Swen Pförtner

Er spielt auch noch mit 40 Jahren auf Weltklasseniveau: Timo Boll spricht vor dem Start der Tischtennis-Bundesliga über seine weiteren Ziele und den Stellenwert seiner Sportart.

Stuttgart - Timo Boll hatte nur eine kurze Verschnaufpause nach den Olympischen Spielen. An diesem Freitag (20 Uhr) startet das unverwüstliche Tischtennis-Ass mit Titelverteidiger Borussia Düsseldorf gegen den SV Post Mühlhausen in die neue Saison. Wie motiviert sich der 40-Jährige nach elf gewonnenen Mannschaftsmeisterschaften für den Bundesligaalltag?

Herr Boll, haben Sie sich gut erholt vor dem Bundesligastart?

Nach den Olympischen Spielen fühlte ich mich schon ziemlich kaputt. Jetzt war ich mit Familie und Freunden bis zum vergangenen Montag ein paar Tage in Berlin, das tat richtig gut.

Großstadt-Rummel statt Abgeschiedenheit – können Sie da entspannen?

Wir alle mögen Berlin sehr gerne, haben gut gegessen, und es gibt dort durchaus Ecken, wo man sich zurückziehen kann.

In China sind Sie ein Superstar, Straßen müssen gesperrt werden, wenn Sie auftauchen, in Deutschlands Hauptstadt laufen Sie unerkannt durch die Gegend?

Wer mich kennt, weiß, dass mir das nicht unangenehm ist. Ab und zu fragt mal jemand nach einem Foto. Aber das hält sich im Rahmen und ist kein Vergleich zu China.

„Körperlich bin ich limitiert“

Mit ein bisschen Abstand: Welches Gefühl überwiegt bei Ihnen, die Freude über Silber mit der Mannschaft oder die Enttäuschung über die verpasste Einzelmedaille?

Was heißt verpasst, es wäre schon ein verdammt langer Weg gewesen bis zur Einzelmedaille. Mein Gegner erwischte im Achtelfinale einfach einen super Tag, und ich bin nicht über mich hinausgewachsen. Dann muss man das anerkennen.

Das klingt fast so, als würde Ihnen die Überzeugung, der letzte Biss fehlen?

Nein, ich bin schon ehrgeizig, und wer bei den Olympischen Spielen nicht bissig ist, hat dort nichts verloren. Aber ich bin körperlich eben inzwischen schon etwas limitiert und kann nicht sagen, ich ändere meine Grundtaktik, indem ich die Beine in die Hand nehme, alles umlaufe, nur mit der Vorhand spiele, volles Risiko gehe und nur angreife. Umso mehr freut es mich, dass ich in der Mannschaft meine Leistung gebracht habe. Und Silber mit dem Team ist ein Riesenerfolg.

Weil gegen die Tischtennis-Supermacht China einfach nichts zu machen ist?

Als Mannschaft sind sie so gut wie unschlagbar. Sie werden mental einfach nicht labil. Wenn ein Spieler mal wackeln sollte, ist der nächste Topmann auf allerhöchstem Niveau zur Stelle.

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An der Dominanz wird sich also nach menschlichem Ermessen nie etwas ändern?

Man müsste vielleicht öfter gegen sie spielen, um sich besser auf sie einzustellen. Aber letztendlich profitiert China von seinem speziellen Sportsystem. Tischtennis wird dort als Berufszweig gesehen, in dem die Ausbildung unglaublich früh beginnt. Kinder werden bereits mit drei oder vier Jahren in ein Sportinternat gesteckt, das ist in Deutschland undenkbar. Das fehlt uns, um den entscheidenden, allerletzten Schritt früher machen zu können.

Sie sind 40. Der Rücken zwickt, die Gelenke tun weh. Ist es denn wirklich denkbar, dass Sie bei den Spielen 2024 in Paris noch einmal angreifen?

Puh, keine Ahnung, ob das mein Körper noch mitmacht. Das ist noch lange hin, aber klar ist, dass mir mein Sport immer noch sehr viel Spaß macht. Der Reiz ist ungebrochen, und deshalb ist eine erneute Olympiateilnahme nicht unmöglich. Wenn ich noch das Niveau habe, zu den zwei Besten zu gehören, die im Einzel starten können, warum sollte ich dann nicht dabei sein.

Trotz Ihres Alters haben Sie dieses Jahr souverän den EM-Titel geholt. Spricht das nicht gegen den deutschen und europäischen Nachwuchs?

Nein. Zum einen hatte ich in Warschau eine wahnsinnig gute Woche, zum anderen haben die Europäer, allen voran mein Teamkollege Dimitrij Ovtcharov, bei den Olympischen Spielen gezeigt, dass sie eine sehr gute Rolle spielen können.

„Kay Stumper ist ein Ausnahmekönner“

Sehen Sie denn ein deutsches Toptalent?

Unser U-19-Europameister Kay Stumper ist ein Ausnahmekönner, er ist 18 und muss den entscheidenden Schritt noch machen. Und zwar bald. Je älter man wird, desto schwieriger wird es. Das wird kein Selbstläufer.

Genauso wie das alte Thema, Tischtennis aus seinem Schattendasein in der Öffentlichkeit zu führen. Welche Ideen haben Sie?

Ich finde, in diesen Coronazeiten ist Tischtennis zu einem Trendsport geworden. Die Leute haben sich in den Parks um die Platten gekloppt. Aber um im Spitzensport einen Boom auszulösen, müssten die Programmchefs der Fernsehsender Interesse zeigen, unsere spektakuläre und mitreißende Sportart attraktiv zu präsentieren. Aber ich glaube, selbst ein Olympiasieg würde nicht dazu führen, den Schalter umzulegen. Was nicht heißt, dass wir nicht weiterkämpfen.

Wie motivieren Sie sich nach dem Höhepunkt Olympische Spiele für den Alltag in der Bundesliga, nachdem Sie schon elf Mal die deutsche Mannschaftsmeisterschaft gewonnen haben?

Mir macht das Training mit den Jungs einfach Spaß, da werden auch Sprüche geklopft. Das ist es, was mich am Leben hält (lacht).

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Und nach der Karriere werden Sie dann Bundestrainer?

Ich versuche ja jetzt schon mein Know-how mit meinem Online-Coaching-Projekt weiterzugeben. Ob ich mal Vereins- oder Bundestrainer werde, das lasse ich auf mich zukommen.

Ihre siebenjährige Tochter trainieren Sie ja bestimmt jetzt schon?

Sie spielt lieber Tennis. Sie soll machen, auf was sie Lust hat. Ich würde sie fördern, aber nie zu etwas zwingen.

Timo Boll

Vita
Timo Boll kam am 8. März 1981 in Erbach zur Welt. In den Jahren 2003, 2011 und 2018 war Boll zeitweise die Nummer eins der Weltrangliste. Er nahm bisher an sechs Olympischen Spielen teil. Seit 2006 spielt er für den deutschen Rekordmeister Borussia Düsseldorf in der Bundesliga.

Persönliches
Er ist seit dem 31. Dezember 2003 verheiratet. Das Paar hat eine gemeinsame Tochter (7). Die Familie lebt in Höchst im Odenwald. Boll ist großer Fußballfan von Borussia Dortmund.