Misshandelt, vernachlässigt, entsorgt: Für traumatisierte Reitpferde gibt es nun in Backnang einen Zufluchtsort, an dem sie wieder Vertrauen in den Menschen fassen können.
Pferde haben eine reine Seele – davon ist Eileen Kraus überzeugt. Anders lässt sich kaum erklären, wieso selbst schwer traumatisierte Tiere dem Menschen nochmal eine Chance geben. Zum Beispiel Jessy. Das 25 Jahre alte Deutsche Reitpony mit weißer Blesse hat schlimme Jahre hinter sich. An diesem frostigen Vormittag steht es in einer Außenbox des Reitstalls von Sarah Gross in Backnang-Horbach (Rems-Murr-Kreis), kaut genüsslich Heu und lässt sich das fuchsfarbene Fell von der Wintersonne wärmen.
Dass Jessy endlich ein gemütliches Zuhause hat, ist dem Verein Letzte Weide zu verdanken, der sich vor wenigen Monaten in Backnang gegründet hat. Die derzeit 13 Vereinsmitglieder sind allesamt Tierfreunde und wollen traumatisierten Pferden einen Ort geben, an dem sie artgerecht leben und wieder Vertrauen in den Menschen fassen können. „Wir sind kein Gnadenhof. Unsere Philosophie ist: Hier ist nicht das Ende, sondern ein Neuanfang“, betont Sarah Gross. Die 39-Jährige ist seit Kindertagen fasziniert von Pferden, besitzt selbst eines und hat den Stall, in dem Jessy ein neues Zuhause gefunden hat, von ihren Eltern gepachtet.
„Jessy war ursprünglich ein Pony für Springturniere“, erzählt Eileen Kraus: „Sie hat irgendwann einen Sprung verweigert und wurde dann von der Reiterin dazu gezwungen.“ Jessy stürzte, erlitt eine Schädelfraktur und erblindete auf dem rechten Auge. Auf Springturniere konnte sie von da an nicht mehr gehen – und war nun nutzlos für die Eigentümer. Sie wurde zum Wanderpokal. „Jessy ist durch viele Mädchenhände gegangen.“ Pferde hätten zu funktionieren, und nicht selten würden schon Kinder zu Tätern, weil sie dazu angewiesen werden, sagt Eileen Kraus, die Pferdetrainerin und Reitlehrerin ist.
Trauriges Pferdeschicksal ist kein Einzelfall
„Das Pferd ist ein Sportgerät, es bringt hohe Kosten mit sich, und dafür erwarten viele Menschen Funktionalität, egal ob es um Springen, Dressur- oder Westernreiten geht“, ergänzt Sarah Gross. Auch Eileen Kraus weiß aus ihrem Berufsalltag, dass Jessys Schicksal kein Einzelfall ist. Denn bei ihrer Arbeit begegnet sie immer wieder misshandelten, verwahrlosten und traumatisierten Pferden. Manche kommen als sogenannte Korrekturpferde zu ihr, da die Eigentümer nicht mit ihnen klarkommen. Weil sie sich losreißen, buckeln, ausschlagen, weil sie steigen oder Menschen über den Haufen rennen.
Das seien die Kandidaten, die Glück hätten, sagt die 36-Jährige. Denn ihre Besitzer, die meist nicht die Täter seien, geben ihnen eine Chance und sind bereit, auch an sich zu arbeiten. „Andere tun das nicht, sondern geben das Pferd weiter oder verkaufen es dem Schlachter.“ Gegenüber Pferden mangele es oft an Wertschätzung, sagt die Fachfrau bedauernd: „Man muss sich bewusst machen, dass Pferde Fluchttiere sind und es ein Geschenk ist, wenn man sich auf ihren Rücken setzen darf.“ Nicht immer sei böser Wille im Spiel, sondern teils schlicht Unwissenheit, ergänzt Sarah Gross, die einen Pferdeführerschein für Halter sinnvoll fände.
Pony Jessy stand völlig verwahrlost im Stall
Als Eileen Kraus Jessy im Reitstall entdeckte, bot sie ein Bild des Jammers: „Sie war komplett verwahrlost, hatte zwei Jahre keinen Hufschmied gesehen, lahmte, und ihr Fell war verklebt mit dicken Matschplatten.“ Eileen Kraus rief die Besitzerin an und fragte nach Jessy. „Sie hat sofort gesagt: Das Pony kannst du haben – ohne mich jemals gesehen zu haben.“
Das Ziel des Vereins Letzte Weide ist es, Pferden wie Jessy zu helfen. „Sie können nicht sprechen, aber wenn sie es könnten, würde es einem das Herz zerreißen“, sagt Eileen Kraus. Mit Geduld, Einfühlungsvermögen und Training hat sie es geschafft, dass Djamal, ein 19 Jahre alter Hannoveraner aus dem Dressursport, einfach stehen bleibt, wenn ihm der Druck zu groß wird. „Früher ist er in dieser Situation durchgegangen und so lange gerannt, bis der Reiter runtergefallen ist“, sagt Sarah Gross.
Das Rennpferd Prinz starb an einer Stresskolik
„Solche traumatisierten Tiere komplett zu heilen, geht nicht. Aber viele kann man lebensfähig machen“, sagt Eileen Kraus. Bei Prinz, einem englischen Rennpferd aus Wales, das in vier Jahren fast 20-mal den Besitzer wechselte und ebenfalls vom Verein betreut wurde, sei ihr das leider nicht gelungen. „Ich habe es vier Jahre versucht, aber er ist an einer Stresskolik gestorben. Rennsport ist das Grausigste, was es gibt, und gehört verboten.“
Der Stall in Horbach bietet genug Platz für vier weitere Pferde, doch dafür braucht der Verein Unterstützung. Die sei sowohl in Form von praktischer Hilfe als auch in Form von Patenschaften und Spenden möglich, sagt Sarah Gross: „Jede Spende ist hilfreich. 50 Euro decken zum Beispiel die monatlichen Kosten für das Heu eines Tiers.“ Zudem sind weitere Mitglieder willkommen. „Wir freuen uns auch über passive Mitglieder. Der Jahresbeitrag ist mit 30 Euro überschaubar, aber damit können wir planen.“
Mehr zum Verein unter www.letzteweideev.de