Nicht nur im Tierheim Stuttgart werden immer mehr kranke Tiere abgegeben. Manchen Tierhaltern fehlt wirklich das Geld für den Tierarzt, andere wollen ihren alten Hund loswerden.
Die Episode, die Petra Veiel erzählt, bringt das Problem in wenigen Sätzen auf den Punkt. Es werden zunehmend mehr alte Tiere oder Tiere ausgesetzt und abgegeben, „die seit Jahren schwer krank sind und keinerlei medizinische Versorgung erhalten haben.“ Die Sprecherin des Stuttgarter Tierheims hat dafür zwei Erklärungen: Die Menschen hätten weniger Geld oder schlicht „keinen Bock mehr“ auf ihre Tiere. Petra Veiel wird drastisch in ihrer Wortwahl, wenn sie sagt: „Ein Tierheim ist kein Reparaturbetrieb für jahrelange Vernachlässigung. Und es ist keine moralische Waschmaschine, um sich im letzten Augenblick von Verantwortung reinzuwaschen.“
Wenig Einsicht bei Haltern
Denn Veiel erinnert sich an ein Ereignis, das ihr nachhaltig in Erinnerung geblieben ist. Ein Tierbesitzer wollte einen 17 Jahre alten inkontinenten Hund im Tierheim in Stuttgart-Botnang abgeben und fragte fast im gleichen Atemzug, ob die Tierschützer gerade Welpen in der Vermittlung hätten. Das sind die Momente, in denen sich die Tierpflegerinnen und Tierpfleger sehr zurückhalten müssen. Dazu kommen die Tierhalter, die nicht verstehen, dass sie, wenn sie ihr Tier abgeben wollen, eine Abgabegebühr – bei Katzen zwischen 50 und 250 Euro, bei Hunden zwischen 200 und 350 Euro – zahlen sollen. Tenor: Warum soll ich zahlen, wenn ich ein Tier doch gar nicht mehr habe und Sie das Tier doch wieder verkaufen? Die Antwort lautet: Weil das Tier versorgt und medizinisch betreut wird.
„Die jahrelange Vernachlässigung, der Verzicht auf medizinische Versorgung sind mitverantwortlich für den Zustand der Tiere.“
Petra Veiel, Tierheim Stuttgart
Die Reihe der ihren Besitzern überdrüssigen Tiere ließe sich fortsetzen. Veiel kann gleich mehrere Fälle aufzählen. Da war der Hund Giszmo, der als angebliches Fundtier im Tierheim abgegeben wurde. Schnell war klar, dass er schwer krank war – und nicht erst seit gestern. Er starb nach wenigen Wochen. Der Gesundheitszustand eines Abgabehunds namens Jonny war wesentlich schlimmer, als seine Besitzer zugaben. Und die Katze Pascha war in einem Zustand, „der selbst erfahrene Mitarbeitende des Tierheims sprachlos machte“ so Veiel. Er musste zwei Tage nach seiner Übergabe eingeschläfert werden.
Für alle drei Beispiele gelte: „Ihr Tod war kein Schicksal“. Die jahrelange Vernachlässigung, der Verzicht auf medizinische Versorgung seien mitverantwortlich für den Zustand der Tiere. Veiel spricht von zum Teil „schockierender Gleichgültigkeit“ mancher Tierhalter gegenüber ihren Tieren, die auch schon mal in dem Satz gipfelt: „Ich war nie beim Tierarzt.“ Seit etwa zwei Jahren habe das massiv zugenommen.
Gestiegene Tierarztkosten
Eine Beobachtung, die Ursula Gericke, die Leiterin des Tierheims Ludwigsburg, bestätigt. Seit dem Anstieg der Tierarztkosten durch die neue Gebührenordnung aus dem Jahr 2023, habe sich die Lage dramatisch verschärft. Zudem nähmen Tierkrankenversicherungen alte Tiere nur zu hohen Betragsätzen auf. Weshalb etwa besonders viele alte Katzen beispielsweise mit Zahn- oder Schilddrüsenproblemen abgegeben würden. Zu den ihrer Tiere Überdrüssigen kommen laut Gericke aber auch die, die vor existenziellen Überlegungen stehen. Sie erinnert sich an eine Frau, die sie mit der Frage konfrontierte: „Was würden Sie tun, ihrem Kind Essen kaufen oder mit der Katze zum Tierarzt gehen?“. Gerade hat eine Familie eine völlig übergewichtige zehn Jahre alte Chihuahua-Hündin, verfloht, mit kaputten Zähnen und entzündeten Krallen abgegeben. Auch hier die Begründung des Sohnes: „Meine Mutter kann sich den Tierarzt nicht mehr leisten.“ Gericke kennt jedoch wie ihre Stuttgarter Kollegin auch die Fälle, in denen bei Abgabe eines alten Hunds gleich nach einem Welpen gefragt werde.
Eine weitere Folge der gestiegenen Tierarztkosten, die sie beobachtet: Immer mehr Tiere würden bei Schmerzen keine Medikamente bekommen oder aus Kostengründen Medikamente aus der Humanmedizin. Ibuprofen sei jedoch tödlich für Hunde.
Befeuert wird die Entwicklung durch die Anschaffung von Moderassen, die zum Teil durch Zucht extreme Gesundheitsprobleme haben. Petra Veiel nennt die Schottischen Faltohr-Katzen (Scottish Fold), die abgeknickte Ohren haben. Viele fänden das extrem niedlich. Die genickten Ohren sind jedoch das Resultat gezielter Fehlzüchtungen, die Knorpel und Knochen am ganzen Körper betreffen und tierärztliche Behandlungen nötig machen können. Die Atemprobleme bei Möpsen durch die extrem kurz gezüchtete Schnauze seien ein weiteres Problem, das manchen Hundebesitzer erst nach der Anschaffung bewusst werde. „Die Menschen müssen sich vorher informieren, welches Tier sie sich anschaffen und sich bewusst machen, dass sie womöglich ein chronisch krankes Tier haben, das lebenslang tierärztliche Betreuung braucht“, fordert Veiel.
Crowdfunding zur Finanzierung
Landen die Tiere dann etwa im Stuttgarter Tierheim, sind es die Tierschützer, die die Tierarztkosten zu tragen haben. Durch Crowdfunding versucht etwa das Tierheim Ludwigsburg die Kosten für teure Operationen zu finanzieren. Außerdem bleiben kranke Tiere bis zur Vermittlung an neue Besitzer meist länger im Tierheim. Manche auch für immer. Auch das setzt Tierheime finanziell unter Druck. Obendrauf, so Veiel komme aber noch die emotionale Belastung für die Tierpfleger, in steigender Zahl Tiere zu erleben, „die bei uns sterben“.